Kultur : Der Männermob

Gegen die böse Welt: „Yvonne“ und „Mann ist Mann“ am Berliner Ensemble

Christine Wahl

Das Erste, was wir am Hofe zu Burgund zu sehen bekommen, ist unästhetischer Geschlechtsverkehr. Der Vorhang ist noch nicht ganz oben, da macht sich ein Kumpel des Prinzen mit heruntergezogener Hose an der gleichfalls entblößten Hausfreundin Isa zu schaffen. Seht her, wie verrucht die Staatsmacht am Berliner Ensemble ausschaut, ruft Günter Krämers Inszenierung stolz. Mit dreifachem Ausrufezeichen. Gleich danach muss der Prinzenkumpel zu David Bowies „You belong in Rock’n’Roll“ erneut seinen Bauch entblößen und seine Gefährtin bei jedem Ausfallschritt ihren Schlüpfer wieder lüpfen. Der Prinz selbst – Konrad Singer spielt ihn als vom Leben angeekelten Romantiker, der sich direkt aus Büchners „Leonce und Lena“ an den krachledernen Burgunderhof verirrt zu haben scheint – wird später vor seiner Verlobten einen Strip hinlegen.

Und Gnade Gott, er lässt seinen Vater auch nur drei Sekunden mit der Braut allein: Da springt der Alte (solide jähzornig: Axel Werner) gleich aus seinem Rollstuhl und beißt der „Zimperliese“ wie ein rolliger Straßenköter in den Netzstrumpfhosen-Hintern. Und ruft dazu: „Es gibt nichts zu fürchten! Ich bin doch kein Tier!“

Nein, „Yvonne, die Prinzessin von Burgund“ hat es nicht leicht an diesem Abend. In Witold Gombrowiczs Stück wählt der vom Ekel faszinierte Prinz Philipp aus einer Laune heraus die ausgesucht hässliche und aufreizend wortkarge Yvonne zur Gattin. Deren Passivität provoziert den Königshof derart, dass jegliche konventionelle Handlungsmacht an ihr zerbricht, die scheinheilige Ordnung implodiert und die höfische Fassade zusehends bröckelt. Wenn aber von Anfang an nur der Rohputz steht, kann nicht mehr viel abfallen.

Ähnlich verhält es sich mit Yvonne, die zu Beginn im Publikum sitzt und von ihren höfischen Bühnenkollegen wechselweise mit Ferngläsern und einer Videokamera fixiert wird. Als überlebensgroße Projektion führt sich Maria Happel auf einem der Lamellenvorhänge ein, aus denen Jürgen Bäckmanns Bühne besteht. Der staatstragende Männermob, der gerade noch über die Hausfreundin (Ursula Höpfner) hergefallen war, zappelt vergeblich gegen diesen groß projizierten Glamour an.

Darum geht es in Krämers Inszenierung: Yvonne gegen den bösen Rest der Welt. Yvonne ist erstens gar nicht hässlich und zweitens politisch so korrekt, dass man höchstens ihre aufreizende Rockkürze kritisieren könnte. Das ist – bei allem Farce-, Videoprojektions- und Drehbühnenaktionismus – auf Dauer ziemlich langweilig.

Maria Happel spielt das Opferlamm mit Würde und wohl dosierter Power. Aber da Krämer ihr das Hässliche, Trotzige, Bockige genommen hat, bleibt gerade das Interessanteste – ihre naturgewaltige Renitenz, welche die Staatsmacht in den handlungsunfähigen Wahnsinn treibt – pure Behauptung. Genauso ergeht es der Militärattrappe, die der König im Schlepptau führt: Nebendarsteller mit Soldatenmänteln, Bühnentechniker mit Stahlhelmen und salutierende Bettler machen aus einem privaten Grantelkönig im Hausanzug noch lange keinen Tyrannen.

Einzig Traute Hoess als Königin darf eine Art Entwicklung – die äußerst unterhaltsame Degeneration von der monarchischen Kopftuch-Mutti zur mordlustigen Furie im Negligé – vollziehen. Egal, ob sie ihre unliebsame Schwiegertochter mit „Birnchen“ traktiert oder ihre versuchspornografische Lyrik zum Besten gibt: Sie macht aus jeder Szene ein Kabinettstück – wie Walter Schmidinger aus seiner Minirolle als verliebter Höfling Innozenz.

Auf solche Glanzpunkte wartet man nebenan in der Probebühne vergeblich, wo Manfred Karge Bertolt Brechts „Mann ist Mann“ inszeniert hat. Die Parabel vom Packer Galy Gay, der auszieht, einen Fisch zu kaufen und sich unterwegs von verschlagenen Soldaten zur leibhaftigen Kampfmaschine umfunktionieren lässt, kommt hier als Provinzposse unter Kunstpalme daher. Wir sehen einen militärischen Deppentrupp, der sich mit schadhaftem Scherzartikelgebiss und schlechtem Sächsisch durch eine deprimierende achtzigminütige Ideenarmut grimassiert. Sein Humorpotenzial bezieht diese Inszenierung aus einer Gespielin mit Kunstbusen, Netzstrümpfen, Soldatenkäppi und ordinärem Sprachgebrauch. Dass dazu im Programmheft ernsthaft kriegstechnische Forschungen zu „menschlichen Waffensystemen“ zitiert werden, macht es nur noch schlimmer.

Beide Stücke wieder am 9. und 19. April

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