Kultur : Der Mauersprüher

Mit seinen bunten Eierköpfen wurde Thierry Noir weltberühmt. Heute kämpft er gegen ihren Verfall

Maxi Leinkauf

Immer wieder hörte er diesen Song. „In Berlin, by the Wall it was so nice, it was Paradise“, sang Lou Reed. Es zog sie alle nach Berlin: Iggy Pop, David Bowie und viele andere. Was war so magisch an dieser Stadt?, fragte sich Thierry Noir. Warum wollten die nach Berlin, nicht nach Lyon, wo er war? Es ließ ihm keine Ruhe. Noir musste auch da hin.

Unter den klaren blauen Augen laufen schwarze Ringe, das halblange, mattblonde Haar ist zerzaust. Thierry Noir steht im Hausflur vor seiner Wohnungstür in Kreuzberg. Er hat sich ein zerknittertes schwarzes Jackett übergeworfen. „Gehen wir in mein Atelier“, sagt er leise. Er öffnet die Eisentür gegenüber der Wohnung, und da sind sie schon: lang gezogene Köpfe mit prallen Lippen. Sie leuchten grün, rot, blau und gelb von den frisch bemalten, viereckigen Leinwänden. So kennt man die comicähnlichen Figuren auch von der East-Side-Gallery.

Thierry Noir kam 1982 mit zwei kleinen Koffern am Bahnhof Zoo an. „Ich hatte große Angst, sah nur gelbe Kacheln und grelles Licht. Die Leute sahen fertig aus.“ Hätte er Geld gehabt, er wäre sofort wieder abgefahren. Er ging erstmal ins Pressecafé, lief dann die Kurfürstenstraße herunter, die Adresse eines Unbekannten in der Tasche. Der wusste aber nichts von dem Besuch aus Frankreich. Drei Tage später flog Noir aus der Wohnung. Kein Paradies, nirgends. Er wanderte weiter und stand dann plötzlich vor der Mauer. Ein paar Schritte weiter, im Jugendzentrum Georg-von-Rauch-Haus gab es freie Zimmer, Thierry Noir zog ein. „Um mich herum sagte jeder, er sei Künstler. Also sagte ich das auch, wenn man mich fragte.“ Die Toiletten befanden sich am Ende des Korridors, das Wasser auch. Von seinem Fenster sah er jeden Tag auf die Mauer. Eines Abends reichte es Noir. Er rief seinen Kumpel Christophe an, sie griffen sich ein paar Sprühdosen und fingen an, wild drauflos zu malen. „Ich musste was gegen dieses Monstrum tun, um nicht irre zu werden.“ Sie beeilten sich: die Grenzpatrouillen wachten auf der Spree rund um die Uhr: „Es war ein brutales Leben.“

Thierry Noir sitzt in seinem Wohnzimmer gegenüber vom Victoriapark. Der Raum ist spärlich möbliert, der Fernseher steht in der Mitte auf einem Podest, die Tagesschau läuft. Vier Computer stehen in diesem kahlen Zimmer, das improvisiert wirkt. Die sind seine Arbeitsinstrumente – Noir geht mit der Zeit. Im Internet präsentiert er seine Bilder in virtuellen Galerien, bastelt an der Homepage der echten Ausstellungsräume und stellt Gedichte und Fotos ins Netz. Erst vor zwei Jahren hat er das Rauchhaus verlassen, da war er 44 Jahre alt. Die meisten seiner früheren Bekannten sind so weit nicht gekommen, sie scheiterten im vermeintlichen Paradies: Drogen, Armut, Depressionen.

Noir hat seine bunten Figuren später auch auf Papier gemalt, sie verkauften sich gut in Kneipen und Restaurants. Noir lehnt sich zurück und nimmt einen großen Schluck Bier aus der Büchse. „Ohne meine Bilder hätte auch ich nicht überlebt“, sagt er. Wie die meisten in der Szene hing er damals oft im Plattenladen in der Großbeerenstraße 29 herum. Eines Nachmittags 1987, kam Wim Wenders durch die Tür. „Wim wusste noch gar nichts von Berlin, er kam gerade aus Texas“, sagt Noir. Sie plauderten ein bisschen, dann engagierte der Regisseur den Franzosen als Statisten für den Film: „Der Himmel über Berlin“. Noir spielt darin sich selbst.

Die Zeit ist auch über Thierry Noirs Porträts hinweggegangen. Die Fassade der East-Side-Gallery bröckelt seit Jahren vor sich hin, die Farbe verblasst. Also muss der Maler seine Bilder selbst retten. Und das tut er. Dann schnallt er zwei Metalleitern auf den Dachgepäckträger seines VW, packt Acrylfarbe ein und fährt zur Mauer. Das Gelb, Blau, Rot und Grün füllt Noir dort in Plastikeimer um. Für die schwarzen Linien benutzt er eine speziell angefertigte Farbe, die nicht tropft.

Früher, als er noch sprühte, bekam er Kopfschmerzen. Wenn er seine Bilder renoviert, wird Thierry Noir häufig angesprochen. Eine Firma hat ihm ein spezielles Antigraffitymittel gesponsert. Demnächst will er damit die Rückseite der Mauer glasieren, wegen der Feuchtigkeit. Sie zieht in den Beton ein und dann rosten innen die Metallstäbchen, der Beton platzt: das Ende für Noirs Malereien.

Die Eierköpfe wurden nach der Wende zu Kultobjekten. Jeder hat sie irgendwo schon gesehen, Schauspieler Otto Sander erstand eines in der Paris Bar. Als Noir aber anlässlich einer Gedenkfeier zum 13. August Angela Merkel ein Bild schenkte, gab sie es gleich den Bodyguards. „Sie war vollkommen gleichgültig.“

Andere kümmert es nicht, dass es Urheberrechte gibt. Noirs Motive werden einfach benutzt, Peugeot verwendet die Eierköpfe für eine globale Werbekampagne. Das fiel der Verwertungsgesellschaft Bildkunst auf. Sie riefen bei Noir an: Sind das nicht Ihre Bilder? Auch das Mauermuseum am Checkpoint-Charlie verkauft Postkarten und T-Shirts mit Noir-Motiven, ohne sein Einverständnis. Thierry Noir ging vor Gericht: Mitte November beginnt der Prozess gegen das Mauermuseum. Er ist sicher, er wird gewinnen.

Lou Reed ist längst aus Berlin weg, wie all die anderen. Thierry Noir muss bleiben, er besitzt jetzt eine Galerie. Er wird noch gebraucht. Von seinen Bildern.

Austellung: „Zwei Ideen, drei Farben“, Galerie Noir, Nollendorfstr. 10 (Schöneberg), Mo–Fr 10–18.30, Sa. 10–14 Uhr, bis 25. November. Tel.: 215 70 27

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