Kultur : Der Mao des Humors

Wer jemals persönlich mit dem Humoristen Ephraim Kishon zu tun hatte, der neigt zu der Ansicht, daß von allen menschlichen Eigenschaften es die Eigenschaft "Humor" ist, mit der Ephraim Kishon von seinem Schöpfer am wenigsten gesegnet wurde.Kürzer gesagt: Kishons Humor fließt vollständig in sein Oeuvre.Für sich selber behält er nichts übrig.Gerade bei Journalisten vermutet er gleich das Schlimmste.Als er im Pressegespräch gefragt wird, wieso sein neues Stück ausgerechnet in der Charlottenburger "Tribüne" uraufgeführt wird, stellt er, deutlich gekränkt, die Gegenfrage: "Sie meinen, warum dieses miese, kleine Theater?"

Kishons literarische Vorbilder heißen Franz Molnar, Jaroslav Hasek, Erich Kästner.Kishons Auflagenhöhe - man spricht von 40 Millionen, 28 davon im deutschsprachigen Raum - legt allerdings eher den Vergleich mit anderen Autoren nahe: Mao Tse-tung, Karl Marx, die Bibel.Auf die oft gestellte Frage, warum gerade die Deutschen seine Geschichten so sehr mögen, antwortet Kishon: "Ich bin eben ein Geschöpf Mitteleuropas." Auch in Tschechien oder Kroatien verkaufen seine Bücher sich gut, aber die Deutschen sind nun einmal zahlreicher.

Das neue Stück, sein neuntes, heißt "Der Vaterschaftsprozeß des Joseph Zimmermann".Kishon wird in Berlin selbst Regie führen, das hat er schon häufiger getan.Es geht um Joseph, der Gott vor Gericht anklagt, Vater jenes Kindes zu sein, das Josephs Ehefrau Maria zur Welt gebracht hat."Alle Figuren des Stückes sind Juden", sagt Kishon sehr ernst.Er wird auch noch sehr ernst sagen "der Mensch ist schlecht" und "mein Stück ist außerordentlich humorvoll".Alles typische Kishon-Sätze.

1919 ist die "Tribüne" mit einer Uraufführung eröffnet worden, mit "Der Retter" von Walter Hasenclever.Tilla Durieux, Marlene Dietrich und Hildegard Knef sind in der "Tribüne" aufgetreten, sogar der Schauspiel-Laie George Grosz.Die Uraufführung am 11.November könnte eines der letzten größeren Ereignisse in diesem Haus werden.Der Kultursenator hält die "Tribüne" für verzichtbar.1999 gibt es noch einmal zwei Drittel der gewohnten Subventionen, danach ist Schluß, so heißt es jedenfalls.In der "Tribüne" gibt man sich trotzdem optimistisch: "Das hat Herr Radunski zum Glück nicht alleine zu entscheiden." Einer von Radunskis Vorgängern, Werner Stein, ist Anfang der 70er Jahre schon einmal mit dem Versuch gescheitert, die "Tribüne" wegen "mangelnder künstlerischer Potenz" zu schließen.

Kishon ist 74 Jahre alt.Mehr als 30 Jahre lang hat er täglich eine Glosse für eine israelische Zeitung geschrieben, er war politisch einflußreich.Golda Meir und später Begin wollten ihn zum Informationsminister machen.Er lehnte ab, weil er die Kritiklust der Journalisten nicht ertragen kann.Das glaubt man ihm sofort."Ich schreibe heute besser denn je", sagt er über sich selbst, nur die Lust zum Schreiben habe nachgelassen.Natürlich wird er, der überlebende Jude aus Ungarn, nach dem Holocaust-Mahnmal gefragt."Ich bin Israeli", antwortet er, "und als Tourist hier.Ich hätte es auch nicht gerne, wenn ein Tourist aus Berlin sich in Israel über israelische Innenpolitik äußert." Diese Zurückhaltung gelingt ihm nur eine Minute lang.Dann sagt er, es sei "ein schlechter Witz", wenn es in den USA Holocaust-Museen gäbe statt in Deutschland.Und er spricht über seinen Haß auf die Nazis: "Nazis sind der Abschaum der Menschheit." Das Thema bereitet ihm sichtlich Mühe.Es gibt viele mögliche Gründe dafür, daß jemand zum Humoristen wird, auch ernste.

mrt

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