Kultur : Der letzte Sommer der Kindheit

Till Endemanns „Lächeln der Tiefseefische“

Rüdiger Suchsland

Zwei Jungs schleichen nachts durch den Wald, schmuggeln Zigaretten aus dem nahen Polen. Man ahnt: Noch ein solcher Versuch, und die Sache geht schief. So unangepasst ist „Das Lächeln der Tiefseefische“, der zweite Film des Kölners Till Endemann, nun auch wieder nicht, dass nicht alles Schlechte früher oder später bestraft werden müsste.

Der 17-jährige Malte verbringt den letzten Sommer seiner Kindheit in einem heruntergekommenen Ostseebad. Nur die Touristen, vor allem die Töchter der Urlauber, bringen Abwechslung in Maltes Einerlei. Pech nur, dass er eher ein Schweiger ist – und Mädchen gegenüber ein verkrampfter Nullchecker. Auch seine gelegentlichen nächtlichen Sprayaktionen sind nicht wirklich subversiv. Nur hält es Malte zu Hause einfach nicht lange aus: Sein Vater (Peter Kurth) trinkt zu viel. Nach dem Tod seiner Frau hat er die Selbstachtung verloren.

Alles ändert sich, als Maltes Schwester mit ihrem kleinen Sohn nach Hause kommt. Einst ging sie im Streit. Jetzt ist Malte plötzlich Onkel und muss „lernen, Verantwortung zu übernehmen“ – eine klassische Coming-of-Age-Story, die das Erwachsenwerden als Selbstfindung durch Anpassung zeigt. Hier darf die Liebe nicht fehlen. Das Urlaubermädchens Annika bezaubert Malte im Nu. Als beide im Meer schwimmen, flüstert er resigniert: „Du bist bald wieder weg.“ Darauf haucht sie pragmatisch: „Naja, noch bin ich ja da.“

Souverän, wenn auch nicht besonders originell inszeniert Till Endemann sein Kinodebüt. Ein bisschen heftig rührt er in Klischees, gleitet auch wegen der arg oft als Stimmungsverstärker eingesetzten Musik immer wieder ins angestrengte Feelgood-Movie ab. Was Endemann hingegen gelingt, sind Atmosphären – sofern er auf unnötige Dramatik und den aufgesetzten, nur halb erzählten Vater-Sohn-Konflikt verzichtet. Einsamkeit, Tristesse, Melancholie – da widerlegt Endemann die Flucht in die Idylle, in die sein Film mündet. Mit Jacob Matschenz, vor allem aber der überraschend reifen Alice Dwyer hat er zwei sehr gute junge Hauptdarsteller, die über den widersprüchlichen Gesamteindruck hinwegtrösten.

Kant Kinos, Kulturbrauerei

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