Kultur : Der Lebensempfindliche

Das Kleine groß machen wie kein anderer, und wenn es nur ein Augenaufschlag war – zum Tode des Schauspielers Ulrich Mühe.

Kerstin Decker
Ulrich Mühe
Ulrich Mühe. -Foto: dpa

Man hätte sich vorbereiten können, Andeutungen gab es. Auch solche, dass es bald geschehen könne, sehr bald. Und doch weigerte sich etwas, sich auf diesen Tod einzustellen. Überhaupt an Ulrich Mühe in der Vergangenheitsform zu denken. Zu wem passt der Tod schon? Zu einem wie ihm am wenigsten. Vielleicht, weil er wie kein Zweiter etwas sichtbar machen konnte, was sich doch gar nicht zeigen lässt: den Glutkern des Lebens selbst, auch den dunklen des Todes, das ist schon wahr. Er war feinnervig bis zur Durchsichtigkeit.

Der Schauspieler Ulrich Mühe war wie die Verkörperung des Typus’ des Künstlers. Es ist sehr schwer, die Verkörperung von etwas zu sein. Nicht-Verkörperungen haben es einfacher, etwa ein Dichter mit dem Gemüt eines Fleischermeisters. Aber diese Lebensunempfindlichkeit fehlte ihm. Es ist noch immer schwer mit dem Präteritum. Am vergangenen Sonntag schon ist Ulrich Mühe in seinem Wochenendhaus in Sachsen-Anhalt gestorben. Und wurde gestern bereits beerdigt. So hat er es gewollt. Seinen ganz eigenen Tod zu sterben, nicht medienumlauert. Und schon fort zu sein, endgültig, bevor sich die telegene Hinterbliebenengemeinde am Grab formieren kann. Ulrich Mühe hat sich den Kameras ausgesetzt und selbst bestimmt, wann er es nicht mehr wollte.

„Ich bin froh, dass es so gekommen ist … Du trägst es besser. Du bist ein Mann!“, sagt die todkranke Diotima zu Hölderlin und meint, dass sie vor ihm sterben wird. Das war in Hermann Zschoches traumtiefem Defa-Film „Hälfte des Lebens“ von 1984, Ulrich Mühe war Hölderlin, Jenny Gröllmann war Diotima. Nach diesem Film haben sie geheiratet. Beide waren schon lange nicht mehr füreinander, was die verheiratete Frankfurter Bankiersfrau einmal für den Dichter war, aber genau so ist es gekommen. Sie ist vor ihm gestorben, fast um die gleiche Zeit, im Sommer vor einem Jahr. An Krebs wie er.

Dass Jenny Gröllmann in Unfrieden starb, daran war auch Ulrich Mühe schuld. Weil er in einem Interview im Begleitbuch seines Films „Das Leben der Anderen“ gesagt hat, dass er die Filmhandlung fast schon kenne – aus seinem eigenen Leben. Ein Ehepaar, und die Frau bespitzelt ihren Mann. So hatte er es erfahren, birthlerbehördeninformiert, gutachterbestätigt. So hat er es weitergesagt. Als Beispiel, dass Kino viel mehr als Kino ist. Da ahnte noch niemand den Erfolg des Films, am wenigsten der Filmhochschulabsolvent und Erstlingsregisseur Florian Henckel von Donnersmarck. Da konnte Ulrich Mühe noch nicht voraussehen, dass einmal Tom Cruise ihm Genesung wünschen würde – weil selbst einer wie Cruise plötzlich wusste, wer Ulrich Mühe ist.

„Das Leben der Anderen“, der Oscargewinnerfilm. Vorher hatte Mühe für seine Rolle darin schon den „Europäischen Filmpreis“ bekommen. Kurz bevor Mühe zur Oscar-Verleihung flog, im Februar, soll er von der Krankheit erfahren haben. Von ihrem Ausmaß wohl auch. Die Reise war schon ein Trotzdem. Vom Standpunkt der Ewigkeit aus gesehen ging das in Ordnung: Ein Schauspieler sollte sein Leben unbedingt mit einem Oscar beschließen. Und es war ja seiner. Denn „Das Leben der Anderen“ ist Mühes Film.

Er ist der Mann der Staatssicherheit, der in den Achtzigern einen bekannten DDR-Schriftsteller (Sebastian Koch) überwacht, auch dessen Frau (Martina Gedeck) zum Werkzeug macht und dem zuletzt das Einfachste und doch von keinem Geheimdienst Vorhersehbare geschieht: Er verliebt sich in diese Frau und wird irre an sich.

Wie kolportagegefährdet war diese Geschichte. Aber was in seinem Gesicht, in seinen Augen passierte, hielt stand. Andere haben Gesichter. Er hatte einen Seismographen. Er gab diesem ewigen verlässlichen Rädchen im Getriebe der Macht alle tschekistische Selbstgerechtigkeit und den unvergänglichen Zynismus derer, die erst fühlen, dass sie lebendig sind, wenn sie die Gewalt über fremdes Leben haben.

Ja, dieser Schauspieler – sensitiv bis zur Durchsichtigkeit – besaß schon immer auch eine große Begabung zur Kälte; die hatte ihn auch zum Sarah-Kane-Darsteller gemacht (gemeinsam mit seiner dritten Ehefrau Susanne Lothar in „Gesäubert“ an den Hamburger Kammerspielen und zuletzt in Kanes „Zerbombt“ an der Berliner Schaubühne). Die hatte ihn zu dem Ausnahmefilmer Michael Haneke gebracht, und Haneke zu ihm in „Bennys Video“ und in „Funny Games“. Hanekes Filme sind Vivisektionen am lebendigen Leib, genau wie Sarah Kanes Stücke. Sie sind Versuchsanordnung für ein nie abschließbares Experiment: Wie viel hält der Mensch aus, auch als Zuschauer? Und bis wohin geht das Zeigbare?

Mit Erfrierungen musste immer rechnen, wer ihm zusah. Und mit Verbrennungen auch. Bei wenigen liegen die Kälte- und Siedepole so weit auseinander und manchmal so nah zugleich. Er war ein Extremdarsteller, denn mitunter spielte er beide: den Hitze- als Kältepunkt. Und das Seltsame war, dass seine Ausstrahlung dabei immer irgendwie geistig – überindividuell – blieb. Auch bei diesem Stasi- Mann, dem die Kostümverantwortlichen des Films jene unvergessliche hässliche Brusttaschen-Jacke gaben, die immer zu klein schien. Eine Zwangsjacke, wie der ganze Mensch in einer Zwangsjacke steckte. Alles war zu klein an ihm. Und diese kalte, armselige Zwangsjacken- Existenz bekommt plötzlich kleinste Risse. Sie durften nur klein sein, denn alles andere wäre trivial gewesen, aber Mühe konnte selbst dieses Kleine groß machen wie kein anderer, und wenn es nicht mehr als ein Augenaufschlag war. Und was folgt daraus für den Stasi-Offizier? Gerichtet? Gerettet? Nichts als die Ahnung von vertanem Leben. Härter kann es keinen treffen.

Das war die Rolle, die letzte große. Kann sein, in seiner Parallelrolle in der Wirklichkeit hat er versagt. Viele sehen es so. Wer hätte so gut wissen können wie er, dass es keine Forschungsstellen-Gutachten für gelebtes Leben gibt? Und dass das eigene Ich mehr als jede Aktenlage die letzte Urteilsinstanz ist: Kann man glauben, dass der Mensch, der einem einmal der nächste war, auch der nächste Spitzel war? Irgendwie scheint Mühe von allen, die Jenny Gröllmann kannten, der Einzige gewesen zu sein, der ihr Stasi-Nähe zuzutrauen schien. Und wenn es nur dadurch war, dass er sich nicht öffentlich von der eigenen Behauptung distanzierte.

Dabei war er auf Unfehlbarkeiten nicht angewiesen. Mühe war im Gespräch verblüffend einfach, bescheiden fast, ganz und gar unprätentiös, gewissermaßen ein Gegen-Brandauer. Vielleicht, weil es reicht, komplizierte Rollen zu spielen, da muss man nicht noch selbst kompliziert sein. Klaus Maria Brandauer war sein Gegenspieler in einem anderen großen – größeren – Verräterdrama: in Bernhard Wickis „Spinnennetz“, der Geschichte eines Emporkömmlings bis zur NS-Zeit. Als Wicki diesen – bundesrepublikanischen – Film drehte, gab es die DDR noch, Mühe war am Deutschen Theater in Ost-Berlin, und es war undenkbar, dass er es je verlassen könnte.

Niemand ist nur er selbst, nur ein Einziger. Schauspieler sind es erst recht nicht. Und einen Ulrich Mühe gab es schon lange vor dem letzten Sonntag nicht mehr. Für viele war jener der Wichtigste, der Ulrich Mühe des Deutschen Theaters.

Er war Egmont, Philotas, Hamlet in Heiner Müllers „Hamlet/Maschine“. Fast jeden Abend stand er auf der Bühne. Keiner spielte den Wahnsinn so wie er. Aber es war zugleich der geschichtliche Wahnsinn, und das Deutsche Theater dieser Zeit war ein hoch geistiger Raum, das individuelle Schicksal überindividuell zugleich. Das Pathos, postpathetisch balanciert auf einer äußersten Schneide und dann fallen gelassen.

Als die DDR weg war, ging bald auch Ulrich Mühe weg vom Deutschen Theater. Und als das Fernsehen der DDR endgültig weg war, fehlten die kleinen großen Mühe-Wendezeitfilme wie „Jugend ohne Gott“ oder „Der kleine Herr Friedemann“. Vielleicht war die Wende, herbeigewünscht, herbeidemonstriert – Mühe gehörte zu den Organisatoren und Rednern der großen Kundgebung am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz –, im Leben des Bühnenschauspielers ein fast tragischer Bruch. Denn mit einer Sache hatte er nie gerechnet: Dass die, die plötzlich aufrecht gingen, auch aufrecht weggehen würden – dass sie nicht mehr ins Theater kamen. Und Mühes Extremspiel brauchte den doppelten Boden von Kunst und Wirklichkeit und dieses Wissen, dass etwas auf dem Spiel stand.

Im Zwangssystem DDR hatte das Theater einen anderen Resonanzboden. Man sagt gern, dass es die fehlende Öffentlichkeit mitersetzen musste. Das stimmt genau, nur ersetzte es die nicht auf die Art und Weise der heutigen Öffentlichkeiten. Das Theater war anspielungshaft und war konzentrierte geistige Erfahrung zugleich, es war Komödie und Tragödie. Mühe spürte als einer der Ersten und leibhaft, dass unsere Gegenwart – vom Standpunkt des Theaters aus – in gewissem Sinne die Abschaffung der bisherigen Form der Tragödie bedeutet. Man kann sie noch spielen, natürlich, aber sie bleibt Ornament.

Den großen Tragöden Mühe, von Heiner Müller aus Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) nach Berlin geholt, der das Theater als Extremsportart betrieb, gab es bald nach der Wende nicht mehr. Obwohl er danach nicht nur in Wien Claus Peymanns „Peer Gynt“ war und noch unter manchen großen und nicht ganz so großen Regisseuren spielte.

Aber nicht deshalb kennt man ihn jetzt. Für die meisten ist dieser Hochseilartist des Kinos und Theaters vor allem – ein Seriendarsteller. Mühe, der „Letzte Zeuge“ des ZDF. Eine leise Resignation umgibt seinen Gerichtsmediziner, nicht unpassend für einen, der allerletzte Blicke auf, nein, in die Menschen wirft. Er konnte das machen, auch mit Anstand, aber es hatte nichts mehr zu tun mit dem, was der Junge aus der sächsischen Kleinstadt Grimma einmal träumte, als er nicht wagte, irgendeinem seiner Mit-Grimmaer zu sagen, was er werden wollte. Schauspieler. Es gibt Orte, da klingen solche Berufswünsche zu lächerlich. Also ist er erst einmal Baufacharbeiter geworden.

Am Montag war zu hören, dass Grimma dem Oscar-Mitgewinner und Europäischen Filmpreisträger die Ehrenbürgerwürde verleihen will. Zu spät. Aber doch, es hätte ihn gefreut.

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