Kultur : Der Mann mit den tausend Gesichtern

Berserker, Scharlatan, Kinogenie: Zum 20. Todestag widmet das Filmfest Locarno Orson Welles eine umfassende Retrospektive

Ralph Eue

Als das American Film Institute ihn 1975 für sein Lebenswerk auszeichnet, stellt ihn der Moderator mit den Worten vor: „Here They Are, Orson Welles.“ Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Orson Welles war ein hervorragender Adressat für Fragen dieser Art. Der Statthalter Shakespeares in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Ein begnadeter Zauberer. Ein Genie sowieso. Diesen Superlativen habe er selbst Vorschub geleistet, sagte der Mann mit den tausend Gesichtern gegen Ende seines Lebens. Und er fügte hinzu: My favorite mask is myself. So hat Welles, der massige Repräsentant der eigenen Legende, schon in jungen Jahren seine Filme gedreht: in blendender Montur, den Ernst im Gesicht und den Schalk im Nacken.

Geboren wurde er vor 90 Jahren, am 6. Mai 1915 in Kenosha/Wisconsin. Seine Mutter, eine Konzertpianistin, entwickelt großen Ehrgeiz, Orson eine musische Erziehung zukommen zu lassen. Bereits mit zehn gilt er als Wunderkind, mit 12 spielt und inszeniert er an der berühmten Todd School in Woodstock seinen ersten „Julius Cäsar“. Mit 22 versetzte er die amerikanische Nation mit „Krieg der Welten“ in Aufruhr, seiner legendären Rundfunk-Reportage über einen Angriff Außerirdischer nach dem Roman von H.G. Wells. Mit „Citizen Kane“, seinem Regie-Debüt, katapultierte sich der 25-Jährige aus der Berühmtheit in die Unsterblichkeit.

Und danach? Keinen seiner folgenden Filme hat Welles mehr so beendet, wie er es sich vorstellte: weder die klassisch amerikanischen zwischen „Der Glanz des Hauses Amberson“ (1942) und „Im Zeichen des Bösen“ (1958) noch die thematisch wie geografisch nomadisierenden, von „Der Prozess“ (1962) bis „F – wie Fälschung“ (1973). All diese Arbeiten wurden entstellt, gekürzt, massakriert. „Man hat Mühe“, so Orson Welles, „sich eine filmische Laufbahn vorzustellen, in der es häufiger zu Katastrophen kam als in meiner.“

Offizielle Filmografien weisen 13 Werke aus. Daneben steht der Schauspieler, der sich für hunderte von Rollen hergab. Und dann gibt es noch den unbekannten Welles, der sich furios über alle Grenzen hinweg verausgabte. So schuf er sich eine Art Labor der Erwägungen, gänzlich neben dem Filmbetrieb. Und so schuf er Essayfilme avant la lettre, offene Anlagen für seinen Traum vom Kino (und vom Fernsehen). Dieses Labor blieb ihm zugleich auch die Bühne, auf der er die profunde Dissoziation von Ideen ausleben konnte, die ihm ein Psychologe bereits im Kindesalter attestiert hatte.

Welles nutzte alle Plattformen der darstellenden Künste, tingelte als Kosmopolit des Radios durch die Welt und drehte mehrere Filme, die unfertig blieben. Jonathan Rosenbaum, Herausgeber des monumentalen Interview-Buchs von Peter Bogdanovich mit Welles, beschreibt sie als Vorratslager, als Werkstatt. Nichts wurde weggeworfen, weil es später vielleicht noch verwendet werden konnte.

1995 wurden auf Veranlassung von Welles’ letzter Lebens- und Arbeitspartnerin Oja Kodar all diese Projekte – anderthalb Tonnen Gewicht! – dem Münchner Stadtmuseum vermacht. Damit verbunden war die Auflage, das Material zu „aktivieren“ und weiter zu bearbeiten.

Im disparaten Nachlass finden sich Filetstücke und Nebenwerke wie etwa das über zwei Jahrzehnte gedrehte Material für „Don Quixote“. Als 1969 Hauptdarsteller Francisco Rieguera starb, kündigte Welles an, er wolle den Titel seines Films ändern, in „When Will You Ever Finish Don Quixote?“ Zum inoffiziellen Welles gehören außerdem eine relativ weit fortgeschrittene Version des zwischen 1967 und 1969 gedrehten B-Krimis „The Deep“ (mit Jeanne Moreau, Oja Kodar, Laurence Harvey und Welles selbst in den Hauptrollen) sowie das vom Geist Antonionis und New Hollywoods infizierte Porträt des Filmemachers als alternder Mann mit John Huston, Peter Bogdanovich, Lilli Palmer und Oja Kodar: „The Other Side Of The Wind“, entstanden von 1970 bis 1975.

Für Stefan Drössler, Leiter des Filmmuseums im Münchner Stadtmuseum, der seit gestern auf dem Festival von Locarno die bislang vollständigste Orson-Welles- Retrospektive präsentiert, stellt dieses Erbe Traum und Alptraum dar. Die Arbeit mit einem Werk, von dem es nie eine Originalfassung gab, ist eine Gratwanderung zwischen Devotion und Willkür: „Wie geht man mit Filmen um, deren endgültige Form nicht einmal dem Autor selbst klar gewesen sein mag?“ Drössler stellt in Locarno nun das Wegenetz vor, in dem sich sein Haus in Sachen Welles seit 10 Jahren zu orientieren versucht.

Der inoffizielle Welles, das war auch ein Mann im Rausch des Erfolgs. Jemand, der im Moment des größten Triumphs diesen Triumph mit Füßen trat. 1942 hatte er „Citizen Kane“ erfolgreich ins Kino gebracht, „Der Glanz des Hauses Amberson“ abgedreht, machte seine wöchentliche Radioshow und trat auf verschiedenen Bühnen auf – er schäumte also in einer Art über, wie man sie von Fassbinder in den frühen siebziger Jahren kennt. Ausgerechnet in diesem Jahr setzte sich Welles nach Rio de Janeiro ab, wo er für seinen (ersten unvollendeten) Film „It’s All True“ den Samba studieren wollte. In den zwei fertig gestellten Episoden offenbart sich das Hollywood-Wunderkind als politischer und poetischer Filmemacher nach dem Vorbild Eisensteins. Erstmals tauchen die künftigen Gefährten von Welles’ kommender Isolation auf: die großen Solitäre der Weltliteratur von Joseph Conrad über Hermann Melville und Isak Dinesen (alias Tania Blixen) bis zu Miguel Cervantes – und immer wieder Shakespeare. In dieser Zeit befreite ihn das Studio RKO von seinen Aufgaben als Verantwortlicher für den „Glanz des Hauses Amberson“. Der Film, der in Previews in einer Länge von 131 Minuten gezeigt wurde, kommt nun in einer auf 88 Minuten unglücklich heruntergekürzten Neubearbeitung in die Kinos. Die Brasilientour und die „Diversifizierung“ seiner Interessen war der Anfang von Welles’ Ende in Hollywood.

Vielleicht ist es hilfreich, die Retrospektive und das Münchner Welles-Projekt als Gegenstück der großen Kubrick- Ausstellung zu verstehen, die im Frühjahr im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen war. Zwei Meister im Vergleich: Strebt Kubricks Arbeit die perfekte Form an, so sind Welles’ Filmessays works in progress. Aktiviert Kubrick den Reflex zur Ehrfurcht, so reizt Welles den Reflex zum Staunen. Und: Ist Kubrick ein Hohepriester der Filmkunst, so ist Welles ihr Scharlatan. In der Scharlatanerie sah er übrigens nichts Ehrenrühriges: Als junger Mann hatte er versucht, Stierkämpfer zu werden, und in Dean Martins TV-Show aus Las Vegas trug er fast zehn Minuten lang Shakespeare-Monologe vor.

Und noch kurz vor seinem Tod vor 20 Jahren, am 10. Oktober 1985, hat er sich immer wieder Geld mit Zauberauftritten verdient. Here They Are, Orson Welles!

Die Retrospektive wandert im September von Locarno nach Wien und im Oktober weiter nach München und Udine.

Zum Welles-Jubiläumsjahr ist außerdem im Zsolnay-Verlag Bert Rebhandls „Orson Welles. Genie im Labyrinth“ erschienen (Wien 2005, 192 S., 21,50 €)

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