Kultur : Der Laptop ist meine Gitarre

Idealismus als Business: Beim „Marke-B“-Festival treffen sich die kleinen Berliner Musiklabel

Sebastian Handke

Wenn sich ab heute Berliner Independent-Musiklabels beim Festival „Marke B 05“ treffen, wird Tim Renner, ehemaliger Chef von Universal Deutschland, nur Zaungast sein. Obwohl sein Label kaum größer ist als einige dort anwesende Unternehmen: Mit der 1994 gegründeten und später von Universal geschluckten Firma Motor Music fängt er jetzt wieder bei null an. Dass sich Kaffeetassen nicht selbstständig säubern und die Post weggebracht werden muss, daran musste der ehemalige CEO – Chief Executive Officer, so die neudeutsche Bezeichnung eines Geschäftsführers – erst wieder gewöhnen. Dafür ist er die aufreibende, nach innen gerichtete Beschäftigung mit Unternehmensabläufen los. „In so einem kleinen Laden musst du nicht moderieren. Hier musst du nur kommunizieren.“ Ist es nicht auch ein bisschen traurig, plötzlich kleinere Brötchen zu backen? „Meine Alphatierhörnchen habe ich mir bei Universal abgestoßen. Dafür kann ich jetzt selbst entscheiden, ob ich Brötchen, Hörnchen oder Brezeln backe.“

Seine Künstler durfte Renner nicht mitnehmen, die Namensrechte an Motor dagegen schon – sie wurden mit dem Verzicht auf 147 Tagen Resturlaub abgegolten. Dann schrieb er ein Buch über die Zukunft der Musikwirtschaft. „Das war Reflexionsprozess und Katharsis zugleich.“ Einen Grund zur Bescheidenheit sieht der ehemalige Mogul nicht: „Motor FM“, sein werbefreier Sender für Indierock, ist bereits auf Sendung, und die verwaiste Motor-Website wurde in ein Onlinemagazin für die Szene umgewandelt. Motor Music ist ein Experiment: ein Indie-Label, geführt mit den Methoden eines Majors, das zugleich die Rückkehr sucht zu seinen Wurzeln. „Es ist dieselbe Religion. Aber eine andere Kirche. Marke und Haltung müssen wieder zum Teil der Botschaft werden.“

Wie man mit einer Haltung hohes Ansehen erwirbt, das hat kaum jemand so gut vorgemacht wie Thomas Morr. Daher folgen ihm seine treuen Kunden auch, wenn er nun einen Haken schlägt. „Morr Music“ entfernt sich sachte von seiner zum Markenzeichen gewordenen Form der elektronischen Musik. Im Labelporträt stand bis kürzlich, dass der Laptop die neue Gitarre sei. Jetzt ist die Gitarre der neue Laptop. „Ich sehe mich als eine Art Kurator“, sagt Morr, „und habe einfach die Entwicklung meiner Künstler mitvollzogen“. Morr fing klein an, in seiner Wohnung am Prenzlauer Berg, inzwischen ist seine Firma eines der international bekanntesten Labels der Stadt. Die Zahl von 5000 Itunes-Downloads, die Morr Music im Monat verbucht, wirkt geradezu spektakulär.

Morr hat eine glückliche Hand bei der Auswahl seiner Künstler. Bereits die ersten drei Veröffentlichungen kamen von Künstlern, „die damals schon sehr nach sich selbst klangen“. Fleischmann, Lali Puna oder ISAN, die bei dem Festival auftreten werden, sorgen für Wiedererkennungswert auch heute noch, da sich die Gitarre wieder in den Vordergrund spielt. Morr hat ein Büro am Helmholtzplatz bezogen und zwei Mitarbeiter eingestellt. „Zum ersten Mal habe ich zwölf Tage Urlaub gemacht. Ohne Laptop. Ohne Sorgen.“ Einer von ihnen ist Jens Alder, ein nicht eben überschwänglicher Mensch. Der Ostberliner hat Vermessungswesen studiert, nebenher half er bei Morr Music aus. Als Morr sich an ihn gewöhnt hatte und fest engagieren wollte, wurde Alder gerade eine Doktorandenstelle angeboten. Er lehnte ab, zugunsten der Kunst.

Seither fördert Morr das Kleinlabel seines Angestellten: „Lok Musik“. „Bis dahin war das ein Hobby: zwei Veröffentlichungen pro Jahr, ein Semesterferienprojekt.“ Alder kann als Entdeckter von Contriva, Mina und Masha Qrella gelten, die er dann an größere Labels weitergab, während er selbst weiterhin deren Vinyl-Ausgaben vertrieb. Doch die Zeiten, als er nur Liebhaber-Vinyl in Tschechien pressen ließ, sind vorbei: Die sehr hörenswerten Instrumental-Melancholiker Jersey (heute Abend bei Marke B) werden die erste Band sein, die Lok für sich behält. Gitarre spielt dort Alders ehemaliger Mitbewohner Max Punktezahl, der als Eisenbahn-Liebhaber auch Pate für den Namen des Labels stand. Bislang rekrutieren sich die Lok-Musiker vor allem aus einem Freundeskreis. „Jetzt muss ich sehen, wo ich neue Künstler finde.“

Ein Problem, das der Exilschwabe Daniel Wiest nicht kennt. Seine Marktlücke ist das Abschöpfen der sich selbst überlassenen Indie-Szene in Stuttgart, wo man offensichtlich nur als Hip-hopper Förderung findet. Wiest wirkt wie das Gegenteil des umtriebigen Unternehmers Tim Renner. Ein wenig konfus sagt er am Ende des Interviews mit gedehntem Karlsruher Einschlag: „Jetzt fällt mir alles ein. Können wir noch mal anfangen?“ Wiest mag ein gemächlicher Mensch sein, in der Sache ist er sehr bestimmt.

Er liebt „elektroakustische Musik“, wie er es nennt, doch vieles ist ihm zu „hedonistisch“. „Gut und Böse, Schönheit und Relevanz – das gehört doch zusammen. Das Böse ist halt nur in Texten popmäßig auswertbar. Musikalisch geht das nicht, das mag keiner hören.“ Daher hat er im letzten Jahr gemeinsam mit einem Stuttgarter Verlag eine deutschsprachige Reihe ins Leben gerufen, die „Edition Lautsprecher“. Deren Zugpferd sind Rocket Freudental (am Samstagabend bei Marke B). Als Liveband existieren sie schon seit acht Jahren, doch erst Wiest gelang es, ihre eigentümliche Punk-Energie auf ein Album zu bannen.

„Eine Mischung aus Harald Schmidt und Franz Müntefering“, sagt er über das Rockduo, dessen Single „Vierundzwanzig Stunden im Leben eines Kunden“ ein kleiner Hit ist, zumal in Berlin, wo der an Fehlfarben erinnernde Duktus auf fruchtbaren Boden fällt. Eine politische Band? „Die Schwaben sind immer politisch. Wer dort Abitur macht, wächst mit diesem verklärten Humanismus auf.“ Wie es Wiest mit dem Humanismus hält, sagt er nicht, zu jenem Idealismus, den man braucht, wenn man manchmal nur 300 bis 400 Platten seiner Künstler verkauft, neigt er durchaus. Doch mit Rocket Freudental, so fügt er hinzu, wird er wohl bald eine Erfolgsstufe erreichen, an der es dann vielleicht heißen muss: „Idealismus runter. Business rauf“.

Marke B 05, 27. Mai, ab 21.30 Uhr, und 28. Mai, ab 22.30 Uhr, im Maria am Ufer (Schillingbrücke, Friedrichshain).

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