Kultur : Der Mann aus Fleisch

Seine härteste Rolle: Jürgen Vogel spielt in „Der freie Wille“ einen Vergewaltiger

Christina Tilmann

Verständnis? Mitleid mit dem Täter? Schon Zusehen macht zum Komplizen. Beschreiben erst recht. Und Spielen? Drehen? Die erste, endlose Szene, die Wahl des Opfers, die Vorbereitung, die Vergewaltigung. Ungeschnitten, unkommentiert. Erst denkt man, immerhin, er erspart uns, dem Opfer auch noch ins Gesicht sehen zu müssen, es zum Individuum, zur wiedererkennbaren Person zu machen. Glasner erspart uns nichts.

Man will das nicht sehen. Man sollte es wahrscheinlich auch nicht zeigen. Mehr als ein Tabu, es ist eine Zumutung, da hinzusehen, draufzuhalten. Aber mit dem freien Willen ist es nicht weit, in diesem Film, dem umstrittensten, unbequemsten bislang. „Der freie Wille“ statuiert Unausweichlichkeit. Eine tickende Zeitbombe, irgendwann geht sie hoch, nur das Wann ist die Frage, nicht das Ob. Ratlos ist man, wie umzugehen sei mit solchen Tätern. Ratlos wie dieser Film.

Erklärung? Fehlanzeige. Von Verurteilung oder Haltung ganz zu schweigen. Keine Erklärungsmuster, etwa eine harte Kindheit, Missbrauch durch Eltern, der ganze Psycho-Kram, der so gern herbeigezogen wird, um zu erklären, was nicht zu erklären ist. Keiner, der die Tat offen verurteilt, der Bewährungshelfer nicht, auch die Freundin nicht. All das würde den Film erträglicher machen, bequemer. Eine Story mit Anfang und Ende, und Hoffnung oder Verurteilung.

Hier aber nur: Beobachtung. Oder noch mehr, Einfühlung. Der Film schlüpft dem Vergewaltiger in die Haut. Und fühlt sich dort genauso unwohl wie dieser selbst – und der Zuschauer. Ein Psychogramm der Angst, der ganze Film. Der Angst eines Menschen vor sich selbst.

Er habe austesten wollen, wie viel Böses in jedem Menschen steckt, hat Jürgen Vogel vorab in einem Interview erzählt. Das tut er, spielen kann man das kaum mehr nennen. Man möchte nicht wissen, woher diese Aggression kommt, diese Wut, die Vogel da wachruft in sich selbst. Der Hass auf den eigenen Körper. Er liegt auf dem Bett und masturbiert, so heftig, als wolle er sich den Schwanz abreißen. Er schlägt beim Schattenboxen zu, mit tierischem Gebrüll, als gelte es, sich selbst zu treffen. Er sitzt unter einem Werbeplakat, darauf eine nackte Frau, da geht eine bekleidete vorbei, und er verschränkt die Hände überm Schritt, wie einen eisernen Riegel. So schonungslos, so nackt sich selbst und seine Abgründe zu spielen, grenzt an Selbstverletzung.

Und doch klingt alles viel zu spektakulär, nach Sensation. „Der freie Wille“ ist ein leiser Film. So leise, dass die Atemzüge in ihm hallen, als wären es Kanonenschläge. Dieses Atmen, Jürgen Vogels Atemzüge, ein Keuchen, das dann immer schneller wird, mehr braucht es nicht, um klarzumachen, was jetzt kommt. Man hat lange nichts so Schreckliches gehört wie dieses Atmen.

Unausweichlich. Sie scheinen es alle zu wissen, dass da nichts zu machen ist, der resignierte Bewährungshelfer, der widerwillige Arbeitgeber, vor allem aber dieser blasse Theo Stoer, so schweigsam, so verschlossen, wie in einem Panzer um sich selbst gefangen. Nützt auch nichts, dass dieser Verlorene irgendwann eine andere Verlorene, eine anders Missbrauchte (genauso stark: Sabine Timoteo) treffen wird und sich mit ihr zusammentut, fast wider Willen. Bleib mir vom Leib, sagen beide immer wieder: Ich kann nicht, und: Das geht einfach nicht.

Es geht auch nicht gut. Sie sitzen sich im Eiscafé gegenüber, im Kino nebeneinander, und schweigen sich an. Liegen nebeneinander im schmalen Hotelbett, und man hört sein Keuchen, spürt sein Zittern, sieht seinen Kampf. Und nur in einer Szene gönnt der Film ihnen so etwas wie Glück: Theo lässt, in einer großen, leeren Kirche, Schuberts „Ave Maria“ für Nettie singen. Und ganz kurz wird es hell, ein Lächeln, eine Träne, eine Umarmung. Und eine unmögliche Utopie: Erlösung.

So richtig hell wird es sonst nie in diesem Film. Blass sind die Bilder, blass die Tage. Wintertage im hässlichen Mülheim an der Ruhr, mit seinen Fußgängerzonen, Einkaufszentren, Pizzerien, Hochhaussilos. Und endlose U-Bahn-Gänge, Bahnsteige, leere Waggons. Potenzielle Tatorte, wie die Parkplätze, die leeren Straßen. Man wird nicht mehr ruhig nach Hause gehen, nachts, nach diesem Film. Und dabei reflektiert er nur die alltägliche Angst, mit der wir leben.

Resignation spricht aus dem Film. Der Trieb, eine Krankheit, die nicht geheilt werden kann. „Ich war krank. Nun bin ich gesund“, sagt Theo beim Vorstellungsgespräch, und spricht davon, ein Beispiel sein zu wollen. Er sagt es leise, und man sieht, dass er es selbst nicht glaubt.

Man kann sie schon wieder hören, die Stimmen, die danach rufen, sie wegzuschließen, solche Menschen, denen nicht zu helfen ist. Vor denen die Gesellschaft geschützt werden muss. Denn Theos Rückfall ist vorprogrammiert, und der Film zeigt die zweite Tat nicht weniger schonungslos als die erste. Hätte man ihn also nicht freilassen dürfen? Ihn lebenslang unter Triebhemmer stellen? Und ihn entfernen aus der Gesellschaft, die es ablehnt, solche Menschen als Teil ihrer selbst zu sehen? Und weiter: Sind wir selbst Monster, weil wir immer noch Interesse aufbringen für diesen Theo? Noch zusehen? Es erst dann als Verbrechen begreifen, wenn Theo in der Küche steht, und seine Freundin, die fröhlich nach Hause kommt, begrüßt mit: „Na, wie wars? Hattest du einen netten Abend?“ Und doch behaupten, dass es nicht um Schuld geht und ums Schuldigsprechen, sondern um Einsamkeit?

Was Matthias Glasners Film so schwer aushaltbar macht, ist, dass er darauf besteht, dass Theo ein Mensch ist. Ein Mensch, dem es lohnt, lange zweieinhalb Stunden zu folgen. Ein Mensch, den eine Frau noch lieben können soll, auch nachdem sie erfahren hat, wer er ist und was er getan hat, am Abend zuvor. Und ein Mensch, dem man am Ende seine eigene Entscheidung lassen muss. Den freien Willen. Und doch etwas wie Erlösung. Applaudieren mochte da kaum einer.

Heute 12 und 15 Uhr (Urania), morgen 20 Uhr (International), 19. 2., 12.30 Uhr (Berlinale-Palast)

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