Kultur : Der Mann aus Marmor

Hart und einsam, distanziert und äußerst elegant: Alain Delon zum 70. Geburtstag

Christina Tilmann

So schön und kalt, so verwegen wie explosiv: Er ist der Killer und Verführer, der Heißsporn und der Märtyrer. Garibaldi-Anhänger mit schwarzer Augenklappe in Viscontis „Leopard“, eiskalter Engel mit Vogelkäfig in Melvilles „Le Samourai“, gewissenloser Hochstapler und Mörder in Cléments „Plein Soleil“ oder der sich für die Familie aufopfernde Boxer in Viscontis „Rocco und seine Brüder“. Draufgänger-Rollen, Macho-Rollen, die dadurch gewinnen, dass Alain Delon durch sie hindurchgeht, als trüge er eine Weste, die ihn nicht nur vor Kugeln, sondern vor allem vor Gefühlen schützt. Und man die ganze Zeit weiß: Am Ende wird die Weste nicht viel nützen.

Es ist nicht dieses Gesicht allein, diese absolut ebenmäßigen Züge, klassisch, unbeweglich, wie aus Marmor gehauen. Es ist die Ahnung, dass dahinter Verletzlichkeit liegt, Schwäche und vor allem Einsamkeit, die Alain Delon so unwiderstehlich macht, für Frauen wie Männer. Romy Schneider, die er nach fünf Jahren verließ, zerbrach daran, Visconti, der ihn mit „Rocco und seine Brüder“ zum Star machte, schmachtete umsonst. Doch als Delon vor drei Jahren selbst von seiner dritten, 30 Jahre jüngeren Ehefrau Rosalie verlassen wurde und öffentlich sein gebrochenes Herz zeigte, seine Liebe zu seinen Kindern, war das kein schönes Schauspiel. Den, den man als kalt und gewissenlos bewundert hatte, wollte man nun nicht alt und wehleidig sehen.

Delon hat das Bild des harten Mannes kultiviert: als Indochina-Kämpfer und Mafia-Freund, Womanizer und skrupelloser Geschäftsmann. Das offene Hemd, das Goldkettchen, Attribute des alternden Playboys. Nicht für das Glück, für den Erfolg sei er gemacht, sagt er selbst, wirbt für Krawatten, Uhren, Parfüms, Brillen und Lederwaren und bekundet als überzeugter Militarist offene Sympathie für den russischen Hardliner Lebed und den rechtsextremen Politiker Le Pen.

Kein Wunder, dass sich das Mitleid in Grenzen hält: Sympathie ist nicht das Gefühl, das wir mit Delon verbinden. Bewunderung ja, Bewunderung für seine Kühnheit und Arroganz. Ein maliziöses Lächeln auf den Lippen, ein kühl distanzierter Blick: Damit ist Alain Delon zur Ikone geworden. Stets geht er einsam seinen Weg, und am Ende stirbt er oft.

Man muss wahrscheinlich jung sterben, um mit so einem Gesicht unsterblich zu sein. Denn der große Feind solcher Draufgänger ist das Alter, sind die Falten, Tränensäcke, trüben Augen. In Bernard-Henri Lévys desaströsem Regiedebüt „Le Jour et la Nuit“ konnte man es 1997 beobachten. Das Bildnis des Dorian Gray altert schlecht.

Greta Garbo oder Marlene Dietrich zogen sich zurück im Alter, ließen niemand mehr an sich heran, nur noch ans Telefon. Auch Delon lebt zurückgezogen auf seinem Herrensitz in der Schweiz, umgeben von Katzen und Hunden. 35 Lieblingstiere liegen schon auf dem eigens eingerichteten Friedhof, direkt daneben entsteht die Kapelle, in der Delon dereinst Ruhe finden möchte – Überlegungen, seinem Leben ein Ende zu setzen, hat er in der Boulevardpresse geäußert.

In Viscontis „Leopard“ hatte Burt Lancaster als Fürst von Salina im jugendlichen Helden Tancredi die Zukunft gesehen. Alain Delon, an der Seite von Claudia Cardinale, schien unbesiegbar. Doch am Ende gewinnen die Leoparden.

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