Kultur : Der leere Traum

Tschechow aus dem Off oder die große Zigarettenpause: eine Bilanz des Berliner Theatertreffens 2006

Rüdiger Schaper

Wo sind die Masken? Sollten nicht Masken kommen? Einer der vielen kleinen Momente der Enttäuschung in Tschechows „Drei Schwestern“: Der versprochene Karnevalsumzug geht am Haus der Prosorows vorbei – wie fast alles: die Liebe, die Zeit, die jungen Soldaten.

Und so war das auch beim heute zu Ende gehenden Berliner Theatertreffen 2006: ein Jahrgang der unvermeidlichen Desillusionierung. Man kann es einerseits festivaltechnisch erklären. Fünf der elf ausgewählten Inszenierungen waren zuvor schon in Berlin zu sehen. „Iwanow“, „Der Kick“ und „Hedda Gabler“ stammen ohnehin aus der Hauptstadt, „Wallenstein“ (aus Mannheim) und William Forsythes choreografischer Abend „Three Atmospheric Studies“ (aus Frankfurt/Dresden) hatten hier bereits Gastspiele. Und die Wiener Marthaler-Produktion „Schutz vor der Zukunft“ wird wegen Terminschwierigkeiten erst im Oktober bei der „Spielzeit Europa“ gezeigt. So kam Festivalatmosphäre nur mal punktuell auf.

Andererseits: Die durchaus repräsentative Auswahl der Jury glich einer flächendeckenden Ausnüchterungszelle. Drei Mal Tschechow – und überall dieser Hang zur Hässlichkeit. Dieser Zwang, die Menschen Tschechows, also uns, auch äußerlich zu entblößen. Jürgen Goschs Hannoveraner „Drei Schwestern“ erinnerte fatal an Gorkis „Nachtasyl“, das er kürzlich in Hamburg inszeniert hat: Die Bourgeoisie steckt in Second-Hand-Klamotten, Olga, Mascha und Irina sind verheulte Brillenträgerinnen, die Männer, alle, eklige Gefühlsautisten. In Karin Henkels „Platonow“ aus Stuttgart das gleiche Bild. Hysterische Frauen und die Männer selbstmitleidige Fieslinge. Dagegen wirkt – aber auch nur in diesem Vergleich – Dimiter Gotscheffs Volksbühnen-„Iwanow“ wie eine hoffnungsfrohe Komödie. Gotscheff deckt die Bühne mit dickem Nebel zu, fast ein barmherziger Akt.

Man hat auch gesehen, dass das Theater der letzte Ort ist, an dem kein Rauchverbot herrscht. Qualmen bis zum Umfallen, wie beim Schauspiel Hannover: das allerletzte Refugium der Subversion.

Wenn Tschechow der Dramatiker der Stunde ist, und daran besteht kein Zweifel – schon läuft sich an der Schaubühne Luk Percevals „Platonow“ warm –, dann sind Gosch und Gotscheff die bestimmenden Regisseure. Seltsam. Die Liebe zu Tschechow hat etwas mit dem Fehlen zeitgenössischer Gesellschaftsstücke zu tun, wie sie ein Roland Schimmelpfennig noch schreibt. Und auch er hat mit Gosch seinen Stammregisseur.

Gosch und Gotscheff, beide über sechzig, waren zwischendurch in der Versenkung verschwunden. Nun erleben sie einen zweiten oder dritten Frühling. Bei allen Unterschieden: Sie sind Ingenieure des Theaters. Tüftler. Reißbrettfantasten. Strenge Formalisten. Auch darum taugt Jürgen Goschs Düsseldorfer „Macbeth“, so nackt und schmierig, so wild und blutig er sich auch gebärden mag, nicht zum Skandal. Von einem hauptstädtischen Publikum tropft das ab. Gotscheff wirkt ein Stückchen anarchischer, lässt seinen Akteuren mehr Spielraum, aber auch er setzt die Exzesse mit dem Zirkel an. Diese Trockenschwimmerei zeigt sich ebenso in den neueren Choreografien William Forsythes. Sein Konstruktivismus hat sich zuletzt noch einmal fühlbar verschärft.

Immerhin hat das Theatertreffen bewiesen: Es gibt kein Ekeltheater. Es gibt vielmehr einen Ekel vor dem Theater – seinen Illusionen, seiner prächtigen Verstellung, seiner Magie. Schauspieler und Regisseure werfen sich auf die so genannte Realität, angeblich ist ein Trend zum Doku-Theater zu beobachten. Weil Andres Veiel, der Filmemacher, mit dem „Kick“ einen grässlichen Fall rechtsradikaler Gewalt aus einem Brandenburgischen Dorf seziert? Nein – fast alle diese „bemerkenswerten“ Inszenierungen des Theatertreffens zielen auf Privatheit, auf einen Exhibitionismus der Figuren. Und die Frage bleibt: Welche Realität meinen sie? Die des Fernsehens? Der Straße?

Man kann schon mal fragen, warum so viele Inszenierungen, die 3sat ausgestrahlt hat, im Fernsehen so gut aussehen. Sicher hat sich die Aufzeichnungstechnik in den zehn Jahren, die der Sender inzwischen mit dem Theatertreffen zusammenarbeitet, verfeinert. Nur: Auch die Theaterregisseure kommen der Fernsehästhetik entgegen. Bestes Beispiel ist Thomas Ostermeiers „Hedda Gabler“ von der Schaubühne, mit der hinreißenden Katharina Schüttler. Das ist schon Theater, mit Fernsehaugen gedacht und gemacht.

Katerstimmung. Das so genannte Regietheater hat seinen Zenit überschritten, jetzt regiert angeblich wieder das Schauspielertheater, und die Ingenieure setzen mit Handwerkskunst die Bruchstücke zusammen. Das mag ihren Erfolg erklären. Das erkaltende Theaterfeuer wird auf kleiner Flamme gehalten. Man denkt, man hofft: Es muss etwas passieren. Es muss mal explodieren. Aber die schöne Mascha macht sich mit Gewalt hässlich, und Macbeth bleibt ein klebriges Würstchen. Sinnbilder des zeitgenössischen Theaters, das Joachim Sartorius, der Intendant der Berliner Festspiele, meint, gegen seine Kritiker in Schutz nehmen zu müssen. Sie schrieben unverständlich. Dabei sind es die Theaterleute selbst, die wie Fragezeichen in ihren meist kahlen Bühnenlandschaften stehen und sich geißeln. Horror vacui!

0 Kommentare

Neuester Kommentar