Kultur : Der Mensch ist des Menschen Maschine

Der neue Michael Crichton ist da: Biotechniker forschen in der Wüste von Nevada, bis böse kleine Nanoteilchen dem Labor entweichen. „Beute“ ist ein brillanter Thriller. Und womöglich ein Zukunftsszenario, das eines Tages Wirklichkeit werden könnte

Stephan Lebert

Die ersten drei Sätze sind schon ziemlich gut: „Es ist jetzt Mitternacht. Das Haus ist dunkel. Ich weiß nicht, wie die Sache ausgehen wird.“ Die erste Seite dieses Romans ist das mit Abstand Spannendste, was ich seit langem gelesen habe. Die Fahrt auf der Achterbahn hat begonnen: Sie ist 440 Seiten lang.

Man müsste für die Würdigung von Michael Crichtons neuem Roman „Beute“ eigentlich zwei gesamte Zeitungs-Ressorts freiräumen, Feuilleton und Wissenschaft, und alles Übliche weglassen, Theaterpremiere, Essay, Krebsforschung. Und stattdessen die Geschichte des Biotechnologen Jack nacherzählen, der an seiner Frau plötzlich ein paar Veränderungen wahrnimmt: Sie duscht sich immer sofort, wenn sie nach Hause kommt, sie wird immer hübscher und sie hat schrecklich viel Energie. Zunächst vermutet Jack, dass sie eine Affäre hat. Es dauert lange, bis er erkennt, dass dies alles einen ganz anderen Grund hat. Was man bei Michael Crichton schon hätte ahnen können, denn die Psychologie der Mann–Frau-Beziehung ist nicht seine Sache: Sie ist nämlich ebenfalls Biotechnologin und in ihrer Firma gab es diesen Unfall, na ja, eigentlich sind nur ein paar Nanoteilchen entwichen. Das soll schlimm sein?

Das Feuilleton ist dafür der richtige Platz, denn Crichton erweist sich wieder als Großmeister einer besonderen Dramaturgie, die sich ausschließlich dem Prinzip Spannung unterordnet. Er verdichtet die Geschichte auf den Ich-Erzähler Jack und auf einen Countdown, der mit der Überschrift „1.Tag, 10.04 Uhr“ beginnt und mit „7.Tag, 23.57 Uhr“ endet. Wer seine Leser nicht langweilen will, kann viel von ihm lernen. Der Wissenschaftsteil ist ebenfalls geeignet, denn hier wird einer der kompliziertesten Wissenschaftsbereiche spielerisch erklärt, die Nanotechnologie, die nach Einschätzung der Experten unser Leben auf dramatische Weise verändern wird.

Die Nanotechnologie: Ihr Ziel ist es, Maschinen in der Größenordnung von milliardsteln Metern zu entwickeln. Nach Ansicht von Fachleuten werden diese Maschinen irgendwann über die unterschiedlichsten Fähigkeiten verfügen, die sich dann bestens für die Industrie, für die Krebstherapie aber auch für den Bau neuartiger Kriegswaffen eignen. Kurz: Wie alle anderen kann auch diese neue Technologie sowohl Segen als auch Fluch bringen.

Wir stecken längst mittendrin in dieser Entwicklung. Erste Nanomaschinen, etwa in der Medizin, gibt es bereits. Und natürlich ist es auch die Zeit von Prophezeiungen. Besonders drastisch hat dies der amerikanische Wissenschaftler und Präsidentenberater Ray Kurzweil getan: In seinem Buch „Homo Sapiens“ kündigt er die Verschmelzung der Nanotechnologie mit Computertechnik und Biotechnologie an. Dies werde bedeuten, so Kurzweil, dass sich Menschen via Computerchip bestimmte Eigenschaften in ihr Hirn laden, etwa die Eigenschaft russisch zu sprechen, bevor sie nach Moskau fahren, oder die Fähigkeit, nie mehr schlafen zu müssen. Seine Prognose: Der Mensch wird sich allmählich in eine Maschine verwandeln. Kurzweil findet dies übrigens prima, endlich überwinde der Mensch den Menschen.

Wenn Teilchen schwärmen

So weit ist es natürlich noch nicht. Vernünftige Wissenschaftler weisen daraufhin, dass die praktische Umsetzung vieler Ideen noch in den Kinderschuhen stecke. Aber auch die größten Skeptiker sind sich einig: Da steht eine Revolution bevor, in ein paar Jahren, spätestens in wenigen Jahrzehnten.

Michael Crichton hat an der Zeitschraube gedreht. Er beschleunigt: In der Forschungsstation in der Wüste von Nevada wird ein Schwarm von Teilchen entwickelt, die für militärische Zwecke mit kleinsten Kameras ausgerüstet sind. Damit diese Schwärme widerstandsfähig sind, gibt man ihnen biotechnologisches Rüstzeug mit. Man schafft also kleine, neue Wesen – Wesen, die überraschend böse werden. Das ist die Botschaft des Autors: Wir Menschen müssen endlich begreifen, dass unser Eingriff in das biologische System unserer Welt Folgen hat, und zwar eben unabsehbare. Es kann nicht nur sein, dass ein neues System eigene Gesetzmäßigkeiten entwickelt, es ist garantiert immer so. Man kann das Chaostheorie nennen oder sich an Goethes Zauberlehrling erinnern: Der Mensch muss einkalkulieren, dass er die Geister, die er ruft, sehr bald schon nicht mehr los wird.

Crichton ist 60 Jahre alt. Er hat Medizin in Harvard studiert, während seiner Dienste im Krankenhaus konzipierte er die erfolgreichste Fernsehserie der Welt, „Emergency Room“. Er schrieb unter anderem Romane wie „Coma“, „Andromeda“, „Enthüllung“, „Jurassic Park“, „Timeline“. Das Crichton-Prinzip: Ein kompliziertes Thema wird in eine spannende Handlung verpackt. Er verfasste außerdem Drehbücher, führte auch selbst Regie. Auch bei der „Beute“ hat Hollywood mit den Dreharbeiten bereits begonnen. Wenn er an einem neuen Buch schreibt, kennt niemand das Thema, nicht einmal seine Agentin. Allein die Ankündigung eines neuen Crichton genügt: Verlage blättern sozusagen blind Millionen auf den Tisch, und die Studios feilschen um die Filmrechte.

Wenn Physiker schimpfen

Dem „Stern“ antwortete Crichton auf die Frage, warum er seine Figuren charakterlich eher dünn ausstatte: „Weil mich das nicht interessiert. Ich verstehe durchaus, dass Menschen ein Gefühlsleben haben, aber das ist nicht mein Thema. Ich bin als Schriftsteller so etwas wie die erste Stufe einer Rakete. Ich kann eine sehr große thematische Last auf relativ geringe Höhe transportieren und einer Menge Menschen eine Einführung in ein wissenschaftliches Thema geben. Danach allerdings muss ein anderer übernehmen.“

Die „Beute“ ist Crichtons bislang bestes Buch. Das hat auch mit der immer komplizierteren und bedrohlicheren Wirklichkeit zu tun. Es ist höchste Zeit für eine Kassandra wie Michael Crichton, der ja auch noch außerordentlich medienbegabt ist. Das merkt man unter anderem daran, dass er sagt, er rechne in etwa fünf Jahren bereits mit einem Szenario, wie er es im Roman beschrieben hat. Er weiß eben, dass man, um Aufmerksamkeit zu gewinnen, immer den Faktor Zeit benötigt. Und seine Kassandra-Technik funktioniert: Ein Physiker hat ihm in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ inzwischen lautstark vorgeworfen, er betreibe Hetze gegen die Nanotechnologie. Das werfe die gesamte Forschung möglicherweise schwer zurück.

Michael Crichton, „Beute“, aus dem Amerik. von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Blessing, 448 S., 24 €. Ab heute im Handel

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