Kultur : Der Mann ohne Leidenschaften

MORITZ MÜLLER-WIRTH

Peter Radunski ist nicht Angela Merkel.Das könnte daran liegen, daß Götz Friedrich nicht die Atomwirtschaft ist und die Deutsche Oper kein Castor-Behälter.Andererseits: Der Berliner Kultursenator muß sich, wie auch die Bundesumweltministerin, in diesen Tagen mit außerordentlich heiklen Tatsachen auseinandersetzen.Außerdem geht es sich in beiden Fällen nicht zuletzt um die Frage, wer wann was wußte.Bei Radunskis Problem handelt es sich, zugegeben, nicht um eine mögliche Gefährdung für Leib und Leben, wohl aber um einen für die Berliner Kulturpolitik beispiellosen Vorgang: die über Jahre vertuschte, ja von den politisch Handelnden mindestens billigend in Kauf genommene Mißwirtschaft einer staatlichen Einrichtung, der Deutschen Oper und ihres Intendanten.Für Merkel gilt wie auch für Radunski: Folgen nicht absehbar.

Doch während Angela Merkel von Krisengipfel zu Rechtfertigungsinterview eilt, gönnt es sich Peter Radunski, zur besten Sitzungszeit mittags um 11 Uhr, in Begleitung seines Pressesprechers, im Hochzeitssaal der Sophiensäle in Berlin-Mitte das "KulturHandbuch Berlin" vorzustellen - bei bester Laune und in aller Ruhe.Und dabei den zahlreich erschienenen Medien ausladend von "Veränderungsparadigmen in unserer Stadt" zu berichten und bei dieser Gelegenheit den Hinweis nicht zu vergessen, wie "unglaublich viel Spaß" ihm sein Amt derzeit mache.

Man glaubt ihm sofort: Es scheint fast, als käme der Fall "Deutsche Oper" dem politischen Strategen, dem ehemaligen Wahlkampfmanager Helmut Kohls gerade recht.Hatte er nicht schon vor Jahren verkündet, daß "wer mit 80 Millionen Mark keine Oper machen kann" sich fragen lassen müsse, ob er in einer solchen Funktion richtig sei? Hat er also jetzt Friedrich konsequent den Rücktritt nahegelegt? Da winkt der Taktierer ab: Friedrich leiste gute Arbeit, sagt der Senator - wider besseres Wissen, zumindest was die Wirtschaftlichkeit betrifft.Nein, in diese Falle hat sich Radunski nicht locken lassen, auch in diese nicht.Friedrich als Bauernopfer zu bringen, das hätte einen Aufschrei der Empörung ausgelöst, der dem Schiller-Theater-Fanal in mancherlei Hinsicht ähnlich und damit für Radunski ziemlich gefährlich hätte werden können.Deshalb verpaßte er dem bisher in aller erdenklichen Freiheit agierenden Intendanten vertraglich eine Zwangsjacke, die Friedrich die Lust an der Arbeit schnell vergällen könnte.Keine Mark darf er mehr ausgeben, die nicht von Geschäftsführer Schmitz genehmigt worden ist.Außerdem werden zentrale Stützen des Imperiums, die bislang schwer kontrollierbare Zuteilung von Gagen und außertariflichen Zulagen, schrittweise demontiert: Friedrichs bisher nicht schleifbare Bastion, die unabhängige Ballett-Truppe, wird (wenn auch noch nicht endgültig) zur Disposition gestellt und - zu allem Unglück - bezieht auch noch der Rechnungshof Quartier im Haus an der Bismarckstraße.Zeitgleich läßt Radunski nur lau dementieren, daß er bereits mit geeigneten Nachfolgekandidaten, wie dem Chef der Salzburger Festspiele, Gérard Mortier, verhandelt.Vielleicht wird sich unter diesen Umständen Götz Friedrich schon bald danach sehnen, von Radunski aus dem Hause geworfen zu werden.Als Märtyrer hätte er zumindest die besitzstandswahrende Solidarität des (West-)Berliner Kultur-Establishments auf seiner Seite.

Dieses Szenario sagt viel über Peter Radunski, über sein Verständnis von Politik, auch von Kulturpolitik.Ein Verständnis, das in den fast zweieinhalb Jahren seiner Amtszeit auf manche Probe gestellt wurde.Mit öffentlichen Vorschußlorbeeren war Radunski im Januar 1996 ins Amt gekommen.Endlich ein Macher, dem Kanzler nah, bestens vernetzt, kein Schöngeist, eher ein Pragmatiker, der lang ersehnte kämpferische Lobbyist für die gebeutelte Berliner Kultur.Sicher, ein Großteil der Szene stöhnte.War nicht mit Radunskis Zustimmung die Kultur als eigenständiges Senatsressort gemeinsam mit Wissenschaft und Forschung zu einem Riesenapparat verschmolzen worden? Und außerdem, schon die Optik legte es nahe: Der Neue war keiner von ihnen.Am Anfang versuchte Radunski, diesem Eindruck entgegenzusteuern.Gutgehen konnte das nicht.In Interviews verwies er auf häufige Besuche in Off-Theatern, erzählte von intensiven Gesprächen mit Großtheater-Intendanten, von denen die Angesprochenen oft nichts wußten oder wissen wollten.Die Sinnlosigkeit dieser Kraftanstrengung gipfelte in einem Ausspruch während einer seiner ersten öffentlichen Reden: Damals, zur Eröffnung des Berliner Theatertreffens, 1996 im Spiegelzelt, mit den Armen rudernd, den spöttischen Blicken der schwarzgekleideten Gemeinde ausgeliefert, beendete der Senator seine Ausführungen und rief dem fassungslosen Auditorium zu: "Vivo il teatro".Pikiert steckte das belesene Publikum bei Prosecco und Häppchen raunend die Köpfe zusammen: Da war ganz offenkundig ein Banause am Werk, ein Parteistratege auf den Spuren der schönen Künste, eine jener wahrhaft berlinischen Lösungen, ein Politprofi, der, im Bemühen, sich mit seinem Publikum zu verbrüdern, ausgerechnet der Sprache ihrer Sehnsüchte und Projektionen zuleibe rückte."Vivo il teatro" wurde zum geflügelten Wort, zum "Ich habe fertig" der Branche.Und Peter Radunski - eben erst im Amt - war auf dem vorläufigen Tiefpunkt seiner Kulturkarriere angekommen.

Das schmerzte.Offenbar so sehr, daß Radunski etwas tat, was sonst nicht zu seinen vorherrschenden Eigenschaften gezählt werden kann: Er gab auf.Und er gewann.An Autorität, dadurch auch an Anerkennung und mit der Zeit auch an Kompetenz.Er bekannte sich zu dem, was er war: der Krisenmanager, als den der Regierenden Bürgermeister ihn berufen hatte.Befreit von dem Zwang, sich gemein machen zu müssen mit einer Welt, die die seine nicht ist, entwickelte er eine ganz eigene Beziehung zu eben dieser Welt und ihren Protagonisten.

Das Muster, nach dem er mit der drohenden Pleite der Deutschen Oper umgeht, läßt sich auf zahlreiche Problemfälle der Berliner Kulturpolitik übertragen.Während die Öffentlichkeit (und der politische Gegner) sich in Detail-Scharmützeln aufreiben, gibt Radunski, unterstützt von dem in seiner solidarischen Gegensätzlichkeit unentbehrlichen Staatssekretär Lutz von Pufendorf, die Richtung vor.Plötzlich hat das Theater des Westens den lange geforderten Zuschuß von 20 Millionen Mark, plötzlich ist Claus Peymann als Intendant des Berliner Ensembles engagiert.Wer genau für die noch fehlenden Millionen aufkommt, ist zwar noch gänzlich unklar.Lotto-Kasse? Bundesmittel? Radunski aber kann sicher sein: Keiner, schon gar nicht der Wärter der sogenannten kulturellen Leuchttürme, Manfred Kanther, wird Peymann wieder ausladen.Ohne besonderes Aufsehen hat er Daniel Barenboims Staatsoper noch gar nicht bewilligte Mittel aus dem Hauptstadtkulturfonds zugeschustert und damit im Haus Unter den Linden erst einmal für Ruhe gesorgt.Wer wollte Barenboim schon nötigen, die Millionen für seine Kapelle wieder zurückzugeben? Und in Sachen Metropol-Theater hat Radunski den Ball geschickt ins Feld des Abgeordnetenhauses gedribbelt.Das dortige Klein-Klein-Gekicke kann er jetzt entspannt verfolgen.Mit einem anderen Steilpaß hat er den Wirtschaftssenator bedient: Kultur sei in Zukunft, meint Radunski, vor allem auch eine Sache der Wirtschaftsförderung.Keine Reaktion bislang, allerdings auch kein Widerspruch.Beim Holocaust-Denkmal wiederum weiß er sich auf der vermutlich sicheren (Kanzler-)Seite.Mit der Ernennung Michael Blumenthals zum Direktor des Jüdischen Museums hat er seinen vielleicht größten Coup gelandet, der ihm höchstens noch durch Unachtsamkeiten im eigenen Haus vermiest werden könnte.Und auch Peter Stoltzenberg hat ihm getreulich-genau jene Gutachten zur Theaterszene geliefert, die er bestellt hat.Scheitert die vorgeschlagene Strukturreform im Theaterbereich, so dürfte das, wie es im Augenblick aussieht, eher am Gutachter als an seinem Auftraggeber hängenbleiben.

Hängenbleiben.Daß im Zweifel nur nichts hängenbleibt, dafür hat Radunski vorgesorgt.Deshalb werden die Dinge im Zweifel an anderen hängenbleiben.Die Pleite der Deutschen Oper an Götz Friedrich, das Metropol-Theater am Abgeordnetenhaus (oder an Arbeitsgerichten), das Holocaust-Denkmal wahlweise am Kanzler oder am Regierenden, das Theatergutachten am Theatergutachter.Das Berliner Ensemble samt Peymann an der Lottostiftung, die Leuchttürme am Bundesinnenminister, das Jüdische Museum, na, vielleicht dann am Staatssekretär.

Radunski hat keine Vision, sagen seine Kritiker.Und kein Konzept.Das stimmt! Mit Lothar Matthäus würde Radunski vermutlich am liebsten entgegnen: Ein Peter Radunski braucht kein Konzept.Tut er natürlich nicht.Stimmt aber trotzdem! Stattdessen würde er vermutlich wieder sein "Kreisepapier" hervorziehen, erarbeitet zur grundlegenden Neustrukturierung der Berliner Kultur.Irgendwie hatte man von Anfang an das Gefühl, daß sich der Senator damit vor allem seine Kritiker vom Hals halten wollte, vor allem jene, die ihm vorwerfen, er habe kein Konzept.Einer wie Radunski trifft seine Entscheidungen lieber ohne Papiere.Aus dem Bauch, professionell, engagiert, aber ohne die Leidenschaft, die Niederlagen zu Tragödien und Siege zu Triumphen macht - die aber oft auch den Blick für das Machbare verstellt.Das kann gutgehen, wie der Fall Peymann zeigt, das kann aber auch schiefgehen, siehe Deutsche Oper.In Zeiten rauher Verteilungskämpfe jedenfalls können Krisenmanager gute Kulturpolitiker sein.Das kann für die Politiker sprechen, sicherlich aber spricht es gegen die Zeiten.

Bei der Buch-Vorstellung hat Radunski übrigens einen bemerkenswerten Satz formuliert: "Unsere führenden Vertreter sind in die Jahre gekommen." Gemeint hatte er die "Spitzenpersönlichkeiten des kulturellen Lebens".Ob und wie er sich da miteinbezogen hat, war nicht zu erkennen.

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