Kultur : Der Mann mit der Todesmelodie

Das Premier Swingtett arbeitet alte deutsche Schlager zu Jazz-Songs um. Jetzt bekommt es Besuch aus Hollywood

Eva Kalwa
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550 Filme. Akkordeonist Carl Fortina (Mitte) mit dem von Ulrich Hoffmeier (2. v. re.) gegründeten Swingtett im b-flat. Foto: David...

Es ist eine dieser verführerischen Melodien, die auch morgens nach dem Aufwachen noch da sind. Die Geige lockt in der Brust, der Bass klopft auffordernd auf die Schenkel, und in den Adern schlagen zwei Gitarren ihre Synkopen. Dazu schwelgt das Akkordeon und verbindet die einzelnen Stimmen zu einem farbenreichen, brasilianischen „Carnival“. Der mitreißende Bossa Nova ist eines der wenigen selbst komponierten Stücke, die das Premier Swingtett in seinen Konzerten spielt – und eigentlich untypisch für das aktuelle Programm der Berliner Combo, die es sich zum Ziel gesetzt hat, in Anlehnung an die Swing-Bibel „Great American Songbook“ ein „German Songbook“ zu etablieren. Im Stil von Django Reinhardt und Stéphane Grappelli interpretieren die vier Musiker bei ihren Auftritten und auf ihrer neuen CD „Ich brech die Herzen…“ Stücke von deutschen Komponisten wie Friedrich Hollaender, Kurt Weill oder Theo Mackeben.

An diesem Wochenende ist manches anders, Denn Ulrich Hoffmeier, der seit 1996 in Max Raabes Palastorchester Gitarre spielt, der zweite Gitarrist Dino Dornis, Joachim Dette am Schlagbass und Jordan Rodin, hauptberuflich Bratscher bei den Hamburger Symphonikern, haben Besuch aus Los Angeles. Mit ihnen auf der Bühne im b-flat in Mitte sitzt Carl Fortina, ein würdiger, weißhaariger 80-Jähriger im dunklen Anzug mit einem Akkordeon auf dem Schoß. Wenn er spielt, dann lächelt es in ihm leise. Man muss Fortinas Namen nie zuvor gehört, sein Gesicht nicht gesehen haben, um zu wissen: eine Legende.

Fortina gilt als der am häufigsten aufgenommene Akkordeonist der Welt. Zu rund 550 Hollywood-Filmen und tausenden TV-Produktionen hat er die Musik beigesteuert, als Musiker, Komponist oder später auch als „Contractor“, der die Musiker für einen Film auswählt und unter Vertrag nimmt. Er ist zu hören in „Der Pate“, „Doktor Schiwago“ oder „Bonanza“, hat mit Schauspielern wie Elvis Presley, Dean Martin, Doris Day und Jerry Lewis und den bedeutendsten Filmkomponisten gearbeitet, darunter Jerry Goldsmith, Alfred Newman und John Williams. Wenn James Stewart in einem Western Akkordeon spielen musste, bekam er Unterricht von Fortina, und es heißt, Ginger Rogers soll ihre rauschenden Hollywood-Parties nur dann gegeben haben, wenn Fortina in der Stadt und als Akkordeon-Spieler für den Abend verfügbar war.

„Mein Vater wollte immer, dass ich der berühmteste Akkordeonist der Welt werde – vielleicht hat sich sein Traum erfüllt“, sagt er mit bescheidenem, beinahe entschuldigendem Gesichtsausdruck. Er war noch nicht fünf, als sein Unterricht bei Akkordeon-Star John Pezzolo in San Francisco begann, ein knappes Jahr danach gab er bereits sein erstes Konzert vor 15 000 Zuschauern und gewann wenig später den ersten von zahlreichen Wettbewerben.

In Berlin ist Fortina zum zweiten Mal. Diersmal für vier Konzerte, das letzte davon heute. Das ist einer DVD über Max Raabes Palastorchester zu verdanken, die Fortina vor vier Jahren in Los Angeles in die Hände fiel und die ihn begeisterte. Fortina besuchte ein Konzert des Orchesters in San Diego und lernte dort Hoffmeier kennen, der als Raabes Gitarrist auch vieles andere schlägt, was Saiten hat. Parallel zu der Freundschaft mit Fortina entwickelte sich Hoffmeiers Idee, mit befreundeten Musikern aus Deutschland auf eine Straßentournee durch Südfrankreich zu gehen: Das Premier Swingtett war geboren. „Es ist wunderbar, auf den provenzalischen Märkten zu spielen. Ich bin viel näher an den Menschen, als ich es mit dem Palastorchester in der New Yorker Carnegie Hall sein kann“, sagt der 52-Jährige, der schon während der Friedensbewegung Ende der siebziger Jahre als Musiker gegen soziale Missstände in Berlin auf die Straße ging.

Die französischen Musettewalzer und der temperamentvolle Gypsy-Jazz, bei dem mal die Violine, mal eine der Gitarren die Melodieführung übernimmt, während die andere mit „La Pompe“- Schlägen für den Swing-Drive sorgt – musikalisch ist es eine Zeitreise ins Paris der dreißiger Jahre, wo Django Reinhardt mit seinem virtuosen zweifingrigen Gitarrenspiel und seinem Quintette du Hot Club de France Jazz-Geschichte schrieb. Zum Glück weicht das Swingtett bei seiner Umwidmung solch arg strapazierter Songs wie Heinz Rühmanns „Ein Freund, ein guter Freund“ von 1930 oder sein „Ich brech‘ die Herzen...“ aus dem 1938er-Wohlfühlfilm „Fünf Millionen suchen einen Erben“ vom Altbekannten ab und baut neue, interessante Melodiebögen. Noch schöner und freier wird es, wenn die Musiker tiefer in die Swing- Kiste greifen und die Hommage „Djangology“, den ravelesken „Troublant Bolero“ und Eigenkompositionen wie „Carnival“ oder die Valse Musette „Café au Puce“ hervorzaubern. Nach einer Stunde ist das Herz davon ganz weit und heiter und bereit für große Abenteuer.

Da erst kommt Carl Fortina mit seinem Akkordeon auf die Bühne und trägt alle mit sich fort.

Noch einmal heute, 20 Uhr, Petruskirche, Oberhofer Platz (Lichterfelde), Eintritt 10 €.

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