Kultur : Der Mann, der zu viel liebte

Wieder schön böse: „Die Brautjungfer“, der neue Claude Chabrol

Silvia Hallensleben

Ein neuer Chabrol, schon wieder. Schön! Oder nicht? Denn der Kritiker will auf keinen Fall schon wieder die abgedroschene Sentenz von den Abgründen des Unheimlichen aufschreiben, die hinter der biederen Fassade des bürgerlichen Lebens lauern. Aber keine Sorge: Auch die „Die Brautjungfer“ ist zwar ein echter Chabrol, doch kommt das Böse diesmal nicht aus dem Innersten der Bourgeoisie, sondern aus einer obskuren Parallelwelt hereingeschneit.

Wie schon „Biester“ entstand auch dieser Film nach einem Roman der Krimiautorin Ruth Rendell. Die Familienkonstellation und das Kleinstadt-Setting wiederum könnten ohne weiteres aus Chabrols letztem Werk, „Die Blumen des Bösen“, übernommen sein – nur dass sie diesmal einen kräftigen Zug ins Kleinbürgerliche aufweisen. Und wieder interessieren Chabrol vor allem die halbwüchsigen Kinder der Familie, auch wenn der Film mit den Beziehungsnöten der alleinstehenden Mama beginnt. Doch schon bald konzentriert sich das Drehbuch auf Benoit Magimel als Philippe, den Sohn des Hauses, der bei der Hochzeit seiner Schwester ein geheimnisvolles Mädchen kennen lernt. Stephanie, so heißt sie eigentlich, gibt sich mit wechselnden Namen eine mysteriöse Aura und kann ebenso gegenwärtig sein, wie sie sich bald wieder ins Ungewisse entzieht.

So etwas lässt uns Zuschauer ahnungsvoll aufhorchen. Es macht eine Frau interessant, zumindest für die Männerwelt. Philippe jedenfalls beißt sofort an. Und diese Senta – so nennt sie sich gerade – ist schon außerordentlich. Der Schauspielerin Laura Smet, Tochter von Nathalie Baye und Johnny Hallyday, gelingt der Balanceakt, ihrer französischen Mädchenfigur eine ungewöhnlich aggressive Note zu geben, ohne dabei dem Femme-Fatale-Klischee anheim zu fallen: Senta ist auf kinounübliche Weise herrlich ordinär. Nur den Script-Autoren scheint das nicht ganz zu behagen. Das Drehbuch lässt die Figur einen traurig vorhersehbaren Weg gehen, der in ihrem Unterschlupf im höhlenartigen Souterrain eines verfallenen Geisterhauses seinen Ausgang nimmt und vorerst in einem Spiel gipfelt, das als gegenseitigen Liebesbeweis unter anderem die Tötung eines Menschen verlangt. Senta ist auch eine Liebesfetischistin. Doch wie ernst soll Philippe solche Wahnvorstellungen nehmen? Was treibt sein Begehren? Und was ist mit dieser Statue, die er abgöttisch verehrt und die angeblich der Mutter ähnelt?

Antworten gibt es nicht. Manchmal – das sind nicht die schlechtesten Momente – sieht dieser in gediegener Ensemble-Arbeit gefertigte Film so aus, als habe Chabrol Versatzstücke verschiedener Hitchcock-Filme zu einem Potpourri des Schreckens zusammengebastelt, in dem er uns mit verrätselten Symbolen an der Nase herumführen will. Manchmal – und das sind die psychologisch glaubwürdigsten Momente – ist „Die Brautjungfer“ aber auch einfach nur die Aufzeichnung der Seelenqualen eines Mannes, der sich immer hoffnungsloser in die Liebe verrennt.

Am schönsten ist jedoch die ungebärdige Heldin. Umso enttäuschender der Verrat an ihrer Person – und einer Entwicklung, bei der der Regisseur immer deutlicher den gewöhnlichen Moralisten gibt. Chabrol als Biedermann?

Cinema Paris (auch OmU), Filmtheater am Friedrichshain, Hackesche Höfe, Kulturbrauerei, Passage

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