Kultur : Der Mann, der Marlon Brando und James Dean erfand

Er war Amerikas meistbewunderter und umstrittenster Regisseur: Jetzt ist Elia Kazan im Alter von 94 Jahren in New York gestorben

Peter W. Jansen

Sein Herz hing zeit seines Lebens an New York, am Theater und am Broadway, obwohl er durch Hollywood weltberühmt wurde. Und selbst in den Jahren seiner größten Erfolge, in den Fünfzigern, rieb sich der unerbittliche Starfilmkritiker Andrew Sarris an diesem nie ganz geheuren Elia Kazan. Als Regisseur sei er eher exzessiv als expressiv, und noch in den Pausen und stillen Szenen gebe es bei Kazan hysterische Momente; die Scheidelinie zwischen Leidenschaft und Neurose sei oft kaum noch wahrnehmbar. Allerdings hießen diese Filme: „Endstation Sehnsucht“, „Die Faust im Nacken“ oder „Jenseits von Eden“ – und selbst Kazans schärfste Kritiker haben seine Meisterschaft in der Führung von Schauspielern bewundert.

Zusammen mit Lee Strasberg hatte Kazan 1948 in New York das berühmte Actors Studio, die Eliteschule der amerikanischen Schauspielkunst, gegründet. Dort und dann im Theater und im Film wurden unter anderem Marlon Brando, James Dean, Karl Malden, Paul Newman, Dennis Hopper zu Kazans Meisterschülern. Er hat sie geprägt, ja erfunden: die brutale Nervosität von Brando ( „Endstation Sehnsucht“, „Viva Zapata!“, „Die Faust im Nacken“), die flirrigen Unsicherheiten von James Dean („Jenseits von Eden“). Jede Bewegung der Körper, jedes Zucken um die Augen oder Mundwinkel waren Kazans Werk. Sie waren so sehr seine Geschöpfe wie nur noch 20 Jahre früher Marlene Dietrich in den Filmen von Josef von Sternberg.

Geboren wurde er am 7. September 1909 in Konstantinopel als Elia Kazanjoglous und Kind armenischer Eltern, mit denen er als Vierzehnjähriger nach Amerika kam. Schon mit 23 wurde er bei Lee Strasbergs „Group Theater“ Inspizient, Requisiteur und bald auch Schauspieler und Regisseur, unter anderem zusammen mit Nicholas Ray. Von 1934 bis 1936 war Elia Kazan Mitglied der amerikanischen Kommunistischen Partei, für die er Kurzfilme wie „Pie in the Sky“ und „People of the Cumberlands“ drehte, der eine ein polemischer Agitationsfilm nach der Art von Renoirs „A nous la liberté“ (1936) oder der Berliner Studentenfilme von 1967/68, der andere ein Dokumentarfilm über die Bergarbeiter in Tennessee.

Später hat Kazan sein parteipolitisches Engagement als Jugendsünde bezeichnet und vor McCarthys „Ausschuss gegen unamerikanische Umtriebe“ beflissen ausgesagt und die Namen anderer Künstler und Intellektueller genannt. Was als eine der schlimmsten Sünden des freien Geistes galt, war für ihn nur logisch. Denn so sehr man seinen 1954 mit dem Oscar ausgezeichneten Film „Die Faust im Nacken“ über die Korruption innerhalb der Gewerkschaften als eine Auseinandersetzung mit linker Ideologie sehen konnte, so deutlich hatte sich Kazan in „Jenseits von Eden“ (1955) vom absoluten Wahrheitsanspruch abgesetzt, und rühre er auch aus dem Alten Testament. „Ich wollte zu zeigen versuchen“, bekannte er damals, „dass gut und schlecht, richtig und falsch verwickelter sind; und dass es Werte gibt, die man tiefer erfassen muss als in diesem aboluten Zustimmungs- und Ablehnungs-Syndrom meiner linken Freunde.“

Fast alle seine Filme sind Filme über etwas: „Baby Doll“ von 1956 wie „Endstation Sehnsucht“ von 1951 (nach dem von Kazan am Broadway uraufgeführten Stück von Tennessee Williams) sind Filme über sexuelle Spannungen, zumal im amerikanischen Süden; es folgten „Das Gesicht in der Menge“ (1957) über den verderblichen Einfluss der Massenmedien auf die Politik; „Fieber im Blut“ (Originaltitel: „Splendour in the Grass“, 1961) über das Elend der Jugend im Zeichen des großen Börsenkrachs von 1929. „Die Unbezwingbaren“ (Originaltitel: „America, America“, 1963) war stärker noch als „Jenseits von Eden“ von Kazans persönlichen Erfahrungen und Obsessionen geprägt, ein Epos von drei Stunden Länge über die Unterdrückung der armenischen Minderheit in der Türkei und über den Mythos Amerika, das Traumland, das sich die Immigranten nur verlustreich erobern können.

Mit „The Visitors“ („Die Besucher“, 1971), nach dem Drehbuch seines Sohns Chris Kazan bescheiden auf 16 Millimeter gedreht, setzte er sich noch einmal politisch in Szene: Vietnam-Veteranen rächen sich an einem ehemaligen Kameraden, der sie wegen Misshandlung und Vergewaltigung einer Vietnamesin angezeigt hatte, durch den gleichen Gewaltakt gegen seine Frau.

Nach diesem emotional stark aufgeladenen Kammerspiel vertraute er sich dann noch einmal seiner – angesichts der Themen- und Thesenhaftigkeit der Filme oft übersehenen – visionären Kraft an. „Der letzte Tycoon“ (1975), die Geschichte eines mächtigen Hollywood-Studiochefs der Dreißigerjahre (nach einem unvollendeten Roman von F. Scott Fitzgerald über Irving Thalberg), ist eher ein opulenter Bilderbogen als ein schlüssiges Meisterwerk, jenseits von „Jenseits von Eden“. Die Hauptrolle spielte Robert De Niro. Der aber war unübersehbar nicht mehr sein Geschöpf. 1947 hatte Kazan für „Tabu der Gerechten“ (über Antisemitismus, mit Gegory Peck) seinen ersten Oscar bekommen. Den dritten und letzten erhielt er 1999 für sein Lebenswerk. Da nahm ihm während der Oscar-Feier ein Teil des Publikums noch immer seinen „Verrat“ bei McCarthy übel.

Jetzt ist der Gefeierte und Umstrittene mit 94 Jahren in New York gestorben.

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