Kultur : Der Maskenspieler

Zeige nie dein wahres Gesicht: Jörg Magenau porträtiert Martin Walser

Meike Fessmann

Martin Walser ist der klassische homo ludens, ein Spieler, ein Verführer, das Gegenteil des homo oeconomicus, der Kosten und Nutzen abwägt. Will man sein Lebenswerk auf den Begriff bringen – und das möchte man nach der Lektüre von Jörg Magenaus detailgetreuer Biografie unbedingt –, dann gibt es nur einen Begriff, der alles umfasst: das Spiel. „Gegenüber den Regeln eines Spiels ist kein Skeptizismus möglich“, schrieb schon Johan Huizinga in seiner grundlegenden Kulturgeschichte des Spiels. Das Spiel steht jenseits der Sphäre der großen kategorischen Gegensätze, jenseits von Gut und Böse, jenseits von Wahrheit und Lüge. Es ist dem Mythos verwandt, dem Kult, es zehrt von den Überresten des Heiligen. Martin Walsers Werk und seine öffentlichen Auftritte sind nicht von wirtschaftlicher Zweckmäßigkeit bestimmt. Es sind Verausgabungsgesten. Der gerechte Lohn für eine geleistete Arbeit interessiert ihn so wenig wie die Abschöpfung eines kalkulierbaren Mehrwerts. Ihn reizt der höchste Einsatz und, mit Fortunas Hilfe, der höchste Gewinn. Den Nervenkitzel des Risikos braucht er ebenso wie den Genuss des absoluten Einverständnisses.

Dass das schief gehen kann, ist bekannt. Wer so hoch pokert, stürzt immer wieder ab (nicht zufällig heißt der dritte Roman der Kristlein-Trilogie „Der Sturz“). Die Stürze der letzen Jahre haben sich eine Zeit lang wie ein Fluch vor das Werk geschoben. Kaum war Martin Walser als Schriftsteller der deutschen Vereinigung auf der Höhe seines Ruhms, verspielte er, ausgerechnet im Zusammenhang mit der Auszeichnung, die diesen Status festigen sollte, den späten Triumph. Zur Feierstunde des am 11. Oktober 1998 an ihn verliehenen Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche hielt er keine wohl ausbalancierte, dem Anlass angemessene Rede. Er wollte es wissen: Durfte er nun, mit solchen Weihen ausgestattet, endlich alles sagen, was er denkt, nämlich dass die Medien Auschwitz missbrauchen? Nein, er durfte nicht, beschied ihm die Öffentlichkeit. Wer allerdings Kalkül dahinter vermutet, etwa jenes, Walser habe bewusst ein Tabu gebrochen, um in die Schlagzeilen eben der Medien zu kommen, die er anprangerte, der liegt falsch. Denn wer Auszeichnungen ernst nimmt, und das wird ein Spieler immer tun, der glaubt an die Magie ihrer Wirkung. Einmal den Bannkreis innerer Aufrichtigkeit ins Öffentliche ausdehnen dürfen: das wäre der Hauptpreis gewesen.

Es scheint so, als werde nun mit der Biografie Jörg Magenaus, begleitet von einer Ausstellung im Münchner Literaturhaus, eine neue Phase der Walser-Rezeption eingeleitet. Die mediale Erregtheit nach der Paulskirchenrede und dem Roman „Tod eines Kritikers“ ist abgeklungen. Die innere Logik seines Lebenswerks rückt nun, kurz vor seinem 78. Geburtstag am 24. März, ins Zentrum des Interesses. Der Literaturkritiker Jörg Magenau, der bereits eine Biografie über Christa Wolf geschrieben hat, schildert den Weg Martin Walsers mit beispielhafter Gründlichkeit. Intime Enthüllungen und Profilierungen auf Kosten seines Gegenstands, denn das wird ja ein Leben in der Anschauung eines anderen, darf man von dieser Biografie nicht erwarten. Jörg Magenau versammelt vor allem bereits publiziertes Material, das er kenntnisreich zur Interpretation darbietet. Er selbst deutet und wertet so wenig wie möglich. Es gab mehrere Gespräche mit Martin Walser, die der Autor in seinem Vorwort treffend als eine „aufwendige Näheproduktion“ charakterisiert. Wer auch nur eine gelinde Vorstellung von Walsers Verführungskünsten besitzt, und die vermittelt Magenau bei aller Zurückhaltung schon im Vorwort, der wird zu schätzen wissen, dass der Biograf dem Sirenengesang seines Helden nicht erlegen ist, sondern sich entschlossen an den Mast der Nüchternheit gekettet hat. Das geht manchmal auf Kosten des Esprits. So ist es eben.

Für das Innenleben Walsers interessiert er sich mit Vorsatz nicht. Stattdessen bettet er Leben und Werk in die Geschichte der Bundesrepublik ein. Gelegentlich spürt man einen gelinden Neid, wie leicht es die Alten hatten, als sie jung waren: „Was für ein historisches Glück, einer Generation anzugehören, die sich ihre Plätze in der Gesellschaft nicht erobern musste.“

Martin Walser war 22 Jahre alt – und saß mit Siegfried Unseld, Walter Jens und Johannes Poethen in den Tübinger Seminaren Friedrich Beißners –, als er wie nebenbei seine Karriere beim neu gegründeten „Süddeutschen Rundfunk“ begann, zunächst als Radioreporter, später beim Fernsehen. Er gehörte zur „Genietruppe“, zu der 1955 auch Alfred Andersch, der sehr junge Hans Magnus Enzensberger und Helmut Heißenbüttel stießen. Durch seine Reportagen erhielt er Einblick in die unterschiedlichsten Gesellschaftsbereiche, über die illustren Gäste im Funkhaus machte er sich Notizen. Als er nach dem Erzähldebüt „Ein Flugzeug über dem Haus“ an seinem ersten Roman arbeitete, hatte er Material genug. „Ehen in Philippsburg“ erschien 1957, schon als Rohfassung mit dem Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet. Siegfried Unseld, der Freund und Verleger, hatte dafür gesorgt.

Zwischen Kafka und Proust hin und her gerissen, hat Martin Walser zwar früh schon sein Thema, aber nicht gleich seinen Stil gefunden. Als erklärter Kleinbürger, seine Eltern hatten ein Gasthaus in Wasserburg, wird er zum Kritiker der Wirtschaftswunderwelt. Mit ihm hielt die Gegenwart Einzug in die Gruppe 47. Zunächst durfte er nur als Reporter teilnehmen, als er aber endlich dazugehörte, war die Kluft deutlich: Kriegsaufarbeitung hier, Gegenwartszugewandtheit dort. Ganz wesentlich gehört das zum Phänomen Martin Walser: Die langsam sich konsolidierende, allmählich in Sattheit schwelgende, mit ihren Kindern in einen Dauerclinch geratende Aufsteigergeneration der Bundesrepublik fand in seinen Büchern ein kritisches Spiegelbild. Wer ungefähr im Alter von Walsers Töchtern ist, also zwischen 1952 und 1966 geboren wurde, und lesende Eltern hatte, der erinnert sich vielleicht noch an deren Freude, wenn sie annehmen konnten, bei Walsers – da wurde flugs von der Literatur aufs Leben geschlossen – gehe es genauso nervenaufreibend zu wie bei ihnen. Und auch das gehört zum Phänomen Walser: Alle vier Töchter sind dem Metier des Vaters treu geblieben, Alissa, Johanna und Theresia als Autorinnen, Franziska als Schauspielerin.

Die Familie am Bodensee und das freie Dasein eines Schriftstellers auf Reisen, der in Berlin und München gern gesehener Gast der Künstlerzirkel ist: So lässt es sich leben, streiten, schreiben. Über Vietnam, den Auschwitz-Prozess, die Studentenrevolte, über den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die CSSR, über DKP und SPD, den Gulag, die Ostverträge und das Spionagenetz der DDR. Die Freundschaft mit Unseld hat, über alle Verletzungen hinweg, bis zu dessen Tod gehalten, ernsthaft getrübt erst durch die Trennung Unselds von seiner Frau. Hilde Unseld und Käthe Walser waren das geduldig starke Frauen-Duo im Hintergrund der berühmten Männer. Die langjährige Freundschaft mit Uwe Johnson – Magenau porträtiert die beiden als „anhängliches und zänkisches“ Paar – ging nicht zuletzt am Konkurrenzverhältnis der beiden Schriftsteller zugrunde. Beide hätten wohl „die Beziehung zum Verleger am liebsten streng monogam geführt“.

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, Gorbatschows berühmter Fingerzeig an Honecker, könnte gut das Motto dieser Biografie sein. Martin Walser war seiner Zeit oft voraus. Im Herbst sollen die ersten Bände der jahrzehntelang geführten Notizbücher erscheinen. Man darf gespannt sein, wie der Autor selbst Leben und Werk ins Verhältnis setzt. Das Maskenspiel ist nicht zu Ende.


Dieses Buch bestellen Jörg Magenau: Martin Walser. Eine Biographie. Rowohlt Verlag, Reinbek . 623 Seiten, 24,90 €.

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