Kultur : Der Mann mit dem bösen Blick

Auch als Star ist er Charakterdarsteller geblieben: Donald Sutherland wird 70

Christian Schröder

Das Großstadtmädchen und der Junge aus der Provinz: ein Dialog am Rande des New Yorker Central Parks. „Na Klute, hat die Stadt dich schon auf ihre Seite gezogen, mit ihrem Glanz, den Attraktionen, der Sünde?“, will die junge Frau wissen. Der Mann entgegnet: „Das ist mir viel zu pathetisch.“ Die Frau, sichtlich eingeschnappt: „Fuck Off“. In „Klute“, einem New Hollywood-Krimi von Alan J. Pakula aus dem Jahr 1971, spielt Donald Sutherland einen Detektiv, der nach einem Serienmörder fahndet und sich dabei in ein von Jane Fonda verkörpertes Call-Girl verliebt. Erst schlägt sie ihm die Tür vor der Nase zu, am Ende folgt sie ihm aufs Land.

Das ist mir viel zu pathetisch: Ein Satz, der das Credo des Schauspielers sein könnte. Sutherland, der heute 70 Jahre alt wird, neigt zum darstellerischen Understatement. Sein Gesicht mit den großen Augen, steilen Brauen und den berühmten „längsten Zähnen der Welt“ birgt genügend Abgründigkeit, als dass es noch fuchtelnde Effekthascherei bräuchte. Sutherland ist ein Meister der Ökonomie. Seine Filmografie umfasst rund 130 Titel, in der Branche sagt man ihm inzwischen eine clevere Berufsauffassung nach: möglichst wenig arbeiten für möglichst viel Geld. In diesem Jahr hat er bereits sieben Filme gedreht, derzeit steht er für das Erste-Weltkriegs-Drama „The Four Saints“ vor der Kamera.

In der ostkanadischen Provinz Neubraunschweig geboren, absolvierte der Zweimetermann nach seinem Ingenieurs-Diplom in Toronto die Royal Academy of Dramatic Arts in London. Er trat in der Fernsehserie „Mit Schirm, Charme und Melone“ auf und drehte Billigfilme, die „Castle of the Living Dead“ oder „Dr. Terror’s House of Horrors“ hießen. Berühmt machte ihn 1970 seine Rolle als Stabsarzt Hawkeye in Robert Altmans Militärsatire „M*A*S*H“, dem ersten Studiofilm, in dem das Wort „Fuck“ vorkam. Es folgten ein halbes Dutzend Filme für die Unsterblichkeit: Bertoluccis „1900“, Fellinis „Casanova“, das Remake von „Invasion der Körperfresser“, Nicolas Roegs subtiler Horrorfilm „Wenn die Gondeln Trauer tragen“, der Agententhriller „Die Nadel“. Als Bösewicht war Sutherland immer schon besonders gut, seine weißen Haare und der Bart verleihen ihm heute eine gewisse diabolische Würde. Auch als Star ist er Charakterdarsteller geblieben. „Ich sehe die Aufgabe des Schauspielers darin, Menschen zu beobachten“, sagt er.

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