Kultur : Der Mann, der überlebt

Glück des Alterns: Bob Dylan in der Berliner Arena

Rüdiger Schaper

Wer dieses Konzert erlebt hat, kann sich glücklich nennen. Es war, um eines seiner klassischen, schwebenden Liebeslieder zu zitieren, „Love Minus Zero/No Limit“. Erfüllte Leidenschaft (und Bob-Fans wissen verdammt gut, was Leiden heißt!) Bob Dylan hat diesen zarten Song aus den Sechzigern in der rauen Berliner Arena nicht eigentlich gesungen, nein: rezitiert mit der unvorhersagbaren Stimme des alten Troubadours, der offenbar noch immer in der Lage ist, sich selbst zu überraschen auf seiner never ending tour.

Er schloss jetzt wieder die Fotografen aus und gibt keine Interviews. Du sollst dir kein Bild machen von Bob! Im schwarzen Anzug, mit Little-Richard-Tolle, hämmert er neuerdings in die Tasten des elektrischen Pianos, wie ein angezählter Boxer. Der schmächtige Überlebenskünstler mit den vielen Masken – die Stimmbänder entrollen eine einzige Camouflage, seit 40 Jahren.

Fragen, auf die es wohl nie eine Antwort gibt: Wie sortiert sich aus dem Fundus vieler hundert abrufbarer Dylan-Kompositionen die Set-List für den einen Abend? Wie geschieht es, dass Dylan zum Auftakt der Deutschland-Tour am Freitag in Hamburg mit einem übellaunigen „Maggie’s Farm“ beginnt und am Montag die Berliner aus dem Stand mit einem swingend einladenden „To Be Alone With You“ mitreißt?

Das erste Stück bringt bei Dylan meist schon eine klare Vorentscheidung. Hier klang es nach einem guten Auftritt. Und es wurde ein grandioser Abend. Ein abgrundtiefes „It’s All Over Now, Baby Blue“ als zweite Nummer, darauf ein bitter-triumphales „Cry A While“ – die Frauen-Hass-Nummern waren in der Arena stark vertreten. Und das Phänomenale bei Dylan ist, dass seine Misogynie ja auch nur ein gutes Stück vorgeschützt ist und jeder dieser Songs eine komplette Liebesgeschichte erzählt. Eine überaus heftige bei „Most Likely You Go your Way (And I’ll Go Mine)“: Da legten Dylan (diesmal an der E-Gitarre) und die Band mit dem neuen Leadgitarristen Freddy Koella, einem traditionellen Rocker, wie eine Versammlung betrunkener, stoischer Teufel los. Man wurde seekrank, so gefährlich schlingerte der Sound. Bei „Highway 61 Revisited“ hoben sie ab. Dylan kostete die apokalyptischen Verse des uralten Straßenfegers grinsend aus.

Das Zusammenspiel mit seinen Musikern – Gitarrist Larry Campbell und Bassist Tony Garnier sind seit Ewigkeiten dabei, Schlagzeuger George Recile hat auch schon reichlich Bob–Erfahrung – gleicht zuweilen einem Autorennen, bei dem man nicht genau sagen kann, wer in Führung liegt. Aber das kennt man seit den seligen Tagen der „Basement Tapes“ mit „The Band“. Dylan gibt den Ton an. Bloß, welchen?

Und das ist, neben der Songauswahl, die andere und wohl definitive Dylan-Frage: Was für eine Stimme bricht oder kriecht oder schneidet sich aus ihm, diesem akustischen Chamäleon, jetzt heraus?! Es können mehrere sein, in einem Song. Legen wir uns mal fest, auch wenn’s schwerfällt: „Desolation Row“? Nein, „Don’t Think Twice, It’s All Right“ war die schönste Nummer dieses satten zweistündigen Auftritts. Der 62-jährige Dylan stimmte den Song ausgeruht elegisch an, zog typisch die Zeilenenden fragend hoch und drückte allmählich aufs Gas. Die letzte Strophe sang er mit der Stimme des „jüngeren“ Dylan, kräftig, selbstbewusst, hämisch-vergnügt, und als er die Geliebte dann endgültig verlassen hatte und um die Ecke bog, verfiel die Band in einen munteren Country-Trab. Man fasst ihn nicht . . .

Dylan, der große Manierist und Stilmischer vor dem Herrn, changierte, dass es eine helle Freude war. Das unterscheidet diesen Abend von seinen Arena-Konzerten im Mai 2000 und im April 2002. Auch die waren erinnerungswürdig, keine schmerzhaften Flops wie früher, sie waren in den akustischen Sets sogar noch subtiler, dichter, melodischer. Doch diesmal kam etwas anderes, greifbar Mythisches hinzu. Man könnte es den Dylanschen Weltgeist nennen. Es ist ein Drive, dem man sich nicht widersetzen kann, wenn Dylan den Schredder anwirft. Wenn er („Can’t Wait“) die drängende Gier nach einer Frau zelebriert, während die Körpersprache schon das Ende der Liaison verrät. Wenn er („Summer Days“) die Grenzen zwischen Rock ’n’ Roll und Swing einreißt und sich daran macht, den Blues zu Heavy Metal umzuschmieden („Honest With Me“).

Von allen Bob Dylans, und derer gibt es etliche und schreckliche, war es einer, der leibhaftig bei sich schien. Großes, seltenes Glück.

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