Kultur : Der Mensch als Virus

JULIAN HANICH

Wenn es stimmt, daß gute Filme mit einem Erdbeben beginnen und sich dann langsam steigern, kann dieser Film nicht ganz schlecht sein."Virus" geht los mit einem gefährlichen Energiefeld, das wie ein Blitz zürnender Götter über die russische Raumstation MIR auf die Erde transmittiert wird.Mitten im Südpazifik schlägt es auf einem Forschungsschiff aus Rußland ein und verwüstet es.Unmittelbar darauf gerät ein zweites Schiff in einen Taifun und steht kurz davor, von der Naturgewalt verschlungen zu werden.Um dem Sturm zu entkommen, versucht die Besatzung (darunter Jamie Lee Curtis und William Baldwin) das Gefährt ins ruhige Sturmzentrum zu manövrieren - und entdeckt dort das verlassene Forschungsschiff.Kapitän Everton (Donald Sutherland), ein Aasgeier, den die Gier blind macht, wittert Geld.

Schon die Topographie dieses Films ist spannend genug: Mitten im Auge des Taifuns ruht das russische Totenschiff auf hoher See.Ein technologisch hochgerüstes Labyrinth aus engen Gängen.Ein Dschungel voll herunterhängender Kabel.Eine metallische Vorhölle mit düster-grauen Maschinenräumen, die vollgepackt sind mit Waffen.Dunkelheit und klaustrophische Enge sind ja nicht die schlechtesten Mittel für Dramatik.Und von Anfang an brennt die Lunte des Taifuns, der in der Ferne um die Schiffe tobt und immer näher rückt.

Die Crew glaubt anfangs noch scherzhaft an einen Piratenüberfall oder die russische Mafia.Doch der Spaß ist bald vorbei.Das extraterrestrische Energiefeld hat die Programme dieses hochtechnologisierten Schiffes übernommen und die Roboter zu intelligenten Wesen geformt.Wie Terminatoren wenden sich die Computer gegen die Menschheit, um sich ihrer Gehirne zu bemächtigen.Der Mensch wird selbst als Virus betrachtet und dient als Ersatzteillager für die Macht aus dem All.Gegen diese kann selbst die bleierne Feuerkraft von Maschinengewehren und Pumpguns wenig ausrichten.Beunruhigend, irgendwie.

Man kann diesen Virus durchaus als riesige Metapher für unsere alltäglichen Programmabstürze lesen.Wahrscheinlich spukt dahinter auch die Furcht vor dem Chaos mit den Computerumstellungen zum Jahr 2000.Doch daß sich die Maschine gegen den Menschen wendet, hat auch mit den uralten Ängsten zu tun, mit denen schon der Zauberlehrling und Doktor Frankenstein konfrontiert waren: Die ich rief die Geister, werd ich nun nicht los.Daß sich der Virus ausgerechnet über die MIR einschleicht, diese "orbitale Schrottlaube" auf der es zuging "wie in einer Mischung aus Kindergarten, Komödienstadl und offener Psychatrie" (Der Spiegel), darf man als frechen Seitenhieb gegen Rußland und sein Technologieniveau belächeln.

Manchmal erscheint John Brunos Film wie eine Fortsetzung der "Alien"-Saga.Schon die Konstellation einer Crew, die auf einem riesigen Schiff mit fremdartigen Wesen ringt, verweist darauf, und die insektenähnlichen Roboter wirken wie Verwandte von H.R.Gigers tödlichen Kreaturen.Und wenn Jamie Lee Curtis Auge in Auge mit dem Hochtechnologiewesen kämpft, steckt darin auch eine Reminiszenz an Lieutenant Ripley im Angesicht des Aliens.In "Virus" werden das Science-Fiction-Kino und der Katastrophenfilm zu einem nervenaufreibendem Spektakel gebündelt.Schnörkellos treibt der Film das Tempo voran, inklusive Schockeffekte und Gewalt.Doch gleichzeitig - auch das verbindet den Film mit der "Alien"-Tetralogie - schimmert durch die Actionoberfläche ein Merkmal gelungener Genrefilme: Der Film erzählt etwas über die Ängste unserer Zeit.

In 12 Berliner Kinos, OV im Cinemaxx Potsdamer Platz

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