Kultur : Der Mann mit dem Goldkörper

Ich-Geschichten, Gesamtkunstwerker, Weltentwürfe: Das 59. Theaterfestival von Avignon geht zu Ende

Eberhard Spreng

Neun Männer stehen in einem kalten Lichtkegel, den die Sonne mitten in eine halb verwüstete Kirche wirft. Allmählich erkennt man, dass die jungen Senegalesen ihre Blicke wie Wanderer sanft von links nach rechts schweifen lassen und sich ganz langsam vorwärts bewegen – wie eine Urkraft, die in äußerster Bedächtigkeit die Welt verändert. Ein Bild also auch, wenn man so will, für unsere Umbruch-Gegenwart. Für eine Strecke von vier Metern werden sie am Ende der Aufführung eine Stunde gebraucht haben. Eine Aufführung? Nein: Jean Michel Bruyères „L’insulte faite au paysage“ ist eine Installation. Die Bilder, die von diesem Festival in Avignon haften bleiben, sind nicht von Theaterregisseuren entworfen worden, sondern in der Regel von Künstlern mit solidem plastischem oder malerischem Hintergrund.

Die 59. Ausgabe von Avignon hat ihre großen Aufführungen hinter sich, am 27. Juli schließt das Festival seine Pforten. Von einigen der von Jan Fabre geladenen Künstler, über den in den Senegal emigrierten Jean Michel Bruyère bis zum Italiener Romeo Castellucci, zieht sich ein Band von Arbeiten zwischen Ritual, Performance und Theater, die sich zu Bildern einer eminent zeitgenössischen Weltsicht ineinander schieben. Hier müsste auch das klassische Theater sein, als Zufluchtsort einer unkenntlich gewordenen Wirklichkeit. Wo die bildenden Künstler Materialien auf ihre Tauglichkeit hin befragen, flüchten sich die französischen Theatermacher unter den Deckmantel des Poetischen. Die Welt in den Griff zu bekommen, traut man in Frankreich derzeit eher dem Poeten als dem klug analysierenden Dramaturgen zu.

Diese nicht ganz so neue Emphase verkörpert der Regisseur und Theaterleiter in Orléans, Olivier Py. Rund zehn Stunden dauert seine Trilogie „Les Vainqueurs“ (Die Sieger). Ein geheimnisvolles Lächeln zieht sich als zentrales Motiv durch die drei Geschichten: Es gehört einem Prinzen, der in das Land seiner Vorfahren zurückkehrt, ein balkanisches Arkadien. Das ist durch den Zerfall der Sowjetmacht, die Herrschaft mafiöser Clans und die Globalisierung gezeichnet, zerrissen zudem von religiösen Konfrontationen. Diese allegorische Figur verwandelt sich später in eine Prostituierte, dann in einen Totengräber. Politik, Ästhetik und Metaphysik sollen zusammenfließen.

Einer segmentierten Welt der Spezialitäten und Sektoren, der Ausdifferenzierung und Zersplitterung, vor allem aber der Herrschaft des falschen Scheins, will der Theatermacher wieder ganze Weltbilder entgegensetzen. Eine Poesie des Genusses, eines permanenten spirituellen Freudenzustands predigt der Autor, Regisseur und Theaterchef in Personalunion. Und es scheint, als sei das Theater nur noch als entschlossene Ich-Show eines zentralen Theatergehirns zu haben.

Hubert Colas zelebriert „Hamlet“ zu Tode. Jean François Sivadier exerziert „Dantons Tod“ im treuen Glauben an die gute alte Knarzbühne durch. Jean-Lambert Wild fusioniert europäische Poesie und Urvolk-Rituale, Jean-François Peyret komponiert Text, Videobeamer, Klavier und szenische Installation zu einem hochtechnischen Spielwerk zusammen. Keiner von ihnen konnte über den Spaß am hübsch Gemachten hinaus überzeugen. Dieses Festival hat die tief verankerte französische Gewissheit erschüttert, dass der einzige taugliche Transportriemen zwischen Wirklichkeit und Bühne die Literatur sei: im direkten Vergleich zwischen Performer und Schauspieler, bildendem Künstler und Theaterregisseur.

Jan Fabre hat das traditionsreiche Festival zwar in eine provençalische Documenta verwandelt, in der man von Ausstellung zu Performance, vom Tanz zum Screening pilgert und am Abend ermattet in Theaterfauteuils sinkt. Angefüllt mit Gegenwart und Überlegungen zu den zeitgenössischen Positionen der Kunst, wird man ungeduldig angesichts der schwerfälligen Theaterzeremonien. Hier zeigt sich der Geburtsfehler des nunmehr von jährlich wechselnden Künstlern entworfenen Programms. Denn Künstler leben in ihrem eigenen Universum und haben nicht unbedingt die Trends im Blick, aus denen sich die Zukunft des Theaters speisen könnte.

Im Zentrum des Festivals stand mit zwei Arbeiten, darunter seiner „Geschichte der Tränen“, Jan Fabre selbst. Den Eindruck des Unverbundenen in den Arbeiten des Malers, Performers und Choreografen löste dies nicht auf. Im Gegenteil: Fabres Tränen-Geschichte offenbart Brüche, Widersprüche, Beliebigkeiten und intellektuelle Gelegenheitsprodukte.

Östlich des Papstpalastes liegt ein Park, der früher einmal der von Papst Urban V. angelegte Obstgarten war. Hier wurde zu Zeiten des Festivalgründers Jean Vilar bis in die Neunzigerjahre hinein eifrig über Theater, Politik und Gesellschaft debattiert. Jetzt wurde dort feierlich eine Plastik des flämischen Künstlers eingeweiht: Sie zeigt einen vergoldeten Jan Fabre mit aufgerissenem Mund und dem Blick auf die gewaltige Außenmauer des Papstpalastes. „Der Mann, der weint und lacht“, heißt sie. Unter der Plastik wird Wasser aufgefangen – es sollen die Tränen des Künstlers sein. Hier kommt Fabres „Geschichte der Tränen“ zu einem erschütternd kitschigen Ende.

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