Kultur : Der Logenpalast

Nach der französischen Botschaft Berlin baut Christian de Portzamparc in Luxemburg einen Konzertsaal

Ulf Meyer

Ein Filter aus Licht! 823 strahlendweiße Stahlstützen umstehen den Saal des neuen Konzerthauses, den der französische Architekt Christian de Portzamparc für Luxemburg gebaut hat. Sie trennen die Welt der bewusst gesetzten Töne von dem ungeordneten Klangdurcheinander da draußen, schirmen die Philharmonie ab gegen das Bürohaus-Einerlei im Quartier Européen. Bis zu vier parallele Stützreihen bilden eine lichte Hülle um dieses Haus im Haus. Als „Raum der Initiation“ bezeichnet Christian de Portzamparc sein Foyer: Wer hier eintritt, wird freundlich aufgenommen in einer anderen Welt.

Das schwerreiche Großherzogtum Luxemburg war bisher eher als Banker- und EU-Bürokratenstaat bekannt – die neue Philharmonie ist das erste Konzerthaus des Großherzogtums. Sie liegt auf halbem Weg zwischen Innenstadt und Flughafen, an der „Beamtenlaufbahn“, der Avenue John F. Kennedy. Der angrenzende Place de l’Europe wird derzeit zum Kulturviertel ausgebaut: Nebenan geht I.M. Peis Museum für moderne Kunst seiner Fertigstellung im nächsten Sommer entgegen. Die luxemburgische Kapitale dürfte damit die europäische Hauptstadt mit dem ambitioniertesten kulturellen Bauprogramm sein, wenn man bedenkt, dass sie nur 80000 Einwohner zählt.

Der 1944 in Casablanca geborene Portzamparc, der selber Klavier und Flöte spielt, gilt als „Komponist unter den Architekten“. Bekannt wurde er mit der Cité de la Musique in Paris. In New York baute er 1999 die Zentrale des Luxuskonzerns Moet/Hennessy/Louis Vuitton, in Montréal im Jahr darauf die Grande Bibliotheque. Auch in Berlin ist seine französische élégance zu besichtigen: Trotz der strengen Bauauflagen am Pariser Platz ist die von ihm gestaltete Fassade der französischen Botschaft ein Musterbeispiel einer architektonisch ausgewogenen Komposition.

Im Gegensatz zum Botschaftsbau kann in Luxemburg jeder Portzamparcs Architektur auch von innen genießen. In das umlaufende, gleißend-helle Foyer der 107 Millionen Euro teuren neuen Philharmonie fällt zusätzlich Licht von oben. Eine flache Rampe windet sich durch die 18 Meter hohe Vorhalle zu acht Logentürmen, die das Grand Auditorium umstehen. Außen sind deren Zwischenräume in Bonbonfarben gestrichen und werden abends mit Neonlicht illuminiert. Dieser Kunstgriff taucht das Sehen und Gesehenwerden, das jedes Theaterfoyer ausmacht, in changierende Lichttöne. Die turmartigen Logenhäuser wirken wie Gebäude, die eine Piazza umgeben. Wie in Shakespeares Theater erlauben sie Intimität trotz der Größe des Saales mit 1500 Plätzen. Die Sitze in den Logen sind wegen der schlechten Sichtverhältnisse jedoch keinesfalls privilegiert.

Der große Konzertsaal ist ein klassisches Guckkastentheater und ganz in Schwarz gehalten. Einziger farblicher Akzent sind die Birnenholzverkleidungen der Logen und die Rahmung der Orgel, die aus der Berliner Werkstatt Karl Schuke stammt. Im Vergleich zu anderen neuen Konzerthallen in Europa wie Rem Koolhaas’ „Casa di Musica“ im portugiesischen Porto beispielsweise ist Portzamparcs Raumkonzeption zwar konservativ, lässt aber der Musik den Vortritt. Fast scheint es, als sei der Franzose dem Musikwissenschaftler Paul Marsop gefolgt, der schon 1903 für den Konzerthausbau einen Raum verlangte, „der einzig darauf komponiert wäre, der Tonkunst die ungehinderte Entfaltung aller stimmungserzeugenden Wunderkräfte zu ermöglichen“.

Portzamparcs Luxemburger Werk gilt bereits als eines der akustisch bemerkenswertesten Konzerthäuser Europas. Nach der Eröffnungswoche bezeichneten die Musiker des Orchestre Philharmonique du Luxembourg, das hier nun seine Heimat hat, die Akustik als „gefährlich gut“. Hier ist wirklich jeder Ton zu hören – auch jeder falsche. Der sino-französische Akustiker Xu Ya Ying, mit dem Portzamparc schon bei der Cité de la Musique in Paris-La Villette zusammenarbeitete, hat eine ornamentale Akustikdecke mit mobilen Paneelen für die Philharmonie in Luxemburg entworfen, die unterschiedliche akustische Räume entstehen lässt.

Im muschelförmigen Kammermusiksaal, der sich unterirdisch an die Halle schmiegt, wird derzeit noch geschraubt und gehämmert: Bis zur Saisoneröffnung Mitte September soll auch er fertig sein. „Ich will nicht, dass in drei Jahren noch jemand sagt, die Philharmonie sei nichts für ihn“, erklärt der Generaldirektor der neuen Philharmonie, Matthias Naske, seine Programmphilosophie. Klassische Konzerte sind ihm genauso wichtig wie Jazz, populär soll es sein, aber dennoch hochkarätig.

Portzamparcs spektakuläres Werk adelt das Luxemburger Bankenviertel – und weckt Hoffnungen bei den Stadtvätern: Dank der Philharmonie soll sich die öde Bürostadt ohne Passanten bald in ein aufregendes Kulturviertel verwandeln.

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