Kultur : Der Maestro, der kein Maestro sein will

ALBRECHT DÜMLING

Die Schlagzeile der Los Angeles Times vom 8.Oktober 1989 sprach vom "Tyrann des Philharmonischen Orchesters".Nicht der verstorbene Herbert von Karajan war damit gemeint, sondern Ernest Fleischmann, der Intendant des Los Angeles Philharmonic.Der in Frankfurt geborene Manager hatte den Chefdirigenten André Previn, einen gebürtigen Berliner, wegen sinkender Attraktivität soeben fristlos entlassen.

In Berlin wurde an jenem 8.Oktober in geheimer Wahl der Karajan-Nachfolger gewählt.Da das Berliner Philharmonische Orchester zuvor nur pro forma auf äußere Vorgaben hatte reagieren können, war dies eigentlich seine erste demokratische Wahl eines Chefs.Bis zuletzt war noch alles offen gewesen, obwohl einige Eingeweihte meinten, die Entscheidung werde wohl zwischen Maazel oder Muti fallen.

Die Nachricht von der Wahl Claudio Abbados kam als Überraschung.Als sie per Telefon auch am Lake Arrowhead hoch über der kalifornischen Riesenstadt eintraf, waren wir Berliner, die wir zu dieser Zeit dort als Getty-Scholars verweilten, hell erfreut.Nach den Berichten über Previns Abgang wirkte diese Meldung wie ein Triumph der Demokratie.Offenbar unbeeinflußt von Einflüsterungen der großen Medienkonzerne hatte sich das Orchester allein von musikalischen Kriterien leiten lassen.

Mein erstes Abbado-Erlebnis im Oktober 1980 hatte mich elektrisiert.Der Mailänder gastierte damals mit dem London Symphony Orchestra in der Philharmonie.Eine solche Verbindung von ruhiger Gelassenheit und gespanntester Konzentration, wie sie an diesem Abend in Bizets Arlesienne-Suite, in Ravels La Valse und Tschaikowskys fünfter Symphonie zu erleben war, hatte ich bislang nicht erlebt.Die unprätentiöse Sachlichkeit, die Abbado auch bei populären Werken an den Tag legte, die analytische Transparenz, die er wie selbstverständlich realisierte, ließen aufhorchen."Das Ideal eines Dirigenten", die Titelzeile meiner Rezension, richtete sich nicht nur gegen Karajan.

Viele Konzerte des Philharmonischen Orchesters mit seinem Chefdirigenten haben seitdem die hohen Erwartungen bestätigt.Der jugendliche Elan und die Wachheit, die Abbados Interpretationsstil ebenso durchströmt wie seine Repertoireauswahl, scheint zur Modernität von Hans Scharouns Philharmonie besonders gut zu passen.Seine freundschaftliche Zusammenarbeit mit Maurizio Pollini und Luigi Nono setzte der Maestro, der kein Maestro sein will, dabei fort.Sie klingt fort in Abbados Vorstellungen von orchestraler Partnerschaft und in seiner Art, klassische Werke in Perspektive zu setzen zum 20.Jahrhundert.Als wegweisend erwiesen sich dabei die thematischen Zyklen, die mehr oder weniger stringente Zusammenhänge zwischen Musik, Dichtung, Malerei, Philosophie und Zeitgeschichte einkreisen.

Obwohl Themen wie "Prometheus", "Hölderlin" oder "Faust" Abbado spürbar wichtig sind, hat er sich in Worten dazu kaum je geäußert.Seine Wortkargheit enttäuscht gelegentlich die Fragesteller.Abbado gleicht in seiner Zurückhaltung den Palästen seiner Heimatstadt Mailand, die ihre innere Schönheit hinter Straßenfronten von oft spartanischer oder abweisender Nüchternheit verbergen.Seine Schauseiten sind nicht Pressegespräche oder Proben.Es sind allein seine Konzerte.Wer meint, aus Probenreportagen eine "Innenansicht" des Dirigenten ableiten zu können, tut ihm unrecht.

Zu Recht beurteilt das Publikum einen Dirigenten ausschließlich nach den Konzerterlebnissen.Hier hinterließ Abbado, der am heutigen Freitag seinen 65.Geburtstag feiert, stets den besten Eindruck, wobei Sternstunden wie bestimmte Brahms- und Mahler-Aufführungen oder die konzertante Wiedergabe von Rossinis "Il Viaggio a Reims" besonders hervorzuheben sind.Ein Orchester hingegen bewertet seinen Chef gerne auch nach seiner Probenarbeit.Trotz aller Bekenntnisse zu Demokratie und Kameradschaftlichkeit gibt es hier Sehnsüchte nach straffer Autorität.Dies gilt vor allem für jene Orchestergruppen, die Abbados kammermusikalische Ideale weniger kennen als etwa die Streicher.Wurzelte die Kritik an Karajan in Vorbehalten gegen seine übergroße Autorität, so werfen einige Orchestermitglieder heute seinem Nachfolger gerade das Gegenteil vor.Abbado bekam zu spüren, daß wirkliche Orchesterdemokratie nur schwer zu verwirklichen ist.

Aus eigener Entscheidung hat Abbado seine Berliner Chefdirigententätigkeit bis zum Jahr 2002 begrenzt.Was viele als Eigenwilligkeit erstaunte, ist wiederum konsequente Folge seines demokratischen und partnerschaftlichen Denkens: wo Mehrheiten abbröckeln, will ein Abbado nicht autoritär auf Machtpositionen beharren.Man muß diese Entscheidung respektieren und bedauern, steht der immer noch jugendlich wirkende Dirigent doch im Zenit seiner Leistungsfähigkeit.Wenn es ihm wie dem Orchester gelingt, die empfindliche Balance zu wahren, die die Voraussetzung bildet für eine glückliche Zusammenarbeit beider Seiten, dann werden noch viele beglückende Hörerlebnisse voll Transparenz und Spannung zu erwarten sein.

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