Kultur : Der Mann, der ein Schokoladenhund war

FILM

Christina Tilmann

Wer Dieter Roth kennen lernen wollte, musste in diesem Sommer nach Basel oder jetzt ins Museum Ludwig nach Köln reisen. Dort waren sie zu sehen: die Selbstporträts als Schokohunde, die Sonnenuntergänge, bestehend aus fettigen Salamischeiben, die Walser-Würste und die gigantischen Gartenskulpturen. Doch je mehr man sieht, desto mehr möchte man erfahren über diesen Menschen, dem die Frauen und die Fans zu Füßen gelegen hatten und der doch immer wieder Zeiten der völligen Einsamkeit und Abstinenz brauchte – in Island, Fluchtort, Rückzugsort seit den Fünfzigerjahren.

Wer war Dieter Roth? fragt ein Dokumentarfilm, den die Schweizer Regisseurin Edith Jud zur Retrospektive gedreht hat (Hackesche Höfe). Sie ist den Spuren Roths gefolgt, nach Island, Wien, London und in sein Atelier nach Basel. Sie hat die Weggefährten befragt: Arnulf Rainer, mit dem sich Roth schöpferische Duelle lieferte, den Aktionisten Hermann Nitsch, mit dem Roth musizierte, oder Richard Hamilton. Und natürlich die Angehörigen: Sigridur Björnsdottir, die isländische Kunsttherapeutin, der Roth 1956 nach Island folgte, die amerikanische Künstlerin Dorothy Iannone, die 1967 ihren Mann verließ, um mit Roth zu leben, oder Björn Roth, Sohn, Erbe, Nachlassverwalter.

Besonders Björn Roth, Mitarbeiter des Vaters zu Lebzeiten, Bewahrer des Werks nach dessen Tod, hat sich geradezu beängstigend gut in den Vater eingefühlt. Er kann weitermachen, wo Roth aufhörte, er kann erklären, was Roth meinte, ja, er sieht auch aus wie Roth in jungen Jahren. Was es für ihn bedeutet, sein Leben dem Werk des Vaters zu widmen, erfährt man nicht. Was es für Sigridur und Dorothy bedeutet hat, ihre Laufbahn, ja selbst ihre Kleidung, ihren Bücherschrank aufzugeben für Dieter Roth, man erfährt es auch nicht. Wer Roth vorher nicht verstanden hat, wird ihn auch nach diesem Film nicht verstehen. Aber er wird, womöglich, fasziniert sein.

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