Kultur : Der Mann aus Stahlfedern

Polens Filmregisseur und Nationalheld Andrzej Wajda feiert heute 80. Geburtstag

Peter W. Jansen

Er war immer ein eminent politischer Regisseur, auf dem Theater so gut wie im Kino. Und in der Politik. Kandidat der Solidarnosc, wurde er in den polnischen Senat gewählt und hatte dem Sieg der Freiheitsbewegung schon vorgearbeitet – im Kino: mit seinen Filmen „Der Mann aus Marmor“ (1977) und „Der Mann aus Eisen“ (1981). Und die Jahresdaten sind so eindrucksvoll wie das von 1983, als er, praktisch in der Emigration, in Frankreich einen „Danton“ drehte, in dem es nur an der Oberfläche um die politischen Wirren der französischen Revolution ging.

Sein Motiv ist Polen, seine Perspektive Europa, und seine Energie heißt Widerstand. Dem war schon der erste Film des damals 28-jährigen Andrzej Wajda gewidmet, der an der nachmals weltberühmten Filmschule in Lodz studiert und bei Aleksander Ford assistiert hatte. „Eine Generation“ meinte seine Generation, die im Widerstandskampf gegen die deutschen Besatzer hatte erwachsen werden müssen, wie er selbst. Es folgten die Filme „Der Kanal“ über den Warschauer Aufstand und mit „Asche und Diamant“ (1958) das erste Meisterwerk, das Rossellinis „Rom, offene Stadt“ an Bedeutung nicht nachstand und unmittelbar vor der französischen Nouvelle Vague eine polnische ankündigte, an der neben Wajda auch Jerzy Kawalerowicz und der früh tödlich verunglückte Andrzej Munk beteiligt waren. Ihre Filme, oft den real existierenden politischen Verhältnissen abgerungen und Freiräume öffnend und nutzend, hatten Signalwirkung für Osteuropa und weit in den Westen hinein. Sie waren polnisch und europäisch zugleich.

Einem Unfall zum Opfer fiel auch der danach wie ein polnischer James Dean als Mythos des jungen Polens verehrte Zbigniew Cybulski, der Held aus „Asche und Diamant“, Soldat der nationalpolnischen Emigrationsarmee mit dem Auftrag, einen kommunistischen Funktionär zu töten. Es ist heute noch staunenswert, wie Wajda und Cybulski der Gestalt des Maciek die durchaus sympathischen Züge des tragischen Vertreters einer „verlorenen Generation“ verleihen konnten. Mehr am italienischen Neorealismus als am sozialistischen Realismus orientiert, fand Wajda zu einer filmischen Sprache, die den Realismus der Handlung mit großer Entschiedenheit für die den Bildern innewohnende symbolische Kraft überhöhte.

So sehr sich Wajda, auch mit dem folgenden Film „Lotna“ über den ebenso heroischen wie wahnwitzigen Untergang der polnischen Kavallerie, die gegen deutsche Panzer die Lanzen einlegte, in den europäischen Diskurs des Existenzialismus der fünfziger Jahre einordnete, so wandlungsfähig blieb er. Neben den Filmen inszenierte er immer wieder am Theater, in Danzig und Warschau, am Teatr Stary in Krakau, in Moskau oder Zürich, an der Berliner Schaubühne (Dostojewskis „Schuld und Sühne“). Aus einer Theater-Inszenierung in Krakau entstand der Film „Wesele“ (Die Hochzeit) nach dem Stück von Stanislaw Wyspianski, der zur literarischen Seele Polens zählte, als es Polen als Staat nur in der Literatur und der Sehnsucht gab.

„Wesele“ ist, nahezu unübersetzbar, grund-polnisch und romantisch wie das Schlachtengemälde „Legionäre“ (über die polnische Kavallerie im Dienst Napoleons in Spanien) – und wie andererseits „Das Birkenwäldchen“ und „Die Mädchen von Wilko“ impressionistische Licht- und Luftgebilde sind. Da zeigt sich, dass der junge Wajda Maler hatte werden wollen, der aus der Kunstakademie in Krakau davonlief, als die Lehrer die von Staat und Partei verordnete Malweise vermitteln mussten. Trotzdem verdankt er gerade diesen frühen Jahren seine künstlerische Bildung, das ästhetische Bewusstsein, während er in Lodz, wie er sagt, nur die Technik des Filmemachens dazulernte.

Auf Lodz sollte er dann noch einmal mit dem „gelobten Land“ zurückkommen, einem Film, der, barock und überbordend von Opulenz, dem abenteuerlichen Kapitalismus und der Spekulation in der aufstrebenden Textilindustrie gewidmet ist und, wie die meisten Wajda-Werke, nur die Geschichte einer Fehlentwicklung sein kann. Doch niemand hat schönere Jugendstilbauten errichten und belichten lassen, niemand, es sei denn der Ungar Miklos Jancso, imposantere Pferdekavalkaden inszeniert, kaum jemand poetischere Landschaftsbilder geschaffen.

Sein Spätwerk „Pan Tadeusz“ – nach Mickiewiczs Nationalepos –, ein Mantel- und Degenfilm von monumentalem Zuschnitt, brach in Polen die Zuschauerrekorde aller Zeiten. Wajda, dieser Mann mit der Spannkraft einer Stahlfeder, hatte „Pan Tadeusz“ über einen Herzinfarkt hinweg realisiert. Denn diesen Film hatte er unbedingt noch machen müssen, weil Polen mit seiner tragischen Geschichte immer das Hauptthema des Offizierssohns gewesen ist, dessen Vater zu den Bedauernswerten gehört hatte, die von den Sowjets in den Wäldern von Katyn ermordet wurden. Erst 1990 war der Sohn in der Lage, über das Verbrechen einen Dokumentarfilm zu machen; zur Zeit arbeitet er an einem Spielfilm über diesen Ort des Massackers.

Schon vor Jahren mit dem Oscar ausgezeichnet, hat Andrzej Wajda, den es immer wieder nach Berlin zieht, vor wenigen Wochen für sein Lebenswerk den Goldenen Bären der Berlinale erhalten. Er wird heute 80 Jahre alt.

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