Kultur : Der letzte Champagner

Eine

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NTHÜLLUNG von Peter von Becker

Anton Tschechow lebt. Das wissen alle, die nach seinen scheinbar ereignislosen Geschichten und Stücken süchtig sind. „Eine langweilige Geschichte“ – so einer seiner Titel – ist für TschechowInfizierte immer die subtil spannendste. Immer skurriler wird dieser Tage allerdings die Geschichte seines (leiblichen) Todes. Und womöglich haben wir für unsere deutschen Leser jetzt eine (subtile) Sensation zu melden.

Tschechow starb, wie zuletzt in allen Feuilletons dieser Welt in jubilarischen Würdigungen zu lesen, am 15. Juli vor hundert Jahren an Tuberkulose im deutschen Kurort Badenweiler. Der Dichter war nachts gegen 1 Uhr mit Schmerzen und Atemnot erwacht; worauf seine Frau Olga Knipper, die Primadonna des Moskauer Künstlertheaters, einen im selben Kurhotel logierenden russischen Studenten namens Leo Rabeneck bat, den behandelnden Arzt Doktor Schwörer zu holen. Wie Olga Knipper als Kronzeugin für unzählige Studien und Stories über die Todesstunde berichtete, habe Tschechow, selber von Hause aus Arzt, den behandelnden Kollegen „laut und vernehmlich“ mit den beiden deutschen Worten begrüßt: „Ich sterbe.“

Nun freilich bestreitet ein zweiter Augen- und Ohrenzeuge diese (vorletzten) unsterblichen Worte. Denn Leo Rabeneck, ein Übersehener und Vergessener der weltweiten Tschechow-Forschung, hatte seine eigenen Erinnerungen an das, was in den nächtlichen Morgenstunden des 15. Juli 1904 geschah, vor fast 50 Jahren offenbar unbeachtet in einer russischen Emigrantenzeitschrift veröffentlicht. Diesen Aufsatz hatte das „Times Literary Supplement“ Anfang Juli nun ausgegraben und erstmals auf Englisch publiziert(wir berichteten darüber am 15. 7.). Die Quintessenz: An den überall zitierten Satz „Ich sterbe“ konnte sich Leo Rabeneck nicht erinnern.

Dagegen schilderte Rabeneck ebenso wie Olga Knipper, dass der Badenweiler Doktor Schwörer (Ehemann übrigens einer Russin mit Familiennamen Schiwago) für Tschechow nach einer Kampferspritze eine Flasche Champagner bestellt habe. Tschechow lächelte, und bevor er sein Glas in einem Zug austrank, sprach er die nunmehr allerletzten Worte: „Ich habe lange keinen Champagner mehr getrunken.“ Hierauf sank sein Kopf zur Seite, und der Dichter verschied.

Diese Szene freilich erhält jetzt eine womöglich neue Bedeutung. Denn in einem Leserbrief an das „Times Literary Supplement“ hat sich soeben Mr. Richard Davenport-Hines gemeldet. Er sei bei einer Arbeit für das Oxford Dictionary of National Biography über die britische Sex-Pionierin Felicity Cumming (1917-93) auf deren Stiefvater Leo Rabeneck gestoßen und habe sich bereits früher über Dr. Schwörers nächtliche Champagner-Bestellung gewundert. Der berühmte Londoner Neurologe Peter Nathan („The nervous system“) habe ihm dann verraten, es sei ein alter russischer („or German?“) Brauch unter Ärzten gewesen, einem moribunden Patienten, der selber Mediziner ist, dessen Todesstunde nicht mehr mit einer Diagnose, sondern durch ein Glas Champagner zu verraten. Dies würde nun Rabenecks Version stützen – und Tschechows Satz „Ich habe lange keinen Champagner mehr getrunken“ wäre das letzte Beispiel seines beispiellos sarkastischen, dezenten Humors.

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