Kultur : Der Mann, der sich selbst erschreckte Ein Geburtstagsbuch

zum 100. von Peter Lorre

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Ein Verlorener, der seine eigene Hölle überlebte, schreibt Robert Schindel. Ein Satyrwesen, schreibt Daniela Sannwald. Die böse Harmlosigkeit, die infernalische Feundlichkeit, die zynische Sanftmut, schreibt Herbert Ihering. Und die Augen: die starren, entsetzten, staunenden, melancholischen, furchterregenden Augen.

Fast alle, die über den Schauspieler Peter Lorre alias László Loewenstein geschrieben haben, erwähnen seine Augen sowie die zarte Stimme, die Traurigkeit und Verstörung darin. Das österreichische Filmmuseum widmete dem Wiener Exilanten, der in Hollywood Bankrott ging und dort 1964 vereinsamt starb, der den Mörder in Fritz Langs „M“ spielte und später den „Verlorenen“ (1951, in seiner einzigen Regiearbeit), kürzlich eine Retrospektive. Und hat zum 100. Geburtstag des Mannes, der Mr. Moto und Gogol spielte und in Klassikern wie dem „Malteser Falken“ und „Casablanca“ auftauchte, ein wunderschönes Buch herausgegeben.

Ein Buch voller Feuilletons im besten Wortsinn. Elfriede Jelinek kommt es vor, „als würde er jeden Moment hinauf in sein Gesicht fassen, um zu überprüfen, ob alles noch an seinem Platz ist“. Christian Petzold beobachtet „The Face Behind The Mask“, Ilse Aichinger späht in den Dunst der Fünzigerjahre. Georg Seesslen analysiert das Doppelspiel des Bösen, dem vor sich selbst graut. Und Graham Greene obduziert: „Die marmorkalten Pupillen in seinem teigigen, kugelförmigen Kopf wirken wie das Okular eines Mikroskops, durch das man ein verwirrtes Hirn flach auf dem Deckglas liegen sieht: Liebe und Gier, Würde und Perversion, Selbsthass und Verzweiflung.“ Und was sagt Lorre zum Mörder-Stigma? „Jemand wollte von mir wissen, ob man dazu auch Menschen umbringen müsse. Ich gab ihm zur Antwort: Tut das nicht jeder?“ chp

Peter Lorre. Ein Fremder im Paradies. hg. von M. Ostama, B. Mayr, E. Streit, Zsolnay, Wien 2004, 272 S., 19.90 €

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