Kultur : Der Lichtmystiker

In den Himmel gebaut: Eine Münchner Ausstellung zeigt das Werk des Architekten Heinz Tesar

Bernhard Schulz

Heinz Tesar, Österreicher des Jahrgangs 1939, hat ein respektables, aber nicht überbordendes Œuvre an Gebautem vorzuweisen – ebenso aber eines an Entwürfen und Visionen. Ihm ist nicht allein der Entwurfsprozess im engeren Sinne wichtig, sondern mehr noch das Finden der Form, das Denken, ja Erfühlen dessen, was zu Architektur reifen kann. Die Retrospektive, die ihm jetzt das bemerkenswert produktive Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne ausrichtet, trägt darum den Titel „Architektur beginnt vor der Architektur“. Man könnte im Falle Tesars auch sagen: Sie beginnt ebenso gut nebenbei. Denn nebenbei ist Tesar Zeichner, Dichter, Multitalent wie so manche der österreichischen Baumeister seiner Generation, wie Hollein, Peichl oder Czech.

So verzichtet die Münchner Ausstellung auf das gewöhnliche Schema und präsentiert neben den wundervollen Birkenholzmodellen, die der Meister seit zwanzig Jahren beim selben Modellbauer anfertigen lässt und wie seinen Augapfel hütet, Aquarelle und Zeichnungen sowie wenige Großfotos, die eher die Atmosphäre als die Ansicht der ausgeführten Bauten vermitteln. Die Ausstellung ist – wie auf andere Weise bei Herzog & de Meuron – Teil des Werks, das sie vorzeigt, ein Dokument gestalterischer Sorgfalt.

Es ist gewiss kein Zufall, dass Heinz Tesar mit einfühlsamen Sakralbauten zu internationalem Ruhm gelangt ist. Multikonfessionell übrigens:Denn neben der Evangelischen Kirche Klosterneuburg von 1995 und fünf Jahre darauf der Katholischen Kirche „Christus Hoffnung der Welt“ inmitten der bürokalten Wiener Donau-City hat er auch einen bemerkenswerten Entwurf für die Dresdner Synagoge eingereicht und zuletzt einen für eine Moschee in Wien, über deren Realisierung noch nicht entschieden ist.

Die Sakralbauten wie auch das Museum Essl in Klosterneuburg zeigen Tesar als veritablen Lichtmystiker. In beiden Kirchen lassen kreisrunde Öffnungen im Beton je nach Tageszeit wechselndes, beinahe expressives Licht hineinfluten. Im Museum Essl sind es die konsequent auf die Gemälde abgestimmten Oberlichter. Subtil gesetzte Glasdächer werden auch das Obergeschoss des Bode-Museums auf der Museumsinsel belichten – sein bedeutendstes Vorhaben nicht nur in Berlin. Denn die Verbindung der denkmalgeschützten und so weit wie möglich restaurierten Substanz des Originalgebäudes von 1904 mit den komplizierten Ergänzungen der „Architektonischen Promenade“ und eines schmal-steilen Erschließungsbauwerks in einem der unregelmäßigen Innenhöfe fordert Tesars ganzes Können. Und ermöglicht es zugleich: Denn dieser Architekt geht nicht von vorgegebenen „Typologien“ oder „Geometrien“ aus, sondern sucht sich in die jeweilige Bauaufgabe, ihren Ort und ihre Geschichte einzufühlen, um daraus Formen wachsen zu lassen, die allein dieser Aufgabe entsprechen.

Das macht sein Werk schwer fassbar, jedenfalls im Vergleich zu signature architects, deren Handschrift weithin zu erkennen ist. Entwirft Tesar Gebrauchsarchitektur wie den Büroblock an der Südostecke des Gendarmenmarkts oder einen Riegel seitlich des Dresdner Zwingers, muss er seiner Imaginationskraft mithin Fesseln anlegen. Die Ergebnisse sind weniger geglückt. Das lässt die Münchner Ausstellung erkennen, schon indem sie diesen beiden Vorhaben nur eine Nebenrolle gestattet.

Heinz Tesar ist, wie der Besucher gleich im ersten Wandtext belehrt wird, „der Poet und Künstler unter den großen Architekten der Gegenwart“. Will sagen: Er ist einer, dessen Kunst sich nicht vordrängt und eben darum der Bauaufgabe zur schönsten Entfaltung verhilft.

München, Pinakothek der Moderne, bis 8. Januar. Katalogbuch bei Electa, 35 €.

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