Kultur : Der Mann und die Mütze

Eine Ausstellung in der Akademie der Künste Berlin würdigt den Dichter Edgar Hilsenrath

Jörg Plath

Die wichtigste Baskenmütze des Abends war in der Berliner Akademie der Künste nur mit Mühe zu sehen. Edgar Hilsenrath saß im Rollstuhl und mochte zur Eröffnung der ihm gewidmeten Ausstellung nicht wie angekündigt lesen. Also trug der Schauspieler Bodo Primus aus „Nacht“ vor, Hilsenraths „Lebensroman“ über die Zeit im Judenghetto von Moghilew-Podolsk 1941-44. Er erzählt vom Hunger, der den Menschen zum Tier werden lässt, und von der Zuneigung, die sich um der Glaubwürdigkeit willen als Eigennutz tarnt. Draußen reckte sich die Quadriga auf dem Brandenburger Tor, dahinter standen zwei Nationalfahnen neben der Reichstagskuppel steif im Wind. Der Kontrast konnte größer nicht sein. Es war die Inszenierung einer Heimholung in die Mitte der deutschen Kultur. Für den 79-jährigen Hilsenrath kommt sie gerade noch rechtzeitig.

Der Akademiepräsident tat sich schwer mit der repräsentativen Rolle seiner Institution. Adolf Muschg empörte sich in seiner Rede über das „So geht das nicht“-Verdikt des Literaturkritikers Fritz J. Raddatz zu Hilsenraths „Nacht“ (1964) und folgerte, die Deutschen ließen sich von Juden nicht vorschreiben, wie der Holocaust zu erinnern sei. Die nationale Erinnerungskultur wolle über die Opfer herrschen: „Verantwortung ist schon lange der Deckname der Macht.“ Was also sind Ausstellung, wissenschaftliches Symposium sowie die Übernahme des Hilsenrath-Archivs in die Akademie, dieses „Haus der deutsch-jüdischen Literatur“? Heroischer Widerstand!

Nun ist Hilsenrath nicht eigentlich verfemt: Sein Roman „Der Nazi und der Friseur“ (1977) ist berühmt, und nicht nur „Das Märchen vom letzten Gedanken“ (1989) über den Völkermord an den Armeniern war ein Publikumserfolg. Sein Fall liegt komplizierter. In Israel hat Yoram Kaniuk ganz ähnliche Schwierigkeiten wie sein Wahlverwandter Hilsenrath: Beide schreiben grelle, vulgäre, manchmal witzige, zuweilen auch platte Prosa über den nationalsozialistischen Judenmord.

Die deutsche Sprache lernte der 1938 mit Mutter und Bruder aus der Heimatstadt Halle in die Bukowina geflohene Hilsenrath ausgerechnet im Ghetto lieben. „Verliebt in die deutsche Sprache“ heißt die kleine Ausstellung in zwei Räumen des gläsernen Akademieneubaus. Wegen der Schwierigkeiten mit der Klimaanlage werden keine Originale präsentiert. DieTexte, Fotos und Faksimiles der bald durch 30 Städte tourenden Ausstellung sind auf graue Lkw-Planen gedruckt – eine passende Gestaltung für einen Autor, den es auf seiner Odyssee nach Deutschland, Rumänien, Palästina, Frankreich und in die USA verschlug. Kurator Helmut Braun rafft die ersten 25 Jahre Hilsenraths, um sich dann aufs Werk zu konzentrieren. Wie sehr der Überlebende mit seinem Stoff gerungen hat, zeigen vielfach überschriebene Manuskriptseiten. 1964 erscheint „Nacht“ bei Kindler. Die kleine Auflage ist bald vergriffen. Warum keine zweite folgt, geht aus Nina Raven-Kindlers Brief an Hilsenrath, der noch zu einer Erklärung anzusetzen scheint, nicht hervor.

Immerhin wird Hilsenrath im englischsprachigen Raum Auflagenmillionär, muss aber in New York weiter als Kellner arbeiten: Sein Taschenbuchverlag macht Pleite, ihm entgehen 167 000 Dollar Tantiemen. 1975 entschließt er sich zur Rückkehr nach Deutschland und tingelt trotz einiger Erfolge von Verlag zu Verlag, bis er 2004 im kleinen Dittrich Verlag eine Heimat findet. Im nächsten Frühjahr erscheint dort Hilsenraths Roman „Berlin Endstation“. 1990 porträtierte ihn das „Zeit-Magazin“ in seiner Berliner Küche: die unvermeidliche Mütze auf dem Kopf, auf dem Tisch die Schreibmaschine und ein halbes Landbrot. Nun ist der arme Poet in der Akademie angekommen.

Akademie der Künste, Pariser Platz, bis 15. 1., Di-So 11-20 Uhr. Katalog 19,80 €.

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