Kultur : Der Mann ohne Mitte

Immer radikal, niemals konsequent: Der Nachlass des Geistesaristokraten Florens Christian Rang geht an das Berliner Walter-Benjamin-Archiv

Gregor Dotzauer

Er war in jeder Hinsicht ein Exzentriker: als Person ohne Mitte – und als Autor ein Spielball der intellektuellen Kräfte seiner Zeit. Was immer Florens Christian Rang aber anfing, dem ging er mit Haut und Haaren nach. Er brach es nur mit entsprechender Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst und andere wieder ab. 1864 in Kassel geboren, studierte er pflichteifrig Jura und korrigierte den himmelstürmerischen Leistungswillen, der ihn schon als Jugendlichen ebenso durchdrang wie abgrundtiefe Angst, mit den Eskapaden eines Bohemiens. Als ihn der Ruf Gottes ereilte, war er Regierungsassessor in Posen, was ihn nicht hinderte, nun protestantische Theologie in Greifswald zu studieren und Pfarrer im niederschlesischen Wolfskirch zu werden. Bis ihn die Lektüre von Nietzsche so erschütterte, dass er der „Abrechnung mit Gott“ nicht länger ausweichen konnte.

Er legte, wie er schrieb, das Christentum ab „wie das Tier im Frühjahr seinen Winterpelz“, quittierte den Pfarrdienst, stopfte sich „Wachs in die Ohren gegen die Angst- und Liebesstimmen, die mich von der Fahrt auf’s Meer an’s steinische Ufer zu locken suchten“, und fand in Koblenz eine Stelle als Regierungsrat. Um seine Begeisterung über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu mäßigen, den er als antibürgerliche Revolution begrüßte, musste er erst einen Sohn im Feld verlieren. 1917 kam er als Direktor des Raiffeisen-Verbands nach Berlin, wo er das Denken des Judentums entdeckte. Eine religiöse Rückverwandlung ergriff von ihm Besitz. Es ist kein Wunder, dass auch das Leben diesen Exzentriker nicht allzu lang in seiner Mitte halten wollte: 1924 starb Rang an Rückenmarkskrebs.

Und doch stand er als Katalysator im Mittelpunkt vieler Kreise. Er korrespondierte mit den jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber und Franz Rosenzweig, mit den Schriftstellern Theodor Däubler und Hugo von Hofmannsthal, und er gewann die Freundschaft von Walter Benjamin. Ihn lernte er 1920 in Berlin über den intellektuell nicht weniger exzentrischen Theosophen Erich Gutkind kennen und inspirierte ihn – mit teils wörtlichen Zitaten aus seinen eigenen Schriften – zu entscheidenden Passagen der legendären Studie über den „Ursprung des deutschen Trauerspiels“.

Man könnte auch behaupten, dass Rang ein Verrückter war, so wie er sich von einem anarchistisch unterfütterten Deutschnationalismus schließlich zu einem jüdischen Mystizismus hinreißen ließ und mehr an okkulten Erlebnissen als an der äußeren Welt interessiert war. Aber eigentlich machte er nur aus einer rechtskonservativen Haltung heraus wahr, was Benjamin später in das zur Sponti-Formel geronnene Motto „Immer radikal, niemals konsequent“ packte. Viele mochten und konnten Rang dabei nicht folgen. Romain Rolland erklärte: „Cet homme est fou“, um hinzuzufügen, dass dies bei einem Menschen, der so viele Widersprüche seiner Epoche in sich vereinige, vielleicht gar nicht entscheidend sei. Andere wie der Anarchist Gustav Landauer äußerten sich bitterer: Zwischen seinem Pazifismus und Rangs Bellizismus gab es nichts Verbindendes.

Von heute aus unterschätzt man leicht die Gemengelage, in der das alles möglich war. Zu ihr gehört auch der Orden, von dem Rang am Vorabend des Ersten Weltkriegs träumte: ein aus der Askese geborener geheimer Bund, aus dem eine künftige deutsche Kultur wachsen sollte. Er materialisierte sich unter Teilnahme von Rang, Buber, Däubler und Walther Rathenau im Sommer 1914 in Potsdam nur ein einziges Mal. Das „Geistesaristokratisch-Anarchistische“, das Gershom Scholem darin entdeckte, wirkte aber noch eine Weile unterirdisch fort.

Auf dem Totenbett bat Rang darum, Walter Benjamin möge sich um seinen Nachlass kümmern. Daraus wurde aus vielen Gründen nichts. Die Konvolute und Notizhefte gerieten in die Mühlen von Umzügen und Kriegsbomben, kamen über die 1944 gestorbene Witwe Emma an den Sohn Bernhard, der auch verschiedentlich über den Vater schrieb, und von da aus an dessen Sohn Adalbert Rang, einen mittlerweile emeritierten Pädagogikprofessor, der über die Familientradition hinaus früh eine intellektuelle Beziehung zur Welt seines Großvaters entwickelte.

Adalbert Rang hatte in Frankfurt am Main bei Theodor W. Adorno studiert und ihm einen Aufsatz gezeigt, in dem er Florens Christian Rang porträtierte. Adorno machte ihm das gönnerische Kompliment „Aber Herr Rang, Sie können ja schreiben!“ und vermittelte den Text 1959 an die „Neue Rundschau“, die in derselben Ausgabe den Briefwechsel zwischen Hugo von Hofmannsthal und Florens Christian Rang veröffentlichte. Aber es bedurfte erst eines neuen Interesses an Benjamin, um Rang wieder zu einem Thema zu machen. Vor allem Lorenz Jäger hat 1998 unter dem Titel „Messianische Kritik“ ebenso lesenswerte wie gut lesbare „Studien zu Leben und Werk von Florens Christian Rang“ (Böhlau Verlag) publiziert. Gerade in ihrer Skizzenhaftigkeit entwerfen sie ein lebendiges Bild dieses zerrissenen Menschen. Ein Glücksfall, dass Adalbert Rang den Nachlass jetzt als Zustiftung dem Berliner Walter-Benjamin-Archiv übereignet und zur öffentlichen Erforschung freigibt.

Was nun geschehen wird? Es ist unwahrscheinlich, dass aus den Aschen von Rangs Werk nachträglich eine Jahrhundertfigur ersteht. Die gedruckten Schriften über Shakespeare, Heinrich von Kleist, Don Quijote und Deutschlands Reparationszahlungen an Versailles geben dazu keinen Anlass, und die Manuskripte versprechen, soweit die Literaturwissenschaft sie schon gesichtet hat, eher Pathetischeres, Esoterischeres und Wirreres, als man es derzeit kennt. Für die Zwecke der intellektuellen Klimaforschung ist dieser Nachlass aber von größter Bedeutung. Im Vergleich mit Zeitgenossen wie Stefan George, der uns auf fast gefährliche Weise wieder nahe gerückt ist, und dem eine Generation älteren, von Rang rezipierten, doch erst heute gründlicher erforschten antisemitischen Kulturphilosophen Paul de Lagarde, lohnt es sich, den Blick auch auf diesen Exzentriker zu richten.

Die Eröffnung des Archivs wird heute um 11.30 Uhr in der Akademie der Künste am Pariser Platz mit einem Vortrag von Lorenz Jäger und einer Lesung von Hanns Zischler gefeiert.

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