Kultur : Der Meisterträumer

HANS-JÖRG ROTHER

Yorik, Andrej und Marta sind ein junges, vergnügtes Triangel, in dem Yorik den Hauptspaßmacher und ersten Liebhaber des jüdischen Mädchens abgibt.Als er dem etwas schüchternen Andrej genügend zugeredet hat, auch endlich das Lager mit Marta zu teilen, wird bitterer Ernst aus dem Spiel der "Vögel, Waisen und Narren" - so der Titel von Juraj Jakubiskos 1969 in den Tresor gewandertem Hippiefilm.Am Ende sucht Yorik mit dem von ihm erdrosselten, schwangeren Mädchen in der Donau ein nasses Grab.

Da war Truffauts "Jules und Jim", der das Muster vorgab, schon sieben Jahre alt - und der 29jährige slowakische Jungregisseur Jakubisko schwebte im Freiheitsrausch des Prager Frühlings.Fröhlich zertrümmert er in seinem zweiten Film die Konventionen der Dramaturgie (um ihnen am Ende doch wieder zu verfallen); darin zaubert er eine phantastische Landschaft aus verfallenen Häusern, alten Möbeln und einer Müllhalle mit Bergen von Filmstreifen, auf denen er den Untergang von Mosfilm und Hollywood gleichermaßen prophezeit, plündert den Fundus der Lumpenkostüme und ordert flott folkloristische Musikzitate, wenn die Geschichte nicht von der Stelle kommt.Hinter diesem Feuerwerk originellster Einfälle steckte der Mut eines Verzweifelten, der dann in dem 1970 abgebrochenen Folgewerk "Auf Wiedersehen in der Hölle, Freunde" deutlich über das Ziel hinausschoß.Daraufhin erteilten ihm die Filmgewaltigen des Landes für neun Jahre Berufsverbot.

Dreiecksgeschichten bilden das Grundmotiv aller Filme des Meisterträumers der hierzulande viel zu wenig bekannten poetischen Filmszene der Slowakei.In Jakubiskos großartigem Debüt "Christusjahre" (1967) hatte er eine solche Story schon verrückt genug inszeniert, bewahrte aber noch den authentischen Rahmen: Zwei Brüder, der eine Kunststudent in Prag, der andere Jagdflieger, verlieben sich in die springlebendige Jana.Pragmatisch kehrt der eine zu seiner Familie und Fliegereinheit zurück, kurz darauf stirbt er bei einem Unfall.Da sind auch dem anderen die Höhenflüge vergangen.Osteuropäische Schwermut liegt über den filigranen Szenen, aber gerade die leicht sentimentale Bitternis verleiht dem süßen Freiheitstraum die Würze.Die Schwarzweißbilder atmen ein Licht, das die Konturen fast verschwimmen läßt, und die wirbelnde Kamera Igor Luthers verschlägt noch heute den Atem.

Noch ein viertes Werk sollte diesen stürmischen Aufbruch ins europäische Kino begleiten.Die bedeutungsvolle Figuration des Todes "Deserteure und Pilger" (1968) frappierte damals dadurch, daß sie die Panzer der sowjetischen Invasoren in die Szenerie einbezog.Heute erscheint sie als Vorankündigung der apokalyptischen Gedankenwelt des Regisseurs.Gerade dieser Film festigte Jakubiskos Ruf als eines der ernsthaftesten und zugleich eigenwilligsten Talente der neuen osteuropäischen Kinematographie.

Der Regisseur harrte in Bratislava aus, bis seine Stunde wieder schlug.Das Projekt mit dem Bekenntnistitel "Bau ein Haus, pflanz einen Baum" verhalf ihm 1979 wieder zu Vertrauen, und für das ursprünglich vierstündige, dann auf zweiundeinhalb Stunden gekürzte Opus "Die tausendjährige Biene" (1985) flossen reichliche Mittel.Die von 1897 bis 1919 reichende Familiensage aus den Bergen erzählt von viel Liebe und viel Schmerz, Hochzeitsfeiern und Beerdigungsszenen sind die bevorzugten Topoi, am Schluß flattern die roten Wimpel der Revolution.Die Kostüme entsprangen nun keinerlei anarchischer Phantasie mehr, sie verwandelten die Darsteller vielmehr in historische Typen; nur in einzelnen Visionen zeigte sich noch die träumende Kraft des Regisseurs.

Die samtene Revolution 1989 brachte Jakubisko eine kurze Stunde der Zuversicht."Ich sitze auf einem Ast und fühle mich wohl", verkündete er 1990 und inszenierte die Geschichte zweier Kriegsheimkehrer, die 1954 aus dem Gefängnis freikommen und mit der Tochter ihrer gemeinsamen Freundin nach vorn blicken.Doch der Liebe fehlte das Begehren, und die Satire auf den Stalinismus wirkte wie ein Nachtrag.Jakubisko emigrierte in das ihm vertraute Prag; 1997 folgte das, von düsteren Symbolen überquellende, überlange Spätwerk "Unklare Botschaft vom Ende der Welt": Die Prophezeihungen des Nostradamus haben sich über den Regisseur gesenkt, und dieses Mal folgt aus dem Dreiecksverhältnis nur Sterben auf Sterben.

Babylon Mitte, bis 23.Oktober: "Vögel, Waisen und Narren" heute und Freitag; "Deserteure..." morgen; "Bau ein Haus..." Donnerstag; "Die tausendjährige Biene" (18.und 20.10.), "Auf Wiedersehen in der Hölle" (19.und 21.10.), "Ich sitze auf einem Ast ..." (22.10.) und "Unklare Botschaft" (23.10.).

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