Kultur : Der letzte Aufmacher

Günter Wallraff und die Stasi: Beschädigt die Verstrickung seine Verdienste als Autor?

Gregor Dotzauer

Spätestens seit der Wende war er eine historische Figur. Bis dahin hatte Günter Wallraff eine ganze Generation von jungen Leuten politisiert, die in seinen Reportagen ein Aufklärungsmethode erkannten, die die Bundesrepublik von kapitalistischen Untugenden befreien sollte. Er war, für seine Zeit, ein Held. Doch nach dem Mauerfall erschien mancher Gegenstand seiner Recherchen in einem anderen Licht.

Die „Bild“-Zeitung, in die er sich unter dem Namen Hans Esser eingeschlichen hatte, um in „Der Aufmacher“ (1977) ihre schnöden Boulevard-Praktiken aufzudecken, war auf dem besten Weg, sich von Springers rechtem Kampfblatt in das Zentralorgan einer ironisch verfassten Entertainment-Gesellschaft zu verwandeln. Auch das Klassenkämpferische, das in „Ganz unten“ (1985), Wallraffs Verwandlung in den türkischen Hilfsarbeiter Ali, einen letzten eindrucksvollen Höhepunkt fand, hatte sich abgenutzt. Die Mechanismen des neuen Kapitalismus ließen sich nicht mehr über den ausbeuterischen Einzelunternehmer definieren. Die Parole „Ihr da oben, wir da unten“, die auch als Titel eines zusammen mit Bernt Engelmann geschriebenen Buches diente, tönte hohl.

Das Jahr 1989 eignet sich auch deshalb als Datum eines Bruchs, weil sich seitdem eine bibliografische Lücke in Wallraffs Werk auftut (siehe www.guenter-wallraff.de ), die erst 13 Jahre später vermeintlich geschlossen wurde. „Ich – ein anderer“ enthielt mit „Reportagen aus vier Jahrzehnten“ aber wieder nur das Beste aus der Vergangenheit. Wenn sich nun endgültig der Verdacht erhärtet, dass Wallraff als „IM Wagner“ mit der ostdeutschen Staatssicherheit kooperierte, bekommt das Wort von der historischen Figur noch eine ganz andere Bedeutung. Dann kreuzen sich in ihr die politischen Utopien und Realien zweier deutscher Staaten. Und zwar auf eine Weise, die für die noch unvollkommen dokumentierte Mentalitätsgeschichte der westdeutschen Linken eine wichtige Rolle spielen könnte.

Die Frage lautet: Ändert Wallraffs bis vor kurzem mit allen juristischen Mitteln geleugnete Stasi-Verstrickung etwas an seinen Verdiensten? Oder, um das Problem von seiner Person wegzurücken: Diskreditiert es die Erkenntnisse der Bücher, wenn sie mit Hilfe von Geheimdienst-Quellen entstanden sind? Die Antwort kann nur lauten: Nein. Die Erkenntnisse werden nicht ungültig – egal, ob man Wallraffs verbissenen Moralismus erträgt, ob man ihn als Autor schätzt oder ihn für einen unangenehmen Kollegen hält.

Man muss hinzufügen: Die Anschuldigungen hätten ihn wohl auch zu seinen besten Zeiten nicht demontieren können. Zum einen konnte (und wollte) sich damals im Westen kaum jemand etwas unter den grauen Truppen der Staatssicherheit vorstellen. Zum anderen wären fragwürdige Helfer beim Kampf um eine gerechtere, liberalere Bundesrepublik auch dem oberflächlichsten Zeitgeistlinken vermutlich nur ein Achselzucken wert gewesen.

Die DDR und die westdeutsche Linke

Und aufs heutige, gar nicht mehr prosperierende Deutschland bezogen, kann man sich intelligente Erben des Wallraffschen Enthüllungsjournalismus nur wünschen: Man erfährt nicht viel von einer Welt, in die man sich nicht mit Haut und Haar hineinbegibt. Das Genre der kritischen Industriereportage ist so gut wie ausgestorben. Auch die inzwischen immer zu einem augenzwinkernden Wortspiel aufgelegte „Bild“-Zeitung hätte als gewichtiger Machtfaktor in diesem Lande mal wieder Besuch verdient.

Etwas anderes ist Günter Wallraffs persönliche Schuld beim Paktieren mit der Stasi. Seine Bücher mögen bleiben, als moralische Instanz hat er verspielt. Man kann ihm – anders als man es von schizoiden Ost-IMs vom Schlage Sascha Andersons weiß – höchstens wünschen, dass er diese Schuld im vollen politischen Bewusstsein auf sich genommen hat – in jener antifaschistischen Verblendung, die im anderen Deutschland das bessere Deutschland sah. Manche flirteten mehr mit dem Tugendterror der RAF, manche stärker mit der Vernunft des Politbüros: Ost-WestZuneigungen, die auch erst nach dem Mauerfall offenbar wurden. Jetzt spricht Wallraff von „falschem Lagerdenken“ (siehe S. 4).

Ohne einen Blick auf die Lebensgeschichte des bald 61-Jährigen wird sich all das nicht klären lassen. In einer biografischen Skizze datiert er seine Politisierung auf seine Psychiatrisierung als abgelehnter Kriegsdienstverweigerer. Bei der Bundeswehr verweigerte er 1963 den Dienst mit der Waffe, wurde in ein Lazarett eingewiesen und hielt seine Erlebnisse in einem Tagebuch fest, nach dessen Lektüre Heinrich Böll ihn ermutigte, mit dem Schreiben weiterzumachen.

Die andere, große Frage aber lautet: War die westdeutsche Linke, und zwar die undogmatische, womöglich stärker von DDR-Strategen durchdrungen, als sie es sich jemals eingestehen wollte? Ist eine West-Stasi-Debatte überfällig? An die unscheinbaren DDR-Spuren, die sich in für weniger betuchte Leser vorteilhafte ostfinanzierten Buchhandelsketten zeigten, werden sich nur wenige erinnern. Über deutschdeutsche Zwitter wie den Kölner Pahl-Rugenstein-Verlag mit seinen „Blättern für deutsche und internationale Politik“ (und seinen universitären Abzweig Richtung Marburg) mag man lächeln. Die zweifelhafte Allianz mit DKP-nahen Aktivisten wie der Deutschen Friedensgesellschaft/Vereinigte Kriegsdienstgegner beim Kampf gegen die Nachrüstungsbeschlüsse zu Beginn der Achtziger kann man bedauern. Aber über das Engagement für vom Berufsverbot bedrohte DKP-Mitglieder muss man sich nachträglich doch ärgern: Braven westdeutschen Lehrern paramilitärische Übungen im Osten zu ermöglichen, wie sie nach der Wende ruchbar wurden, strapaziert selbst die idealistischste demokratische Toleranz. Der Fall Günter Wallraff gehört in diesen Zusammenhang.

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