Kultur : Der Löwe brüllt nicht mehr

Was genau im Nationalmuseum in Bagdad zerstört und gestohlen wurde, wird man nie erfahren: Viele der Funde aus den letzten Jahren waren noch nicht wissenschaftlich erfasst. Eine Spurensuche

Christine-Felice Röhrs

Die quälenden Fragen wiederholen sich wie ein Refrain: Was ist rechtzeitig eingelagert worden? Und was ist geblieben und nun zerstört? Überall versuchen Archäologen, Neuigkeiten über die Zerstörungen im Nationalmuseum zu erfahren. Sie telefonieren rund um die Welt – denn aus dem Irak selbst, den der Krieg zu einer Insel gemacht hat, dringen kaum Nachrichten. Margarete van Ess, Chefin des Bagdad-Büros des Deutschen Archäologischen Instituts, die als beste deutsche Kennerin des Irak-Museums gilt, hat vier Nächte kaum geschlafen nach den TV-Bildern von Vizedirektorin Midal Amin, die weinend durch verwüstete Hallen ging. Wenn CNN aus dem Museum sendet, klebt sie mit der Nase am Bildschirm und versucht, Exponate wiederzuerkennen. Eine unbefriedigende Methode. Doch ein paar Neuigkeiten haben die Experten auf diese Weise so herausgefunden – wenn auch schlechte.

Die Löwen von Tell Harmal zum Beispiel sind dahin: zwei etwa 80 Zentimeter hohe altbabylonische Ton-Figuren. Früher bewachten sie die Tore eines Doppel-Tempels für Chani und Nisaba, Götter der Schreiber. Nun hat man sie geköpft. Friedhelm Pedde hat die zersplitterten Rümpfe im Fernsehen wiederentdeckt. „Sie waren berühmt“, sagt der Archäologe, der zurzeit für das Vorderasiatische Museum in Berlin ein Ausgrabungsprojekt koordiniert. „Aber vielleicht waren sie zu schwer für eilige Transporte.“

So wird es auch den Statuen aus Hatra ergangen sein. Die hat Ricardo Eichmann, Leiter der Orient-Abteilung im Deutschen Archäologischen Institut in Berlin, identifizieren können. Die lebensgroßen Statuen stammen aus der Parther-Stadt im Nordwesten, einer von Arabern getragenen Kultur mit römischen, griechischen und orientalischen Elementen; die Stätte ist als bisher einzige irakische ins Weltkulturerbe aufgenommen worden. Die steinernen Städter im Museum tragen Bärte und reich verzierte Gewänder mit langen Tuniken über pludrigen Hosen. Auch von ihnen sind jetzt viele geköpft.

Dann die Vase von Uruk: ein herber Verlust. Libanesische Kollegen berichteten Margarete van Ess, sie sei zerschlagen; laut dem britischen „Independent“ soll das hüfthohe alabasterne Gefäß hingegen gestohlen worden sein. „Es ist unbezahlbar, der künstlerische Ausdruck dieser frühen Zeit“, sagt van Ess. Auf der Vase aus der Zeit zwischen 3200 und 2900 v. Chr. findet sich die vermutlich erste Abbildung einer mesopotamischen Kultszene: ein Fest, bei dem Früchte zum Tempel der Göttin Inanna getragen werden.

Was die Schätze anbelangt, die eigentlich in den Tresoren der Staatsbank lagern müssten – der Schmuck aus den Königsgräbern von Ur zum Beispiel –, sind die Archäologen wieder nur auf Spekulationen angewiesen. Hat man sie überhaupt noch rechtzeitig hinschaffen können? Im November war Margarete van Ess zuletzt im Museum, und man hatte mit der Sicherung noch nicht einmal begonnen. Und ob sie jetzt gut aufgehoben wären in der Bank? Jene Bilder von Plünderern, die sich johlend mit Geld überschütten, sind vor eben dieser Bank entstanden. „Wenn die Vandalen an dieses Geld herankamen – wer kann sagen, ob sie nicht auch die Exponate stehlen konnten?“, sagt Friedhelm Pedde.

Gegenüber dem „Guardian“ hat der Museumsarchäologe Raeed Abdul Reda am Montag angegeben, 80 Prozent der Bestände seien weg. Margarete van Ess will die Zahl lieber nicht kommentieren. Sie meint, dass maximal ein Viertel der Bestände den Wissenschaftlern überhaupt bekannt sei. Alles, was Archäologen über Jahrzehnte im Irak gefunden haben, mussten sie im Nationalmuseum abgeben, denn seit 1935 gibt es im Irak ein rigides Antikengesetz. Hunderttausende Exponate vom 8. Jahrtausend vor Christus bis ins 13. Jahrhundert nach Christus finden sich in dem Museum, das weltweit als das wichtigste seiner Art gilt: mehr als 500 Großobjekte wie geflügelte Stierkolosse, aber auch Keramik, Objekte aus Elfenbein, Siegel und Tafeln mit Erkenntnissen über Medizin, Astronomie oder Mathematik.

Nur ein kleiner Teil ist in den 20 Galerien des zweistöckigen Baus ausgestellt. „Als wir vor zwei Jahren zur Wiedereröffnung kamen, waren wir erstaunt, wie viel Neues in zehn Jahren noch dazugekommen war“, sagt van Ess. Allerdings: Die Kollegen hatten vieles noch nicht einmal katalogisieren können. Es fehlten Hilfsmittel wegen des Embargos: Filme für Fotos oder Silikonkautschuk zum Abformen. „Man wird nie wissen, was tatsächlich alles verloren ist“, glaubt van Ess.

Eleanor Robson, Mitglied der British School of Archaeology im Irak, hat kürzlich gefordert, das Museum endlich wie den Tatort eines Verbrechens zu behandeln und die Kamerateams zu verbannen, die durch Haufen von Tonscherben trampeln. Und tatsächlich wird die Spurensicherung bald da sein. Mounir Bouchenaki, Vize-Generaldirektor der Unesco, hat am heutigen Donnerstag 100 Experten zu Gast, die eine Delegation zusammenstellen. Aus Deutschland haben fast alle Institutionen Hilfe angeboten: von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz über den Museumsbund bis zum Außenminister, der das Deutsche Archäologische Institut anpreist. „Wir sind schon in den Vorbereitungen“, sagte Ricardo Eichmann dem Tagesspiegel.

Sobald die Einreise genehmigt ist, werden Margarete van Ess und drei weitere Mitarbeiter also Dokumente deutscher Ausgrabungen im Irak einpacken, um die im Museum zerstörten zu ersetzen und zu helfen, die Zusammenhänge der verstreuten Exponate wieder herzustellen. Sie werden zu den Ausgrabungsstätten fahren und Listen fehlender Stücke an Internetarchive, Interpol und Händler weiterleiten, um zu verhindern, dass das Diebesgut verkauft wird. Doch an einem wird wohl kein Experte jemals wieder vorbeikommen: Wir werden uns, sagt Friedhelm Pedde, bis ans Ende unseres Lebens bei jedem Stück, das wir sehen, fragen müssen: Hat das mal zur Beute von Bagdad gehört?

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