Kultur : Der Luftschlosser (Kommentar)

Rüdiger Schaper

Der Neue ist ein alter Bekannter. Und die alten Probleme werden nun mit frischer Energie neu formuliert. So läuft das Spiel. So wird noch keine Lösung gefunden, aber erst einmal Linderung geschaffen. Das hat Christoph Stölzl bereits vor seiner Wahl zum Senator für Kultur (und übrigens auch für Wissenschaft!) erreicht: eine exzellente Medienpräsenz, wie sie weder die blasse Christa Thoben noch der joviale Peter Radunski genoss - und schon gar nicht der abgetanzte, abgelatschte Eberhard Diepgen.

Immerhin: Der Regierende Bürgermeister, in Fragen der Kultur meist unsicher, ja unwirsch, hat mit Christoph Stölzl einen Mann aus der Kultur in den Senat geholt, der das schiere Gegenteil darstellt. Klaus Landowsky, der Fraktionsvorsitzende der CDU, sagte gestern im Abgeordnetenhaus Bemerkenswertes. Er gab zu, dass man mit der Wahl einer Managerin (gemeint war Christa Thoben) einen Fehler gemacht habe. Denn ein Kultursenator, so Landowsky, brauche doch immer eine innere Affinität zur Sache.

Das klingt banal. Das wurde in den Feuilletons unendlich oft durchexerziert. Aber erst mit Stölzls Wahl wurde das Selbstverständliche ins Recht gesetzt: Wer Theater, Opern, Museen und Orchester in neue Organisationsformen bringen soll, der muss etwas davon verstehen, was in diesen kostspieligen, kostbaren Gehäusen vor sich geht. Mit Stölzl, der ein sehr gutes Wahlergebnis erzielte, ist die Kultur der Hauptstadt wieder da angekommen, wo sie vor fünf Jahren, vor der Wahl Radunskis, oder auch schon vor zehn Jahren, im Moment der Einheit, war. Bei der Stunde Null. So wie damals, als Stölzl im Auftrag Helmut Kohls auch ein wenig überraschend das Deutsche Historische Museum kreierte, im Zeughaus Unter den Linden, sieht er sich jetzt als Gründerfigur, die Hauptstadt, Bund und Länder kulturell unter ein neues Dach bringt.

Das gehört zu Berlin wie die ewige maulige Unzufriedenheit - dass diese Stadt sich permanent neu erfindet. Und auch dafür ist Stölzl wohl der richtige Mann. Er weiß, dass der Diskurs wenigstens so wichtig ist wie der Dienst, das Dingliche. Berlin besteht aus Luftschlössern, und das größte von allen, das Stadtschloss, hat Stölzl immer schon bauen wollen. Er ist ein Träumer, er liebt das ironisierende Pathos, die Historisierung der Gegenwart. Stölzl bleibt stets verbindlich und damit auch im Unverbindlich-Diplomatischen (und er hat das auch bei seinen ersten Äußerungen als Senator so gehalten), während Michael Naumann, Stölzls wichtigster Partner, gerne die intellektuelle Attacke ohne Vorwarnung zelebriert.

In diesem Spannungsfeld wird Stölzl agieren - zwischen dem eloquenten Bundeskulturminister und dem bodenständigen Regierenden Bürgermeister. Welche Wahl Stölzl mit dem neuen Amt getroffen hat, das hat er im Parlament hautnah erlebt, in der gestrigen Haushaltsdebatte: wie Diepgen die Bundesregierung rüffelte, sie verhalte sich Berlin gegenüber absolutistisch, wie er auftrumpfte, dass Berlin nicht allein zuständig sei für die dunklen Seiten der deutschen Geschichte. Eine hoch interessante Arbeitsteilung zeichnet sich im Berliner Senat ab. Der Eine zerdeppert das Porzellan, das der Andere mit Umsicht zusammenträgt. Die Vorhersage sei gewagt: So werden es die beiden eine ganze lange Weile treiben. Die Frage ist nur, wer am Ende der Narr ist. Und wer der König.

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