Kultur : Der Mann aus Reisen

Die Sibirien-Connection: Henryk Baranowski, einst aus Berlin geflohen, kehrt mit einer Skandal-Oper zurück

Rüdiger Schaper

Man kann sich Henryk Baranowski nicht anders als auf der Durchreise vorstellen. Ein Mann im Zug, der auch im Flugzeug wie auf Schienen sitzt. Ewige Zugfahrer sind so: gründlich durchgeschüttelte Existenzen und dabei in sich ruhend. Weil man im Zug immer noch etwas von der Landschaft mitnimmt und von den Städten, durch die man zieht. Und vielleicht auch etwas zurücklässt.

Jetzt bringt er Sibirien an die Deutsche Oper. „Leben mit einem Idioten“: Baranowski hat das Alfred-Schnittke-Werk in Nowosibirsk in Szene gesetzt. Premiere war im April letzten Jahres. Man wird fragen: Wie kommt zeitgenössisches Musiktheater aus dem asiatischen Russland in polnischer Regie nach Berlin? Eine Antwort: Jochen Hahn ist der Produzent dieses Abenteuers, das im großen Rahmen der deutsch-russischen Kulturjahre 2003/04 gestemmt wird. Hahn, ein rastloser Impresario, ein Pionier: 1989 organisierte er die „Westdeutschen Theatertage“ in Moskau, 1994 dort dann die russische Version der „Orestie“ von Peter Stein.

Aber eigentlich beginnt die Geschichte des sibirischen Gastspiels in Charlottenburg vor bald 25 Jahren. Es schließt sich, für einen Moment, ein großer Kreis. Angefangen hat es in Kreuzberg, in einer Fabriketage in der Glogauer Straße. Henryk Baranowski hatte mit Pass, aber ohne gültiges Visum sein Land verlassen, das unter Kriegsrecht stand. Es waren in Polen die Jahre von Jaruzelski und Walesa. Baranowski im Exil: Anfangs trug er einen Anzug mit Schlaghosen, ein lachsfarbenes Hemd und eine Krawatte, die so breit war wie bunt. Wie ein König ohne Reich sah er aus. Das sollte er sich erst noch schaffen. Viele polnische Künstler folgten ihm. Auch der Maler Andrzej Woroniec, später als Woron selbst ein legendärer Regisseur.

Baranowski, schon immer ein wunderbarer Kommunikator, gründete 1981, zusammen mit seiner Partnerin Bettina Wilhelm, das Transformtheater – einige Jahre lang das Kraftzentrum der Freien Szene. Bis die Mauer zusammenbrach und mit ihr all die kleineren und größeren Energieversorgungssysteme dieser bizarren Zwischenepoche. „Die Zofen“ nach Genet als expressives Körpertheater, das war die erste Transformtheater-Produktion. Es folgten Kreationen nach Kafka, Tabori, Joyce und polnischen Autoren wie Rozewicz und Kaizar. Stets waren die Erfahrungen mit der Diktatur und der Fremde in die Theaterexpeditionen Baranowskis eingeschrieben. Die Suche nach Räumen, nach einer Bleibe setzte sich in Berlin fort.

In der Zeughofstraße, in der Hasenheide war das Transformtheater eine Weile ansässig. Man spielte in der Akademie der Künste, in der TU, in Bethanien. Nie war Baranowski mit einem Spiel-Ort eins. Im Künstlerhaus Bethanien erfand er, wieder mit Bettina Wilhelm, die Internationalen Regieseminare für Film und Theater. Ein Schauder läuft einem über den Rücken, liest man heute die Liste der Dozenten: Heiner Müller, Andrzej Wajda, Andrej Tarkowski, Ariane Mnouchkine, Patrice Chéreau, Jan Kott, Krzysztof Kieslowski. 1987 spielte Henryk Baranowski die männliche Hauptrolle, einen Wissenschaftler, im ersten Teil des „Dekalogs“ von Kieslowski; einer Film-Fantasie zum Ersten Gebot, „Du sollst keinen anderen Gott neben mir haben“.

Für die polnischen Theater-Halbgötter kam allmählich die Dämmerung. Baranowski musste sein Transformtheater aufgeben – er war der Freien Szene und ihren Geldtöpfen entwachsen, und anderswo fand er weder das Echo noch die Mittel, die er brauchte. Und die er verdient hätte. Es gibt keine Gerechtigkeit in der Kunst. Andernfalls gäbe es auch keine – Kunst. Flucht aus Berlin: 1991 inszeniert Baranowski zum ersten Mal in Sibirien, in Omsk. „Erniedrigte und Beleidigte“ nach dem Roman von Dostojewski, der in Omsk in der Verbannung war. Boris Mesdrich, seinerzeit Intendant des Omsker Theaters, leitet heute die Oper von Nowosibirsk. Daher die Sibirien-Connection.

Dazwischen: Wanderjahre, die für den heute 61-jährigen Baranowski harte, gute Lehrjahre waren. In den USA, in England und endlich wieder in Polen. In Lodz inszenierte er im Jahr 2000 „Echnaton“, die Oper von Philip Glass.

Das Opernhaus von Nowosibirsk, einer stalinistischen Retortenstadt, hat Bühnenmaße, die die Deutsche Oper und die Staatsoper Unter den Linden auf einmal verschwinden lassen. Weit und wüst und kaputt wie das Land. Mit lebensgefährlich alter Bühnentechnik. Die letzte Probenwoche vor der Premiere des „Lebens mit einem Idioten“ fand unter Bewachung statt. Ein Bühnentechniker hatte Sabotage entdeckt. Was nicht überrascht: Die Schnittke-Oper nach einer Erzählung von Viktor Jerofejew trampelt (zumal in Baranowskis Regie) auf dem untergegangenen Sowjet-Reich herum. In einer Stadt wie Nowosibirsk ist die Vergangenheit nie richtig untergegangen, bis heute.

Jerofejews Story (er schrieb auch das Libretto) ist so (anti-)russisch wie selbstgebrannter Wodka und der Gulag. Der Schriftsteller als Märtyrer: wird hier aber nicht ins Lager gesteckt oder gleich umgebracht, sondern muss mit einem Wahnsinnigen leben, den er sich aus dem Irrenhaus holt. Dieser Wowa zerstört zunächst die Wohnung des Schriftstellers und schwängert dann dessen Frau, um schließlich mit dem Schriftsteller eine Liebesbeziehung einzugehen und die Frau zu enthaupten. Was zu beweisen war: Der Schriftsteller, genannt „Ich“, landet im Irrenhaus. „Ich bin kein Pessimist, aber der Idiot ist unsere Wirklichkeit, unsere condition humaine“, sagt Jerofejew, auch im Westen ein berühmter Autor. Alfred Schnittke sampelt in dieser Oper Motive der klassischen russischen Musik; noch ein Affront. Die Uraufführung war 1992 in Amsterdam. Der Dirigent hieß Rostropowitsch, der Bühnenbildner Ilja Kabakow. Sechs Jahre später starb Schnittke: Staatsbegräbnis in Moskau.

Viel Müll, viel mit Lügen bedrucktes Zeitungspapier, ausgiebige Bettszenen, wüste Choreographie: Baranowski ist sich in dieser asiatischen Arbeit treu geblieben. Noch einmal schwingt er, wie ein Bildhauer, den schweren Hammer. Das war, das ist sein Thema: Diktatur, Deformation, Debilität. In Nowosibirsk haben sie ihn dafür gesteinigt. Und gefeiert, wie er zu berichten weiß.

„Derartige Exzesse gab es – Gott sei Dank – bei uns noch nicht“, schimpfte eine Zeitung listig, um ein schockierendes Urteil vorzubereiten: „In der Verbindung mit der genialen Musik von Schnittke hinterlässt die Inszenierung einen unauslöschlichen Eindruck.“ Ein anderes sibirisches Blatt wetterte „Skandal“, und wieder ein anderes konstatierte: „Wenn du aus dem Zuschauersaal herauskommst, fühlst du dich, als ob man dich selbst verdroschen hätte.“ Wobei es die Mischung sein muss, was die Russen so erregt: die drastischen Sex-Szenen und das finstere sowjetische Traditions-Brimborium, von dem die Bühne überquillt; samt den abgeschlagenen Köpfen von Stalin, Lenin, Hitler, Saddam Hussein und George W. Bush.

Von Warschau über Berlin nach Sibirien und zurück – nach Deutschland. „Leben mit einem Idioten“ macht hier drei Mal Station, in Magdeburg, in München, und dazwischen in Berlin. Dann setzt sich Henryk Baranowski in einen Nachtzug. Nach Kattowitz. Dort ist er seit letztem Sommer Intendant. Angekommen in Polen, vielleicht.

Deutsche Oper, 20. Februar, 19. 30 Uhr.

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