Kultur : Der Marathon-Mann

Frederik Hanssen

Konrad Beikircher hat einen komischen Konzertführer geschrieben und moderiert den längsten Philharmoniker-Abend der Saison

Wenn das kein nachgerade preußisches Arbeitsethos ist: Während seine KarnevalsKumpanen noch den Aschermittwochs-Blues singen, macht sich Konrad Beikircher aus dem Rheinland auf, um in Berlin ein Mega-Konzert zu moderieren. Was den Kunstfreunden ihre "Lange Nacht der Museen", ist den Klassikfans ihr alljährlicher Musik-Marathon im Kammermusiksaal. Dabei ist der Vergleich mit dem 42-Kilometer-Marsch noch untertrieben: Fast neun Stunden Klassik nonstop werden am Sonnabend ab 14 Uhr geboten. Die Tickets kosten 20 Euro. Ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis lässt sich nicht bieten - zumal der Großteil der Ausführenden sich aus Berliner Philharmonikern rekrutiert.

In diesem Jahr steht Ludwig van Beethovens Kammermusik im Zentrum. Mit dem Komponisten verbindet Konrad Beikircher einiges: Während der gebürtige Bonner Beethoven vom Rheinland in die Welt auszog, verschlug es den zeitweiligen Wahl-Wiener Beikircher, der eigentlich aus Südtirol stammt, in das einstige Regierungsstädtchen. Seitdem ist der Kabarettist davon überzeugt, dass allein sein Bonner-Sein dafür verantwortlich gewesen sein muss, dass Beethoven in der Hauptstadt des k. und k. Österreich überlebte: "Uns Ludwig war ein mit allen Wassern des damaligen Showbiz gewaschener Tastenlöwe, er pflegte sein Image als bärbeißiger Frauenheld durch betont unkonventionelles Verhalten, im Geschäftsleben war er ein durchtriebenes Schlitzohr, dem (fast) jedes Mittel recht war, er hatte den typischen rheinischen Blick fürs Reale und entsprechenden Humor, und er war natürlich Alkoholiker, aber hallo!"

Was Konrad Beikircher sonst noch so alles zum "Kevin Costner der Wiener Klassik" sowie zu den weiteren wichtigsten Komponisten der Musikgeschichte einfällt, hat der klassikbegeisterte Kabarettist jüngst in einem Konzertführer zusammengefasst. Unter dem Titel "Andante spumante" macht er sich mit Liebe und Sachkenntnis - er wäre fast Profigeiger geworden - über die beliebtesten Stücke des Repertoires her, erklärt, wo die "Hits" und wo die "Flops" der Kompositionen liegen, weiß, für welche Gelegenheiten sich welche Werke besonders gut eignen, erzählt manche Anekdote und gibt außerdem Tipps für die Pausenkonversation. Und weil Konrad Beikircher ein Plauderer vor dem Herrn ist, passten seine Gedanken zur Musik natürlich nicht in einen Band, weshalb die Fortsetzung im März von Kiepenheuer & Witsch nachgeschoben wird. Ludwig van Beethoven folgt in Beikirchers historischer Chronologie auf Bach, Haydn und Mozart - und so kann, wer mag, sich schon im Voraus lesend auf den Sound einstimmen, der am Sonnabend beim Philharmoniker-Marathon zwischen den Stücken zu hören sein wird.

Einer der größten Fans von Beikirchers durchaus auch mal zweideutigem Humor ist übrigens Philharmoniker-Intendant Franz Xaver Ohnesorg. Kennengelernt haben sich die beiden in Köln, wo Ohnesorg die dortige Philharmomie leitete. Als der Musikmanager dann - wie Beikircher es formuliert - "in extremer Weise linksrheinisch beschäftigt war" (nämlich in der New Yorker Carnegie Hall) - verlor man sich etwas aus den Augen. Nun könnte die Berliner Philharmonie zur ständigen Vertretung des rheinischen Humors in der hauptstädtischen Musikszene werden - wenn seine "zugegebenermaßen unkonventionellen Komponistenporträts" (Ohnesorg im Vorwort zu Beikirchers Buch) in der Hauptstadt ebenso gut ankommen wie in Köln.

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