Kultur : Der Mann mit den vielen Geburtstagen Zum 100: eine Biografie für Isaac BashevisSinger

Katrin Hillgruber

Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde der Rabbinersohn Isaac Bashevis Singer am 21. November 1902 in Leoncin bei Warschau geboren, als noch der julianische Kalender galt. Eines Tages im Juli, während eines Umzugs, fragte er seine Eltern, wann sein Geburtstag sei. Um ihn aufzuheitern, sagten sie: „Heute, am 14. Juli, dem Tag der Bastille.“ Nach dem Ersten Weltkrieg machte er sich um zwei Jahre jünger, um nicht zur polnischen Armee einberufen zu werden. Als er 1978 den Literaturnobelpreis erhielt, wagte er es nicht mehr, sein wahres Geburtsdatum anzugeben, da er die Aberkennung des Preises fürchtete. Ohnehin habe der Antikommunist ständig, aber unbegründet die Ausweisung aus den USA vorhergesagt, notiert sein Biograf Stephen Tree.

Diese Anekdoten um Isaac Bashevis Singers widersprüchliche Geburtstage passen nur zu gut zu seinem vielstimmigen Werk, in dem sich Zeitgeschichte und mündliche Überlieferung durchdringen und überkreuzen. Gerne verglich er sich mit der Titelgestalt aus seinem Erzählungsband „Gimpel der Narr“, doch hielt die vorgetäuschte Einfalt nicht lange vor. Das unlogische Verhalten der Menschen, ihr Ringen mit den höheren Mächten, die Rätsel, die sie einander aufgeben, darunter das größte: Die Liebe, die immer mit anderen Gefühlen gemischt ist – das sind Singers große Themen, wie sie auch seinen Welterfolg „Feinde, die Geschichte einer Liebe“ prägen.

Mit enzyklopädischem Eifer, dabei detailverliebt bis weitschweifig, hat sich Stephen Tree auf die Suche nach Isaac B. Singers Lebensspuren gemacht. Vor allem in Amerika, wohin der Autor von „Meschugge“ 1935 emigrierte, durchkämmte der als Sohn englischer Eltern in der Schweiz aufgewachsene Biograf die Archive. Er befragte ehemalige Weggefährten und Mitarbeiterinnen des notorischen Schwerenöters und mischte ihre Erinnerungen mit Zitaten aus den Romanen. Diese „Zeugenaussagen“ machen die erste deutschsprachige Singer-Biografie zwar lebendig, aber auch etwas geschwätzig – eine Lektüre für erklärte Fans.

Seine Emigrationserfahrung verewigte Singer in dem Roman „Verloren in Amerika“. Den Tag der Ankunft in New York beschrieb er in allen Schattierungen und Einzelheiten. Nun war das Jiddische, in dessen Echoraum er aufgewachsen war, endgültig zur Sprache einer Minderheit geworden. Am 24. Juli 1991 starb die bedeutendste literarische Stimme des Ostjudentums am anderen Ende der Welt, in Miami, Florida. Zuvor war es noch zum Streit mit Barbra Streisand wegen ihrer filmischen Darstellung der Yentl gekommen. Aber das ist eine andere Anekdote.


Dieses Buch bestellen Stephen Tree: Isaac Bashevis Singer. Biographie. Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv premium), München 2004. 220 Seiten mit 20 s/w Abb., 14,50 Euro.

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