Kultur : Der Mann, auf den man nicht hörte

1944 veröffentlichte Jan Karski seinen Augenzeugenbericht über die Shoah – nun ist er auf Deutsch erschienen und wird von Yannick Haenel als Roman verarbeitet

Hannes Schwenger
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Das Foto, das Jan Karski 1943 in Washington zeigt und jetzt auf dem Einband seines „Berichts an die Welt“ zu sehen ist, wurde nicht retuschiert: Die Narben, die seine Folterung durch die Gestapo im Sommer 1940 hinterlassen hatte, sollten sichtbar bleiben. Sie waren noch sichtbar, als er 1971 vor die Kamera trat, um für Claude Lanzmanns Film „Shoah“ zu wiederholen, was er 1942 als Augenzeuge im jüdischen Ghetto von Warschau gesehen und in seinem Bericht für die internationale Öffentlichkeit beglaubigt hatte. Niemand, der diesen Film gesehen hat, wird vergessen, wie er beim ersten Versuch zu sprechen abbricht und aus dem Bild läuft, weil es ihm nicht gelingen will, in seiner Vorstellung noch einmal an den Ort des erlebten Grauens zurückzukehren. Schon bei der ersten Niederschrift seines Berichts, der in Amerika 1944 erschienen ist, war ihm deutlich geworden: „Je länger ich mich fernab der Schrecken des Landes befinde und je weiter ich von der Front weg bin, desto stärker empfinde ich den Schrecken der Tragödie der polnischen Juden.“

Dabei war der erste und eigentliche Gegenstand seines Berichts nicht die jüdische Tragödie, sondern der polnische Geheimstaat, den Widerstand, Heimatarmee und die Londoner Exilregierung General Sikorskis im besetzten Polen geschaffen hatten. Jan Karski, unter seinem früheren Namen Jan Kozielewski Unteroffizier der regulären polnischen Armee, war bei der Besetzung Polens durch Hitler und Stalin auf der Flucht vor den deutschen Besatzern zunächst in die Hände der Sowjets gefallen. Nach einer abenteuerlichen Flucht gelang ihm die Rückkehr; er schloss sich der Heimatarmee an und geriet als deren Kurier unter dem Decknamen Witold 1941 in die Fänge der Gestapo. Aus Furcht, sich unter der schweren Folter Aussagen abpressen zu lassen, unternahm er einen Selbstmordversuch; aus dem Krankenhaus gelang ihm mithilfe des polnischen Widerstands die Flucht. Seine Standhaftigkeit gewann ihm das Vertrauen der Untergrundführung, die ihn unter dem neuen Namen Jan Karski als geheimen Gesandten zur Exilregierung in London ausschleuste.

Zuvor sollte er noch durch zwei Anführer des jüdischen Widerstands über die Lage im Warschauer Ghetto und die drohende Vernichtung der polnischen Juden informiert werden. Die beiden übergaben ihm einen Bericht über bereits erfolgte Deportationen und schleusten ihn verkleidet in das Warschauer Ghetto und in ein Vernichtungslager der SS bei Belzec ein. Nur ein Augenzeuge des Terrors würde ihre Botschaft für die Weltöffentlichkeit glaubhaft vermitteln können: „Unser gesamtes Volk wird vernichtet. Möglicherweise werden Einzelne überleben, aber drei Millionen Juden sind dem Untergang geweiht. Und dazu kommen noch viele andere, die aus ganz Europa hergebracht werden. Das kann keine Macht in Polen verhindern, weder der polnische noch der jüdische Untergrund. Diese Verantwortung liegt bei den Alliierten.“ Es gelte, mit allen Mitteln das Gewissen der Welt wachzurütteln, die Alliierten zum Eingreifen mit „nie dagewesenen Mitteln“ bis hin zu massenhaften Vergeltungsaktionen zu drängen mit der Drohung, „die gesamte deutsche Nation systematisch auszulöschen“.

Karski hat diesen Auftrag erfüllt, bei Polens Exilregierung in London, beim britischen Außenminister Anthony Eden, bei Präsident Franklin D. Roosevelt in Washington, die ihn anhörten – und nichts unternahmen. Schlimmer noch: Sie ließen sogar Polens Exilregierung und Heimatarmee fallen, als sie nach Kriegsende aus Rücksicht auf ihren russischen Alliierten Polen an Stalin und die polnischen Kommunisten auslieferten. Karski konnte zwar seinen Bericht an die Welt 1944 in den USA unter dem Titel „Story of a Secret State“ publizieren, musste aber auf Druck seines Verlegers auf ein Kapitel über den Anteil der Sowjets an der polnischen Tragödie verzichten.

Auch sonst merkt man seinem Buch die Vorgaben des Verlags an, der – kommerziell erfolgreich – auf Publikumswirksamkeit setzte und am liebsten noch eine tragische Liebesgeschichte eingeflochten hätte. Dem hat Karski zwar widerstanden, so dass die authentische Botschaft seines Buches bis heute wirksam bleibt. Seine politische Mission scheiterte jedoch: Er blieb, trotz seines Bestsellererfolgs „der Mann, auf den man nicht hörte“. So hat ihn Bronislaw Geremek genannt, nach der Wende von 1989 Außenminister des neuen Polen, das Jan Karski – im kommunistischen Polen jahrzehntelang Unperson – noch vor seinem Tod im Jahr 2000 wieder für sich entdeckte. Dort ist sein Buch 1999 erschienen, immerhin zwölf Jahre vor der nun vorliegenden deutschen Ausgabe.

In Frankreich, wo es zum ersten Mal 1948 erschien, diskutiert man seine Wirkungsgeschichte anhand eines Romans, mit dem der 1967 geborene Autor Yannick Haenel Karskis Bericht aufnimmt und fiktiv bis in die Gegenwart fortschreibt. Eilige Leser können sein zweites Kapitel als kurze Zusammenfassung der 600 Seiten von Karskis Bericht lesen, den Haenel knapp und doch unverfälscht rekapituliert. Haenels Roman hat nur drei Kapitel, das erste schildert mit Empathie Karskis Auftreten in Lanzmanns Film, das zweite ist die Essenz seines Berichts an die Welt. Das dritte lässt ihn in einem fiktiven Monolog seinen Weg in die Weltöffentlichkeit, sein politisches Scheitern und langjähriges Schweigen bis zu seiner Rückkehr vor die Kamera Claude Lanzmanns und in die Öffentlichkeit Israels und Polens nacherzählen und kommentieren. Der Kommentar legt ihm nichts in den Mund, was nicht durch bezeugte Äußerungen Karskis aus seinem späteren Leben gedeckt wäre; aber er zielt sehr bewusst auf die Diskussionen der französischen Linken und den „neuen Rechten“ über Stalins Komplizenschaft bei Hitlers Verbrechen in Polen, das Versagen der Alliierten und über den Verrat der kommunistischen Linken an Polen, den europäischen Juden und den universalen Menschenrechten.

Zumindest in Frankreich ist diese Botschaft angekommen, da Haenels Buch sieben Wochen auf den Bestsellerlisten stand und ihm zwei Literaturpreise eintrug. Trotzdem bleibt die Frage, ob hier nicht zwar literarisch subtil das Schicksal Karskis und seiner Leidensgefährten noch einmal politisch instrumentalisiert wird. Der literarische Mehrwert des kleinen Romans ist, gemessen an Karskis eigenem Bericht und späteren Äußerungen, eher gering.

Jan Karski: Mein Bericht an die Welt. Geschichte eines Staates im Untergrund. Kunstmann, München 2011. 620 S., 28 €.

Yannick Haenel: Das Schweigen des Jan Karski. Roman. Rowohlt, Reinbek 2011. 188 S., 18,95 €.

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