Kultur : Der Maskenbildner

Frankreichs Starphilosoph Jean Baudrillard zeigt in Kassel seine Fotografien

Oliver Heilwagen

Er ist der Mann, der den Kulturpessimismus der Frankfurter Schule für das multimediale Zeitalter neu formulierte. Jean Baudrillards bittersüßer Nihilismus, sein Glaube an die „permanente Simulation“, verlieh einer Haltung zeitgemäßen Ausdruck, die eine Generation zuvor mit Adorno noch „universeller Verblendungszusammenhang“ genannt worden war.

Buchtitel wie „Aufstand der Zeichen“ oder „Agonie des Realen“, die Ende der Siebzigerjahre Umschläge von Merve-Bändchen schmückten, machten den 1929 in Reims geborenen Denkerzum viel zitierten Feuilletonstar, und an den Diagnosen seines im Original 1976 erschienenen Großwerk „Der symbolische Tausch und der Tod“ bissen sich viele die Zähne aus, die erst allmählich mit den Denkfiguren des französischen Poststrukturalismus vertraut wurden.

Zu fotografieren begonnen hat er Anfang der Achtzigerjahre, erst nebenbei, vor allem auf ausgedehnten Reisen, die ihn von seiner Professur für Soziologie in Paris-Nanterre aus in alle Welt führten, dann mehr und mehr aus Passion. Rund 100 Arbeiten sind derzeit in der Kasseler Kunsthalle Fridericianum zu sehen: Es ist Baudrillards erste Ausstellung in Deutschland – in Graz wurden seine Arbeiten bereits 1999 gezeigt – und zugleich seine bislang größte.

Sein Katalogbeitrag bündelt noch einmal zentrale Motive seines Denkens: Die Daten- und Bilderflut der Kommunikationskanäle produziert einen Bedeutungsüberschuss, der jeden zerstreut und überfordert. In dieser „Hyperrealität“ ist uns der unmittelbare Kontakt zur Wirklichkeit abhanden gekommen.

Einen Ausweg aus dem Spiegelkabinett der Illusionen sucht Baudrillard nun ausgerechnet in der Fotografie: Als unwiederholbare Momentaufnahme einer Konstellation, die längst verschwunden ist, biete sie einen nicht manipulierten Zugang zu den Dingen. „Die Fotografie“, hat er, dem Kult der Oberfläche verfallen, einmal gesagt, „ist unser Exorzismus. Die primitive Gesellschaft hatte ihre Masken, die bürgerliche Gesellschaft ihre Spiegel. Wir haben unsere Bilder.“

Man kann Baudrillards Fotos als betörend schöne Vanitas-Darstellungen genießen. Ob in Lateinamerika, auf den Komoren oder in der französischen Provinz: Überall hält er Spuren der Vergänglichkeit allen Seins fest. Meist wählt er Nahansichten von Details, die ort- und zeitlos scheinen, und schwelgt in satten Komplementärfarben und dramatischen Hell-Dunkel-Kontrasten.

Oft scheint die Abendsonne und überzieht die Stadien des Verfalls mit goldenem Schimmer: abblätternde Farbe, verwitternder Putz, Algenbewuchs und Rostfraß. Die Nähe zum Edelkitsch hat aber nichts Abschreckendes: Dafür sind die Objekte zu unspektakulär. Baudrillard ist fasziniert von Symbolen der Flüchtigkeit und des Übergangs wie Eisblumen, Schiffsrümpfen und Autowracks. Wenn Menschen auftauchen, dann nur als Schatten ihrer selbst.

Das trifft auch auf seine Selbstporträts zu: Den alt werdenden Körper schonungslos entblößt, das Gesicht hinter der Kamera verborgen, lichtet Jean Baudrillard sein Spiegelbild ab.

Kassel, Kunsthalle Fridericianum, bis 29. Februar 2004. Katalog 15 €.

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