Der Letzte Harry-Potter-Band : Magie und Genie

Joanne K. Rowling ist die erfolgreichste Autorin aller Zeiten – aber wie gut war „Harry Potter“ wirklich?

Peter von Becker

Jetzt sind sie alle geschlagen. Harrys magische Schlachten gegen die dunklen Kräfte Lord Voldemorts und die konspirativ-geschäftlichen Schlachten des Potter-Imperiums um die globale Geheimhaltung und zeitgleich rituelle Veröffentlichung jedes neuen Bandes der Autorin Joanne K. Rowling. Seit diesem Wochenende lesen Hunderttausende auch auf Deutsch die siebte, finale Folge „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ (Carlsen Verlag, 24,90 €). Aber alle, die es wissen wollten, wissen es schon seit dem 21. Juli ff., als die weltweit verbreitete englische Ausgabe von „Harry Potter and the Deathly Hallows“ erschien: Der mittlerweile 17-jährige Zauberprinz überlebt, und die guten Magier sind mitsamt ihrer geisterschlossähnlichen Highschool Hogwarts dem heftig befürchteten Untergang entronnen.

So triumphieren erstmal die schieren Fakten – angesichts solch glücklicher, doch das letzte Geheimnis bereits zauberhaft lüftender Entzauberung. „Harry Potter“ Band sieben, in der Branche schlicht „HP 7“ genannt, ist nach der zweistelligen Millionenauflage des Originals jetzt in der deutschen Übersetzung mit drei Millionen Exemplaren ins Vorweihnachtsgeschäft zwischen Kiel und Klagenfurt, Rostock und Luzern gestartet. Die Nummer 1 der Bestsellerlisten ist damit für den Rest des Jahres gesichert; das zieht die anderen sechs Titel dann wieder nach, und Frau Rowlings Vermögen hat nach der Dollar-Version nun auch in Euro die Milliarden-Grenze überschritten und nähert sich der nämlichen Pfund-Marke. Denn jeder Tag macht Harrys geistige, in 64 Sprachen übersetzte Mutter allein der Zinsen wegen um eine halbe Million reicher. Dagoberta Duck.

Das ist die märchenhafte Realität: Noch bevor es die Verfilmungen Nr. 6 und 7 gibt – und vor allen weltweiten Taschenbuchausgaben. Wahrscheinlich hat es, was allein die Auflagen angeht, einen vergleichbaren Bucherfolg bisher nur für die Bibel, den Koran und die Mao-Sprüche gegeben. In dieser Gesellschaft ist die „Harry Potter“-Saga mit ihrer Zauberwelt zumindest der unterhaltsamste Fall transzendentaler Literatur.

Aber ist die ganze Potterei denn überhaupt Literatur? Also im engeren, ernstlichsten Sinne nicht bloß populäre, sondern richtig literarische Literatur? Einig konnte man sich spätestens ab dem dritten Band, „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“, darüber sein: dass es hier nicht allein mehr um Kinder- oder auch Jugendbücher geht; dass die Unterscheidungen gegenüber der sogenannten Erwachsenenliteratur hinfällig geworden waren – angesichts einer immer apokalyptischeren Beschwörung fundamentaler und fundamentalistischer Schrecken, die sich im Lichte nicht allein des 11. Septembers immer weniger nur als kindliche oder gar kindische Fantasy-Fabel lasen.

Mit „Harry Potter“ steht es vielmehr wie mit den Tierfabeln des Äsop oder den Märchen von Andersen, mit Coopers „Lederstrumpf“ oder Dickens’ „Oliver Twist“, mit alter Abenteuer-Science- Fiction und neuerer Fantasy-Literatur von Jules Vernes „Reise in 80 Tagen um die Welt“, Lewis Carrolls „Alice“ bis zu Tolkiens „Herr der Ringe“ oder Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ – es sind Weltbücher, die wir zum Teil sogar Weltliteratur nennen können. Die aber allemal die Grenzen zwischen „E“ und „U“-Kultur, Kinder- und Erwachsenenliteratur aufheben. Selbst wenn wir Joanne K. Rowling nie für den Literaturnobelpreis vorschlagen würden.

Am ehesten nur eine Trivial-Literatin ist JKR, wenn sie in vergleichsweise realistischen Alltagslagen die jeweiligen psychologischen Reaktionen ihrer Figuren skizziert. Da blicken die Bösen und Dubiosen allemal finster oder verschlagen, da errötet Freund Ron mit stereotyper Regelmäßigkeit oder erbleicht Held Harry, und Hermines Augen funkeln, dass auch der Blindeste noch die geeichten Gefühlsregungen und die je angesagten Sympathiewerte erkennt. Rowlings Raffinesse äußert sich nicht in der unmittelbar menschennahen, ins widersprüchliche Innenleben wie eine Sonde eindringenden Psychologie. Bei ihr wird das Individuelle, wenn es nicht (wie bei den Lehrern von Hogwarts) mit einem Spleen, mit Kuriosität oder Dämonie gekrönt wird, schnell zum Typischen, zum allgemein Erwartbaren. Gut möglich, dass die Autorin hier meint, ihre jüngeren und jüngsten Leser nicht überfordern zu dürfen.

Nein, Rowlings poetisches Geschick liegt eher im riesigen kompositorischen Netzwerk, in der spielerischen, oft kriminalistisch-detektivischen Erfindung überraschender Konstellationen, dramatischer Wendungen und der Entfaltung einzelner Motive, skurriler Charaktere, Wesen und Dinge. Allein schon die sprechenden Briefe, die komisch schreienden Pflanzen und die im Bild bewegten Fotos entwickeln eine ganz eigene magische Technologie, in einer SF-Welt ohne Computer, Fernsehen, Filme, Telefone, ohne Elektronik und Digitalisierung. In einer Welt, in der Wissen und jede, neudeutsch gesagt: Problemlösung noch auf schierer Gedankenkraft, auf Kombinatorik, (über)sinnlicher Erfahrung und in den Fragen der Zauberkunst vor allem auf Belesenheit beruht. Bücher bedeuten hier eine Wissensmacht. Auch insofern ist Rowlings Erfolg in der Dämmerung der Gutenberg-Ära noch einmal ein Triumph der Literatur.

Die Gegenmacht des guten Wissens (und guten Gewissens) in der „Potter“-Welt symbolisiert aber nicht das Unwissen, nicht das Vergessen. Sondern die Idee des absolut Bösen. Nur noch Stephen King nimmt das so ernst und hat damit so unheimlich ernstgemacht. In einer Zeit, in der sich der Westen seit 1989 allenfalls noch von Klimakatastrophen bedroht wähnte und man nicht mehr an größere Kriege, nur noch an lokale Konflikte glaubte, hebt Rowlings in der mittelenglischen Provinz längst vor Nine-Eleven erfundener siebenbändiger Zauberweltkrieg an: gegen einen fanatisch-fantastischen Fundamentalismus, dessen dunkle Helden zugleich gespenstisch realistische Rassisten sind (die alle Normalmenschen und Halbmagier als „schlammblütige“ Mischlinge ansehen). Diesen Krieg im Kinderbuch zu beginnen, ist eine Kühnheit sondergleichen gewesen.

Natürlich gehörten zum Welterfolg, neben dem Glück, auch die ingeniöse Sieben-Bände = Sieben-Schuljahre-Idee, die damit verbundene Internatskomödie, der darin versteckte klassische Bildungsroman und die Inszenierung der magisch- menschlichen Parallelwelt. Dazu trägt der Held – vergleichbar James Bond – einen sonderbar auratischen Allerweltsnamen, der als „Harald Potter“ (deutsch: Töpfer) nicht nur in jedem englischen Telefonbuch steht, sondern als Nebenfigur schon in einem Roman des in Großbritannien hochbeliebten Unterhaltungsschriftstellers P.G. Wodehouse auftaucht.

Weil zum Schluss nun erstmals der Schluss kein Geheimnis mehr ist, kommt es im letzten Band, den der Übersetzer Klaus Fritz auch dieses Mal so schnell und gut ins Deutsche gebracht hat, weniger auf das Was an als auf das Wie. Weil viele schon ahnten, dass beispielsweise eine Rehabilitierung des bisher so düster intriganten Zauberlehrers Severus Snape fällig sein würde, war nun die Frage: Wie kann Snape, und sei er insgeheim ein Doppelagent, einerseits der Mörder des weisen Schulleiters und größten Gutmagiers Dumbledore sein (so das Ende von Band 6) – und sich dennoch als Dumbledores und damit auch Harrys Helfer entpuppen?

Rowlings Lösung ist einmal mehr ingeniös und hat angesichts neuerer Diskussionen um das so genannte „humane“ Sterben wieder einen erstaunlich aktuellen Subtext. Mehr dürfen wir hier nicht verraten. Doch schon dies und der fortgesetzte Einfall, dass Vergangenheit nicht nur in Erinnerungen, sondern als letzte Lebensspur der Toten in einem „Denkarium“ aufgefangen werden kann, zeigt: Genie. J.K. Rowling hat damit auch die Erfindung der Rückblende revolutioniert. Und so verzeihen wir ihr einen etwas einfallslos sentimentalischen Epilog und enden mit ihrem letzten Satz: „Alles war gut.“

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