Kultur : Der letzte Wiener

MARTIN TREML

Der 1908 in Wien geborene und 1938 nach New York emigrierte Kurt Robert Eissler wird unter psychoanalytischen Laien den wenigsten bekannt sein.Er war kein theoretischer Neuerer wie Lacan oder brillanter Kliniker wie Winnicott und doch zählte er zu den Aufsehen erregenden Figuren der Zunft.Bei aller ihm eigenen Freundlichkeit und Güte galt Eissler als Schrecken der Freud-Biographen, weil er auf Versuche, die Persönlichkeit oder Lebensführung des Begründers der Psychoanalyse zu kritisieren, scharf reagierte.Mit Akribie begab er sich auf Fehlersuche.Meistens fiel es ihm nicht schwer, seinen Feind zu schlagen.

Gegenüber allen, die bloße Talente sind, erschien ihm Freud als Genie.Um zu verhindern, daß dessen Spuren durch die großen Bewegungen der Flucht und Vertreibung des Zweiten Weltkriegs verweht würden, gründete er die Freud Archive, deren Direktor er auch war.Die Archive lagern in der Library of Congress in Washington.Neben Manuskripten, Briefen und anderen Dokumenten Freuds umfassen sie Tonbänder von Gesprächen mit Patienten, Kollegen und Verwandten.Eine ungewöhnlich lange Sperrfrist schützt sie vor dem Zugriff der Öffentlichkeit.

Bei aller Vorsicht ging Eissler Ende der siebziger Jahre einem Parvenü und Abenteurer auf den Leim.Er gewährte ihm nicht nur Zugang zu den Archiven, sondern verschaffte ihm auch Eintritt bei Anna Freud, Sigmunds jüngster Tochter und Herrin über den Nachlaß des Vaters in London.Der Schaden hielt sich in Grenzen, und aus dem Vertrauensmißbrauch resultierte sogar die ungekürzte Ausgabe der Briefe Freuds an den Berliner Hals-Nasen-Ohren-Arzt Wilhelm Fließ, ein Dokument aus den Anfängen der Psychoanalyse.

Aber Eissler war nicht nur Wächter über Freuds Erbe und Renommee, sondern auch Verfasser psychoanalytischer Studien.Öfters überschritt er die engeren Grenzen seiner Wissenschaft.So äußerte er sich 1963, als erster in einer deutschen psychoanalytischen Zeitschrift, zu den Folgen einer KZ-Haft auf das Seelenleben von Überlebenden.Seine Ausführungen, die dazu helfen wollten, Wiedergutmachungsansprüche geltend zu machen, stellte er unter die Frage "Die Ermordung von wievielen seiner Kinder muß ein Mensch symptomfrei ertragen können, um eine normale Konstitution zu haben?" Angesichts des Grauens, "wofür wir eigentlich keinen rechten Namen haben", erschien ihm die Klage, nicht nur im juristischen Sinn, sondern als Erinnern und Öffentlichmachen von Schmerz, als eines von möglichen Mitteln des Überlebens.

Die anderen fand er bei seinen Streifzügen in die Künste.Eissler schrieb große Studien zu Goethe, Leonardo da Vinci und der Figur des Hamlet, die gegen Mißachtung und Ignoranz auf deutsch vorzulegen das Verdienst des Verlages Stroemfeld/Roter Stern in Frankfurt am Main ist.Gewiß werde er, wie Eissler im Vorwort zur deutschen Ausgabe seiner Goethestudie schreibt, wie jeder Psychoanalytiker, "wenn er sein eigentliches Feld verläßt, um die Psychoanalyse auf einem anderen Gebiet anzuwenden, zum Dilettanten".Aber das ist aus Bescheidenheit gesagt, denn es finden sich bei ihm nicht nur hellsichtige Bemerkungen über Kreativität und Dichtung, sondern auch eine überzeugend angewandte Methode, wenn er streng chronologisches Vorgehen aufgibt, um größere Zusammenhänge deutlicher sichtbar zu machen.

Eisslers Menschenbild war - das kann nicht überraschen - von tiefer Trauer überschattet."Wo immer der Mensch lebt und welche die Bedingungen auch immer seiner Existenz seien, seine Existenz ist fatal, unmöglich, sinnlos, fortwährend erschreckend.Er ist für Verzweiflung und Trauer geboren." Aus diesem Zustand können ihn, freilich nur auf Zeit, die Künste befreien, die, dem Tod enthoben, "das archaische Lächeln" spenden.Seine moderne Form ist die Ironie.So erweist sich Kurt Eissler als Repräsentant der höchst kultivierten Form einer Wiener Wissenschaft.Mit seinem Tod am 17.Februar ist auch sie zuende gegangen.

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