Kultur : Der letzte Europäer – im Babylon der Forschung

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Von Ernst Peter Fischer

Er war Wissenschaftler – und wurde schließlich zum leidenschaftlichen Kritiker seiner Disziplin: Erwin Chargaff. Am 20. Juni ist er in New York gestorben, fast 97-jährig. Am Ende seines langen Lebens hat der 1905 als Sohn eines jüdischen Bankiers im österreichisch-ungarischen Czernowitz geborene und im großbürgerlichen Wien aufgewachsene Erwin Chargaff nur noch wenig Respekt für die jungen Wissenschaftler gehabt, die sich seiner einst so geliebten Disziplin, der Biochemie, nach dem Zweiten Weltkrieg angenommen haben.

Während Chargaff viele Jahrzehnte hindurch vor allem die Ergebnisse der Experimente bedachte, die ihm mit seinen eigenen Händen gelungen waren, und während er immer bemüht war, das Erkannte mit möglichst eigenen Formulierungen zu Papier zu bringen, schien ihm die neue Generation von Wissenschaftlern, die seit den fünfziger und sechziger Jahren die Laboratorien füllte und die alte erfolgreiche Biochemie in eine triumphierende neue Molekularbiologie verwandelte, zu sehr technisch und an der Handhabung von Apparaten interessiert, deren Messdaten sie mit vorgegebenen Phrasen in Publikationen verwandelten. Und die Forscher wollten darüber hinaus mehr als Ruhm und Aufmerksamkeit. Sie wollten reich werden und trieben Wissenschaft folglich auch aus Gründen des Profits.

Chargaff hat diesen Wechsel von der Neugier zur Gier mit wachsender Bitterkeit kommentiert und sich im Schatten der zunehmenden Kommerzialisierung von Wissenschaft gerne und wortgewaltig an die Zeiten erinnert, in denen er angefangen hatte, sich für die Chemie und ihre besondere Ausprägung ns Biochemie zu interessieren. In diesen ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts waren es noch gebildete Gentlemen, die Krawatten trugen, während sie sich auf den Fluren der Universitäten trafen, und die abends in den Herrenclubs ihre Gespräche führen konnten, ohne fürchten zu müssen, dass sich neugierige Journalisten oder hochrangige Ethikkommissionen anmeldeten, um ihre Fragen zu stellen.

Es ging im Reich der Forschung vornehm und gemächlich zu, als Chargaff 1930 seine Karriere als wissenschaftlicher Assistent an der Berliner Universität begann, die aber durch die Nationalsozialisten jäh beendet wurde. Nach einer Zwischenstation in Paris wechselte Chargaff 1935 an die Columbia-Universität in New York, an der er die kommenden Jahrzehnte bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1974 bleiben sollte. Das Hauptarbeitsfeld Chargaffs waren die Nukleinsäuren, wobei es ihm vor allem die Variante angetan hatte, die abgekürzt DNS heißt und die heute als Erbmaterial bekannt und berühmt ist.

Die DNS besteht aus vier Bausteinen, die Chargaff genauer als irgendein anderer Biochemiker analysieren konnte. Sein Hauptergebnis, die Chargaff-Regel, zählt nicht nur zum heutigen Lehrstoff, sondern spielte auch eine wichtige Rolle bei der Findung der legendären Doppelhelix, aus der die DNS besteht. Zwar ist es Chargaff nicht vergönnt gewesen, selbst auf die schraubenförmige Struktur gekommen zu sein, aber er war es, der bereits um 1955 die ersten systematischen Versuche unternommen hat, um die Reihenfolge der DNS-Bausteine zu bestimmen, was aber erst in unseren Tagen - also ein halbes Jahrhundert später - im Rahmen des Humanen Genomprojektes gelungen ist, ohne dass Chargaff darüber in Begeisterung ausgebrochen wäre.

Die dazu nötige Großforschung mit dem erforderlichen Kapital konnte Chargaffs Gefallen nicht mehr finden, der nach der Einführung der Gentechnik insgesamt mehr Risiken als Gefahren in der Wissenschaft sah. In seiner Autobiographie „Das Feuer des Heraklit" (1978) wies er darauf hin, daß die Menschen nach dem Atomkern nun auch nach dem Zellkern greifen würde, und er befürchtete, dass sie sich dabei vergreifen werden. Seine aus dem inneren Kern der Wissenschaft stammende Kritik stieß vor allem in Deutschland in den siebziger und achtziger Jahren auf Zuspruch, wobei es besonders die Feuilletons waren, die Chargaffs Wortwitz goutierten und sich darüber freuten, dass sein einziger Lehrer Karl Kraus (und nicht irgendein Biochemiker) gewesen sei.

Chargaffs polemische Formulierungskunst, die etwa aus der Wasserstoffbombe „das tragbare Jüngste Gericht" macht, kann auch denjenigen gefallen, die mit seinen allzu pessimistischen Beurteilung der Wissenschaft nicht einverstanden waren. Vielleicht verbarg Chargaffs Sarkasmus der späten Jahre ja nur die Trauer über der Verlust der Zeit, als es noch große Forscher wie Justus von Liebig und Friedrich Wöhler gab, die Gründer der organischen Chemie in der Zeit der Romantik, als Alexander von Humboldt die Forderung an die Wissenschaftler aufstellte, die Humanität, die sie antrieb, bis in die sprachlichen Formulierungen hinein erkennen zu lassen.

Chargaff hat oft gesagt, dass die Wissenschaft die Rolle der Gene überschätzt, und man wird ihm da sicher zustimmen können. Bis einem auffällt, dass er in demselben Ort wie Rose Ausländer, Paul Celan und Gregor von Rezzori geboren worden ist und dass der sprachmächtige Physiker Erwin Schrödinger von einer Karriere in Czernowitz träumte, um dort seine Wissenschaft als Philosophie mit anderen Mitteln zu treiben. Muss der Ort dann nicht geradezu eine genetische Kraft besitzen? Es ist schade, dass Chargaff uns hier nicht mit seinen Worten geholfen hat. Solch einen Ort wie den seiner Geburt gibt es nicht mehr, und dieser Verlust kann auch nicht durch New York wettgemacht werden, wo Chargaff bis zu seinem Tod gelebt hat.

Der Autor ist Wissenschaftshistoriker an der Universität Konstanz

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