Kultur : Der letzte Heinrich

Tage des Zorns: Wie die Salier ihre Macht verspielten. Eine Ausstellung in Speyer

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Als die Welt noch in Ordnung war. Kaiser Heinrich III. wird zu Christus geführt. Seite aus dem Echternacher Evangelistar, 1039 – 1043. Foto: A. Hoffmann/Staats- und Universitätsbibliothek Bremen
Als die Welt noch in Ordnung war. Kaiser Heinrich III. wird zu Christus geführt. Seite aus dem Echternacher Evangelistar, 1039 –...

Die Welt sähe anders aus, wenn jener Tag in Rom anders verlaufen wäre. Sie hatten einen jahrzehntelangen Streit beilegen wollen, der deutsche König Heinrich V. und der römische Papst Paschalis II. Noch Heinrich IV. hatte in der Auseinandersetzung mit der Kirche 1077 den schmachvollen Gang nach Canossa antreten müssen. Sein Sohn hoffte, den Streit, der sich vordergründig um die Investitur, die Einsetzung von Bischöfen, drehte und in Wahrheit ein Machtkampf zwischen Kaiser und Kirche war, 1111 durch einen Kompromiss zu beenden. Der Plan: König Heinrich verzichtet auf die Investitur der kirchlichen Würdenträger und wird dafür zum Kaiser gekrönt, die Bischöfe und Äbte geben dafür alle vom Reich übernommenen Rechte und Besitztümer auf. Wäre dieser Kompromiss durchgegangen, hätte das eine konsequente Trennung von Kirche und Staat, weltlicher und geistlicher Macht bedeutet. So musste Europa bis zur Französischen Revolution darauf warten.

Doch der Tag in Rom verlief nicht so. Kaum war der zwischen König und Papst ausgehandelte Kompromiss verkündet, brachen Empörung und Tumult unter den Bischöfen aus. Erzbischof Konrad von Salzburg erklärte, er wolle sich lieber den Kopf abschlagen lassen als auf seine Besitztümer verzichten. In der Peterskirche und in den Straßen von Rom brach Chaos aus, Bewaffnete des Königs richteten ein Blutbad an, schließlich ließ Heinrich V. Papst und Kardinäle gefangen nehmen.

Eine zeitgenössische Quelle beschwört die Dramatik: „Nachdem viel und unbeschreibliches Morden an den Bürgern vollzogen worden war, ging der König und der Herr Papst Paschalis ging mit ihm, er war aber gefesselt worden und ist von einem anderen geführt worden, wohin er nicht wollte. Es war ein Elend, dies zu sehen. Die Kardinäle und die anderen Kleriker sind, nachdem sie mit Seilen gebunden worden waren, von Berittenen gezogen worden, jene folgten diesem, wie sie konnten durch die Straßen, die vor unermesslichem und zähen Unrat kaum offenbar waren. Und weil die Fußgänger nicht mit den Berittenen mithalten konnten, drängten diese jene zum Rennen, indem sie deren Rücken und Seiten mit umgewendeten Speeren stachen, so dass einige unter den Händen der Schleppenden das Leben aushauchten.“

In Speyer, wo das Historische Museum der Pfalz den Saliern und ihrer Zeit nun eine Ausstellung ausrichtet, wird dieser dramatische Tag gleich zu Beginn von ZDF-Nachrichtensprecher Claus Kleber intoniert, der im Stil einer „Breaking News“ von der Sensation des Tages berichtet. Alexander Koch, Direktor des Pfalz-Museums und designierter Direktor des Deutschen Historischen Museums in Berlin, betont, man wolle die Besucher abholen, wo sie stehen, also in der modernen Nachrichtenwelt.

Auch wenn das etwas populistisch wirkt: Das Ereignis von 1111 war eine europaweit wahrgenommene Sensation – anders als der Gang von Canossa 1077, der seine mythische Bedeutung erst im Nachhinein durch die Geschichtsschreibung erhielt.

Heinrich V. hatte mit seinem unbeherrschten Übergriff auf den Stellvertreter Gottes auf Erden in der europäischen Wahrnehmung verspielt. Zwar krönte ihn Papst Paschalis zwei Monate später tatsächlich zum Kaiser. Aber der Festakt fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, geschützt von Bewaffneten. In zeitgenössischen Berichten ist Heinrich V. mit Herodes und Nero verglichen worden, als Fahnenträger des Antichrist und Skorpion aus dem Norden, seine Kinderlosigkeit mit Mathilde von England als Gottesstrafe bezeichnet worden. Am Tage seines größten Triumphs hatte der Salier einen verhängnisvollen Fehler gemacht. Wie zur Strafe findet er sich in der Grablege im Speyerer Dom nicht in einer Reihe mit seinen Vorfahren, sondern etwas abseits am Rande: Sein Grab war auch das einzige, das im Pfälzischen Erbfolgekrieg, als der Speyerer Dom massiv beschädigt wurde, geplündert wurde.

In Speyer versucht man, die Geschichte der Salier zu Ende zu erzählen – indem man gerade diesem letzten Salierkaiser besondere Aufmerksamkeit widmet. Heinrich IV. und sein Gang nach Canossa waren vor fünf Jahren Thema der Canossa-Ausstellung in Paderborn, Heinrich III. gilt gemeinhin als der glanzvollste der Salierkaiser und war in der letzten großen Salierschau in Speyer 1992 ausführlich gewürdigt worden. Wenn nun das schwarze Schaf Heinrich V. im Mittelpunkt steht, folgt das nicht nur dem Zwang der Jubiläen, die 900 Jahre Kaiserkrönung und Speyerer Stadtprivileg, 950 Jahre Domweihe zu Speyer und 30 Jahre Unesco-Weltkulturerbe zum „Salierjahr“ 2011 verbinden. Es liegt auch im Trend, mit dem sich etwa die Stadt Braunschweig 2009 dem erfolglosen Welfenherrscher Otto IV. zuwandte. Wäre doch gelacht, wenn man geschichtliche Urteile nicht revidieren könnte.

„Macht im Wandel“ titelt die Ausstellung. Es ist tatsächlich eine neue Zeit, die mit dem letzten Salierkaiser beginnt – wenn auch eher gegen seinen Willen. Das Verhältnis zur Kirche, das Gottvertrauen, mit dem auch weltliche Ordnungen auf göttliche Gnade gebaut waren, hatte einen entscheidenden Knacks bekommen – nicht umsonst verwirklicht die Nachfolgedynastie der Staufer in Italien eher eine Imperiums- statt einer Gottesstaats-Vision. Auch die Machtverhältnisse im Reich hatten sich im Zuge der Investiturstreitigkeiten, in die die deutschen Fürsten vermittelnd eingegriffen hatten, vom Kaiser auf die Fürsten verschoben. Und schließlich war eine vierte Macht ins Spiel gekommen, die gerade in Speyer mit seiner reichen jüdischen Gemeinde und dem Speyerer Stadtprivileg von 1111 besonders spürbar war: das städtische Bürgertum.

Dessen Spuren wirken im Vergleich anrührend, aber bescheiden. Lederne Sandalen, hölzerne Becher, Kämme aus Knochen und tönerne Töpfe fanden die Archäologen in den drei Beispielstädten Basel, Speyer und Köln. Kein Vergleich mit dem höfischen Prunk der Burgen und Pfalzen, den bronzenen Aquamaniles in Löwenform, den Glasbechern mit Fadenauflagen, den Brettspielsteinen und Jagdutensilien. Die wahre Pracht, das macht die klassisch als abgedunkelte Schatzkammer inszenierte Ausstellung in Speyer spürbar, entwickelte sich im kirchlichen Rahmen, in den Domschulen von Speyer und den Klöstern von Cluny bis Hirsau. Prachtvolle Codices mit Illustrationen, Weihwasserkessel mit Szenenreliefs, Leuchter, edelsteingeschmückte Kruzifixe haben die Kuratoren zusammengetragen.

Dagegen wirken die Grabbeigaben der Salierkaiser, die schlichten Grabkronen aus Blei, die Miniaturreichsäpfel und Zepter bescheiden. Vom Gewand Heinrich V. blieben nach der Plünderung nur ein Häuflein Golddraht übrig, ein schlichtes Brustkreuz und die Sporen. Weltliche Macht, kirchliche Pracht.

Historisches Museum der Pfalz, bis 30. Okt., Di. bis So. 10 bis 18 Uhr, Katalog (2 Bände), Edition Minerva, 39,90 €, im Buchhandel 54 €.

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