Kultur : Der Mauerbau: Die Wahrheit hat viele Gesichter

Kerstin Decker

Mauern schützen vor einem Feind. Durch die Geschichte hindurch war der Feind immer draußen. Vor dem Limes des Römischen Reiches. Oder vor der Stadtmauer. Erst die DDR brach mit dieser Mauer-Philosophie. Ihr "antifaschistischer Schutzwall" stand ja falschrum! Die Abwehr ging nicht gen Westen. Sie ging nach innen. Die Mauer zeigte: der Hauptfeind der DDR befand sich innerhalb der Mauer. Der Feind der DDR waren wir, ihre Bürger.

Was gibt es hier noch zu verstehen? Es hat wahrhaft eine tief groteske Seite, für einen differenzierteren, "gerechteren" Blick auf die Mauer zu plädieren. Gerechtigkeit für dieses Monument der Ungerechtigkeit, des Hohns dem einzelnen Leben gegenüber? Sind Mauern mit Stacheldraht etwa differenziert? War das Sterben dort differenziert?

Man kann jeden verstehen, der das betongewordene Eingeständnis des Scheiterns des Betonsozialismus, nicht mehr als diesen einen Gedanken verschwenden will: Nie wieder!

Zum Thema Fototour: 40 Jahre Mauerbau Und doch sollte man heute anders über die Mauer reden als vor zwölf Jahren, als sie fiel. Keine Zeit kann alles sagen. Vielleicht gibt es Wahrheitsfenster - man sieht zu verschiedenen Zeiten bestimmte Wahrheits-Ausschnitte. Jeder geschichtliche Augenblick hat eine Pflicht gegenüber dem, was er bemerken könnte. Es wäre absurd und makaber gewesen, die Mauer 1989 auf ihre historische Unvermeidbarkeit hin zu betrachten. Und wer das jetzt unternimmt, legitimiert er nicht schon das ganz und gar Unlegitimierbare? 1989, das war die Stunde der Befreiung, des Gedenkens an ihre Opfer. Der späten Gerechtigkeit gegenüber jenen, denen keine Gerechtigkeit mehr half. Plötzlich konnte man tanzen auf dem Monument der Menschenverachtung. Und wir waren, was Menschen nicht eben sehr häufig sind - Sieger der Geschichte.

Denn normalerweise benutzt sie Menschen als ihr Material. Man kann Geschichte nicht moralisch begreifen. Moderne Demokratien, mit ihrem moralisch-juristischen Blick von den Rechten des Einzelnen her haben vielleicht nur einen Mangel: Sie besitzen keinen wirklich geschichtlichen Sinn. Sie existieren autonom. Sie verstehen vor allem sich selbst - das demokratisch Legitimierbare.

Geschichte aber ist die undemokratische Einrichtung schlechthin. Wenn unsere Kinder heute im Geschichtsunterricht Briefe an die Stadt Aachen schreiben mit der Frage, was Aachen denn wohl dazu bringe, den Karlspreis zu verleihen, ob sie denn nicht wisse, dass Karl der Große ein großer Völker-Unterdrücker und kein Demokrat war - dann ahnt man einiges von den Aporien, die hier verborgen liegen. Und wenn die alte neue Bundesrepublik jetzt an die Mauer denkt, dann denkt sie mitnichten an ihre eigene Vorgeschichte. Sie erkennt in diesem Bauwerk nicht das Mal der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Knoten der Geschichte

Der sächsische PDS-Vorsitzende Peter Porsch hatte das unlängst versucht. Die Öffentlichkeit schrie auf und tippte auf eine besondere Gemeinheit und das alte Dunkelmännertum der PDS. Hat sie also noch immer nichts gelernt. Von der "friedenserhaltenden Wirkung" der Mauer hatte Porsch gesprochen. Er sagte noch vieles andere, aber das hörte man nicht. Für den, der nicht vertraut ist mit deutscher Nachkriegsgeschichte, klingt "friedenserhaltende Wirkung" in der Tat wie ein Schlag ins Gesicht der Opfer. Und nicht mal entschuldigen will sich die PDS für die Mauer.

Porsch trat als sächsischer PDS-Landesvorsitzender zurück, und es ist schon richtig - manche Wahrheiten aus manchen Mündern klingen von vornherein irgendwie falsch. Die Frage ist nur, ob das bloß ein Problem der PDS ist oder auch eins unserer zur Hysterie neigenden Öffentlichkeit.

Was also konnte man wissen? Es ist das, was die alte, neue Bundesrepublik bis heute nicht wirklich wissen will. Wenn bei Verteidigungsminister Franz Josef Strauß noch im Sommer des Mauerbaus amerikanische Anfragen eintrafen, welche Ziele in der DDR sich denn besonders gut für einen amerikanischen Atombombenabwurf eignen würden, dann darf das Wort "friedenserhaltend" als kongeniale Beschreibung eines Zustandes gelten, der solche Anfragen fortan überflüssig machte. Sollte die Erleichterung selbst mancher bekennender Antikommunisten über die aufgemauerte West-Ost-Stabilisierung nicht Hinweis genug dafür sein, dass hier ein veritabler Geschichtsknoten vorlag?

Jeder wusste damals, dass die DDR handeln musste, wollte sie sich als eigenes Staatswesen behaupten. Und welcher Staat sieht dem eigenen Untergang tatenlos zu? Das Nichtzusehen-Können definiert ihn als Staat. Genau als solchen wollte ihn das Adenauer-Deutschland nicht anerkennen. Aber es wollte auch Deutschlands kriegsbedingte neue Ostgrenze nicht anerkennen, die nun an der Oder-Neiße verlief und es um ein Drittel kleiner machte. Dem Adenauer-Deutschland schien das unannehmbar. Auch zeigte es sich wenig geneigt, die Sowjetunion als Siegermacht zu akzeptieren. Würde heute noch eine ernstzunehmende politische Kraft den östlichen Grenzverlauf in Abrede stellen? Und bestreiten, dass zwanzig Millionen tote Russen der Sowjetunion einen durch nichts zu relativierenden Anspruch gaben auf das von ihm besetzte Stück Deutschland? Erst die Ostpolitik Brandts führte aus dieser deutsch-deutschen Sackgasse heraus, die eine deutsch-russische Sackgasse war. Und Kohls Einigungspolitik 1990 wäre ohne sie nicht möglich gewesen.

Die DDR war - und blieb - das Unterpfand des Sieges der Sowjetunion, die anfangs selbst nicht glaubte, dass sie dieses Stück Deutschland behalten konnte. Wahrscheinlich hätte sie es sonst auch nicht bis auf die letzte Schraube de-industrialisiert, weil ein Marshall-Plan dort und die Fortnahme des letzten Zahnrads hier höchst ungleichgewichtige Ausgangsbedingungen sind für einen Wettbewerb der Systeme.

Ulbricht hatte sich bei Stalin beschwert, dass er den Aufbau des Kommunismus im Osten nurmehr als Drohmittel gegen Adenauer einsetzte. Eine deutsch-deutsche Konföderation, verbunden mit dem Status der Block-Neutralität, war die von Moskau lange favorisierte Lösung. Das Schicksal des Ostens war besiegelt, als die Bundesrepublik 1952 dem westlichen Verteidigungsbündnis beitrat. Die Zwangssowjetisierung begann.

Adenauer hatte gehofft, der Osten würde schon von allein ausbluten. Das tat er auch sehr folgerichtig. Es sei denn, man schloss die Grenzen. Für den Fall, dass die Russen Westberlin zur "freien Stadt" erklärt - und damit die Kontrolle über alle Zugangswege nach Westberlin beansprucht - hätten, behielten sich die Amerikaner, schon aufgrund ihrer damaligen militärischen Überlegenheit, die Atombombe vor. Und signalisierten zugleich, dass sie eine Selbstabschottung des Ostens dulden würden. Mit dem Mauerbau reagierten die Russen auf die amerikanischen Bedingungen. Zur historischen Wahrheit heute, nach vierzig Jahren, gehören diese Zusammenhänge. Nicht, weil sie die Kommunisten nachträglich legitimieren. Aber weil sie zum - begriffenen - Ende des Kalten Kriegs in den Köpfen gehören.

Die Mauer war das steingewordene Symbol der deutschen Nachkriegs-Aporie, des Kalten Kriegs, und sie wurde das allen sichtbare Mahnmal des Scheiterns der DDR. Denn erst nach 1961 bekam das Land Gelegenheit, ganz aus eigener Kraft unterzugehen. Erst jetzt durfte es wirklich zeigen, dass es sich selber keine Chance gab. Es bewies allen Hoffenden, die nach der Kriegskatastrophe einen besseren Neuanfang wollten, dass sie Träumer waren. Es gab sehr viele Träumer im Osten. Länder mit Mauern drumherum bringen diesen Typus hervor.

Wir Mauerbauer

Man sieht inzwischen auch, wie sehr die Geschichte der DDR in der Tat die Geschichte der alten Bundesrepublik ist und umgekehrt. - Es gibt ja lange schon diesen inständigen Wunsch auf Ost-Seite, der Westen möge doch die DDR-Geschichte als Teil seiner eigenen begreifen. Der Westen verstand das nie. Was, er soll sich plötzlich als Mauerbauer fühlen? Klingt nach deutsch-deutscher Therapiegruppe, aber doch niemals nach Realgeschichte.

Die Folgelast des Hitler-Krieges hat der Osten getragen, soviel ist richtig. Und auch das sollte man sehen: Die Diktatur im Osten war eine Diktatur der Opfer. Die Mauerbauer blieben verfolgende Verfolgte bis zum Schluss. Aus Hitlers Lagern brachten sie ihre Haftpsychose, dieses Weltbild der Verschwörungen mit, und so sah ihr Staat dann auch aus. Die DDR - eine staatgewordene Psychose. Beinahe liegt ein Moment von Tragik darin. Die in den faschistischen Gefängnissen saßen, kannten selber nur Gefängnisse als Antwort. Der Satz "Kommunisten sind rotlackierte Faschisten" beschreibt denselben Sachverhalt, jedoch als geistigen Kurzschluss.

Vielleicht hat die formal-juristische Konstruktion der Sammelklagen, mit denen man in Amerika Geschichte "bewältigt", ja auch Vorteile. Der Osten könnte rückwirkend die alte Bundesrepublik verklagen, wegen leichtfertiger und vorsätzlicher Auslieferung an die Russen 1952. Denn Adenauers Kalkül war schon zynisch: Die gehen von allein unter! Nur dass es so lange dauern würde, damit hatte er nicht gerechnet.

Historisch denken, bedeutet momentweise absehen können von sich selbst und dem Unrecht, das einem widerfuhr. Die Hitler-Opfer mit ihren kommunistisch engen Stirnen konnten das nicht; auch manche DDR-Opfer entkommen den Schatten ihrer Vergangenheit bis heute nicht.

Die Demokratie macht uns nicht automatisch klüger, nur weil niemand mehr unser Bewußtsein einzumauern versucht. Bewußtsein ohne Grenzen? Das wäre ein anderer Name für Schwachsinn. Weil Denken sich an den Grenzen bildet, die es überschreitet. Nur dürfen niemals Mauern daraus werden.

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