Kultur : Der Lift über den Bodensee

Abenteuer: Lars Kraumes Dokudrama „Kismet“

Jan Schulz-Ojala

Schon schön. Aber auch schön stressig. Eine Woche lang mit jemandem, den man gar nicht kennt, auf Reisen gehen. Und dann auch noch in jeder streckenrelevanten Situation (fast) den Zufall entscheiden lassen: Jeder schlägt drei mögliche Varianten vor, macht zusammen sechs. So viele wie der Würfel Seiten hat. Dann wird gewürfelt. Und ab geht’s.

Am Anfang von „Kismet – Würfel dein Leben“ stand Benjamin Lebert. Vor sechs Jahren veröffentlichte der „Crazy“-Autor im legendären „jetzt“-Magazin der Süddeutschen Zeitung einen Selbstversuch: Einen Tag lang sollte der Würfel entscheiden über das, was er tun würde. Aus dieser Idee wurde zwei Jahre später, in verlagswirtschaftlich abenteuerlustigeren Zeiten, eines jener Filmprojekte, die Geschichten aus „jetzt“ auf die Leinwand bringen sollten. Und ab ging’s.

Das Paar: Radio-Fritz-Moderatorin Caroline Korneli (21) und Filmstudent David Sieveking (24). Ausgewürfeltes Ziel: Schwyzerdütsch lernen in Zürich. Gewürfeltes Verkehrsmittel: Mitfahrzentrale. Gewürfelte erste Nacht: Bei jemanden pennen, den er kennt. Dass sie den auch kennt, aus einem etwas früheren Leben, stellt sich an der Wohnungstür heraus – der erste komische Zufall. Bingo! Denn will nicht den Zufall herausfordern, wer so reist?

Sehr natürlich, das. Aber natürlich – und es tut gut, dies nicht zu vergessen – sind bei dem Experiment stets ein Regisseur (Lars Kraume) sowie ein Kameramann (Florian Hoffmeister) sowie sein Assistent, eine Aufnahmeleiterin und ein Tonmann zugegen. So geht es von Berlin über Leipzig und München nach Zürich. Besondere Vorkommnisse? Das übelste: nachts auf der Autobahn rausgeworfen werden von einem ziemlich durchgeknallten Autofahrer. Das netteste: mit Werner im Wohnmobil, der lange Lift vor und hinter dem Bodensee.

Man guckt dem gerne zu (und reist nebenbei zurück in die Zeiten, als noch selbstverständlich mit D-Mark bezahlt wurde). Freut sich daran, wie erfindungsreich die beiden ihre finanziellen Engpässe lösen, wie sie in München Rabatz in einem Multiplex machen und sich behutsam näher und näher kommen. Aber nur behutsam: Ist hier schließlich ein Doku-Drama und keine Love-Story. Sehr jung, dieser Film, manchmal sehr lustig, manchmal sehr wahr und manchmal auch ein bisschen müde: alles eben – und das ist Reise- und Erkenntnisziel zugleich – wie im richtigen Leben.

Nur ist der Zufall – immerhin der seelische Motor des ganzen Vorhabens – , den die beiden sympathischen Testpersonen am Ende arglos bejubeln, leider teils regieführenden Eingriffen geschuldet (wer genau hinsieht, ahnt, was das Presseheft zum Film arg bereitwillig verrät). Und schon legt sich, auch nachhaltig, über das Gesehene ein Unbehagen. So, wie es oft der Fernsehzuschauer empfindet, wenn die Realität so inszeniert werden soll, wie sie sich eben nie inszenieren lässt: eins zu eins.

In Berlin im Central und Moviemento

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