Der Mann, der Peter Pan schuf : Ewiges Kind

Die Geburt des Peter Pan: „Wenn Träume fliegen lernen“ – mit Johnny Depp und Kate Winslet

Christina Tilmann

Der kleine Peter ist ein harter Fall. „Das ist kein Bär, das ist nur ein Hund“, beharrt er stur. Aber ein Hund, der so gern ein Bär wäre, plädiert sein Gegenüber J.M. Barrie: Glaub ihm doch einfach. „Dann verwandle ihn doch wirklich in einen Bären“, ist die skeptische Antwort. Dass genau das der Zauber des Theaters ist, Pappe in Gold zu verwandeln und Hunde in Bären, will dem Jungen nicht einleuchten. Er glaubt es einfach nicht.

Den tapsigen Neufundländer Porthos in einen ausgewachsenen Bären verwandeln und den Londoner Hyde-Park in ein prächtiges Zirkus-Spiegelzelt, das kann der Film – mit einer einzigen Überblendung. Und doch handelt Marc Forsters Film „Finding Neverland“ („Wenn Träume fliegen lernen“), der die Lebensgeschichte des Peter-Pan-Erfinders James M. Barrie erzählt, nicht von der Macht des Kinos, der Traumfabrik schlechthin, sondern von einer anderen Kraft: der Kraft der Fantasie. Und er ist klug genug, auch den Zweifel zuzulassen, ob Fantasie wirklich alles heilen kann.

Zu Beginn ist Fantasie allerdings Mangelware. Der berühmte schottische Theaterautor J.M. Barrie steckt in einer Schaffenskrise. Sein jüngstes Stück ist durchgefallen, seine Frau ihm entfremdet, der Theaterdirektor drängt auf Nachschub, ihm fällt nichts ein. Da kommt die Bekanntschaft mit der Familie Llewelyn Davies gerade recht: Sylvia Davies ist verwitwet, jung, schön und krank, ihre vier Söhne sind lebhaft, undiszipliniert und immer noch durch den Tod des Vaters verstört. Bald verbringt Barrie mehr Zeit bei den Davies als zu Hause oder im Theater – und schreibt ein Stück, das diesen kostbaren, einzigen Sommer reflektiert. Der Welterfolg „Peter Pan“ ist geboren, im Dezember 1904, vor rund 100 Jahren.

Dass „Peter Pan“ Kinostoff at its best ist, hat die Vielzahl von Peter-Pan-Verfilmungen bewiesen. Dass das Leben seines Erfinders mindestens ebenso kinotauglich ist, zeigt nun Marc Forsters „Finding Neverland“. Nach dem Rassismusdrama „Monster’s Ball“ kommt „Finding Neverland“ zunächst ungewöhnlich soft daher, im prächtigen Gewand eines period piece im London der Jahrhundertwende. Dazu die Starbesetzung: Johnny Depp als J.M. Barrie schleicht als Indianer durch den Wald, nutzt erneut sein in „Fluch der Karibik“ erprobtes komödiantisches Talent und ist alles in allem ein liebenswürdiges großes Kind, ein sanfter Träumer. Kate Winslet als Sylvia Davies siecht schön, aber blass dahin, Julie Christie gibt die gestrenge, aber kluge Großmutter, Dustin Hoffman den geplagten Theaterdirektor Charles Frohman, und das Kinder-Quartett ist eine einzige Freude.

Doch schnell geht es um mehr als gepflegte Teestunden, Polonachmittage, Theaterimprovisationen oder einen Sommer im rosenumrankten Cottage. Immer mehr spitzt sich der Film zu auf die Auseinandersetzung zwischen Barrie und Peter, dem Fantasten und dem Realisten. Und auf die Frage, wie viel Fantasie erlaubt ist, wenn es um Leben und Tod geht. Sie sind von Anfang an ebenbürtige Kontrahenten: Der Erwachsene, der lieber noch Kind wäre, und das Kind, das zu schnell erwachsen geworden ist. Und beide Male war es der Tod, der die Karten vertauscht hat. Barrie, der mit sechs Jahren seinen älteren Bruder bei einem Eislaufunfall verloren hatte, erfand, um die Mutter zu trösten, das Zauberreich Neverland. Ein Land, wo Kinder niemals erwachsen werden und es weder Tod noch Leid gibt. Und der kleine Peter, der schon den Vater durch Krebs verlor, sieht nun auch die Mutter erkranken – und weigert sich, irgendeine „Lüge“ zu glauben, die ihm Trost vorgaukeln will.

Fantasie als Fluchtmittel, Fantasie als Lüge: Das ist der Kern von Peter Pan. Und die Frage, was Lüge, was Vorspiegelung und was Glauben ist, bleibt aktuell bis heute, wo Michael Jackson sich sein eigenes „Neverland“ erschaffen hat, wo er Kind bleiben will im Kreise von anderen Kindern – und sich doch vor Gericht verantworten muss für reale Taten, nicht für Träume. Auch Barrie ist schnell in Verruf gekommen: der regelmäßige Kontakt mit der verwitweten Frau, die Zeit, die er mit den Jungen verbringt. Die Befürchtung, dass er der Familie mehr schadet als nützt, dämmert irgendwann selbst dem jungenhaft unbekümmerten Dichter, und die strikte Position der Großmutter, die, um die Familie zu schützen, auf Disziplin und Anstand pocht, gewinnt an Glaubwürdigkeit. Am Ende bilden beide ein starkes Team. Und für Trauer und Trost ist Neverland da, das lernt selbst Peter noch. Und macht seinem Freund das schönste Kompliment: „Was, du bist Peter Pan?“, begrüßt ihn eine Dame bei der Theaterpremiere. „Nein, bin ich nicht“, entgegnet der ernsthafte Knabe, und zeigt auf Barrie: „Der dort ist Peter Pan.“

In Berlin in den Kinos Adria, Cinemaxx Colosseum, CineStar Tegel, FT am Friedrichshain, Kino in der Kulturbrauerei, Neue Kant Kinos, Passage, Zoo Palast und Odeon (OmU)

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