Kultur : Der Luftmaler

Jackson Pollock auf Papier: (fast) eine Retrospektive bei Guggenheim Berlin

Bernhard Schulz

Zu den Höhepunkten des Gastspiels des Museum of Modern Art in Berlin zählten die Gemälde Jackson Pollocks. In den reifen Werken des Malers, Ende der Vierzigerjahre entstanden, kulminiert die uramerikanische Suche nach dem individuellen, von jeglicher Beschränkung freien Ausdruck. So ist es eine glückliche Fügung, dass nun wieder die Gelegenheit besteht, den Blick auf Pollock (1912–1956) zu vertiefen. Die Deutsche Guggenheim Berlin zeigt die Ausstellung „No Limits, Just Edges: Jackson Pollock. Malerei auf Papier“, die fast eine Retrospektive darstellt, lediglich beschränkt auf das Medium des Papiers.

Das ist durchaus keine Wortklauberei, löste doch Pollock die Grenze zwischen Grafik und Malerei nahezu vollständig auf. Als Kulminationspunkt der Ausstellung erweist sich eine Reihe von Arbeiten, die als Gemälde wahrgenommen werden müssen und sich lediglich durch den Hinweis auf ihre papierne Trägerschicht als grafische Arbeiten verraten. Zu dieser Zeit verwendete der Künstler durchweg Malfarben und nicht allein Farbstifte oder Pastellkreiden.

Pollock hat in einem seiner kargen, doch ungemein zitat-ergiebigen Interviews den Begriff geprägt, seine spezielle Maltechnik kenne „keine Grenzen, nur Ränder“. Dieses, der Ausstellung ihren Titel leihenden – und unverständlicherweise nicht ins Deutsche übersetzte – Zitat bringt die Reifezeit Pollocks auf den Begriff. Die mit bewundernswertem Sachverstand ausgewählte, alle Schaffensphasen Pollocks berücksichtigende Ausstellung lässt sich wie ein verschlungener Weg hin zu den wunderbaren All-over-Arbeiten von 1948/49 verfolgen, von denen „Untitled (Green Silver)“ unlängst dem Guggenheim Museum New York geschenkt wurde und so den Anstoß zur jetzigen Ausstellung lieferte.

Es war in der Tat ein langer und verschlungener Weg, den Pollock gegangen ist. Er begann mit figurativen Darstellungen, die alle Merkmale der Depressionszeit der Dreißigerjahre tragen, als Pollock bei dem erzkonservativen Regionalisten Thomas Hart Benton studierte. Nur konnte Pollock mit der sichtbaren Wirklichkeit nicht allzu viel anfangen. Das Bewusstsein seiner künstlerischen Unzulänglichkeit durchzieht diese bitteren Jahre. Erst als Pollock, ein ungemein schwieriger und nach nur wenigen Jahren künstlerischer Strahlkraft an sich selbst zerbrochener Charakter, sein Inneres nach außen kehrte und zum kaum verhüllten Thema machte, gelangen ihm authentische und zwingende Werke.

Die Papierarbeiten zeigen deutlicher noch als die parallel entstandenen Gemälde, wie Pollock sich die Errungenschaften der europäischen New- York-Emigranten der Kriegsjahre, insbesondere der Surrealisten zu Eigen machte, zugleich aber aus der eigenen psychoanalytischen Beschäftigung Impulse gewann. Die figurativen, aus immer tieferen Schichten des (Unter-)Bewusstseins heraufgeholten Elemente, die sich in den frühen Vierzigern oft noch ohne Mühe entschlüsseln lassen, weichen unbenennbaren Formschöpfungen. Dabei war sich Pollock, so sehr er einer eigenen Art der écriture automatique folgte, der künstlerischen Problematik seiner eigenen Zeit – der von Atomtechnik und Atombombe – vollauf bewusst. „Der moderne Künstler“ – erklärte er auf der Höhe seines Schaffens 1950 – „hat sich damit zu befassen, einer inneren Welt Gestalt und Ausdruck zu verleihen oder, anders gesagt, Energie, Bewegung und andere innere Kräfte auszudrücken.“

Diesen Ausdruck fand Pollock in seinen drip paintings, den „Tröpfelbildern“, über die Hans Namuth – der darüber einen berühmten Film gedreht hat – sagte, der Künstler zeichne „nicht auf die Leinwand, sondern in die Luft darüber“. Die Unterscheidung zwischen Papierarbeiten und Gemälden ist nun vollends hinfällig; dies unabhängig davon, dass der Selbstaussage Pollocks, er fertige keinerlei Vorzeichnungen zu Gemälden an, nur bedingt zu trauen ist. Pollock wusste seine Methode sehr gezielt einzusetzen; anders wäre die hohe malerische Vollendung seiner reifen Arbeiten – von denen der exquisite Katalog einige mehr verzeichnet, als in Berlin tatsächlich zu sehen sind – nicht zu erklären.

Dieses Niveau konnte Pollock nicht halten. Eine erneute Suche setzte mit Tuscharbeiten in den folgenden Jahren ein, als der Künstler die Materialwirkungen grafischer Papiere erkundete. Dem – von ihm bereitwillig mitgeprägten – Bild des eruptiven Vollblutkünstlers konnten diese tastenden Versuche nicht genügen. Die Berliner Ausstellung zeigt den Weg, den Pollock zurücklegte, ohne wertende Eingriffe – vom mühseligen Anfang bis zum nicht etwa gewaltsam abbrechenden, sondern wie beiläufig verlöschenden Ende.

Deutsche Guggenheim Berlin, Unter den Linden 13/15, bis 10. April. Katalog bei Hatje Cantz, auch im Buchhandel 34 €.

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