Kultur : Der Mensch ist entziffert: Das Werk der Gene

Thomas de Padova

Der Mensch mit ausgestreckten Armen und Beinen ließ sich einst in ein Quadrat und einen Kreis einpassen. Seine Maße schienen dem römischen Baumeister Vitruv so perfekt wie geometrische Figuren. Der Nabel bildete für ihn den Mittelpunkt des menschlichen Körpers. Leonardo da Vinci hat diesen Körper systematisch vermessen. Empirische Studien haben ihn zu neuen Proportionen geführt. Sie haben Kreis und Quadrat belassen, aber unter anderem die Scham in die Mitte des Leibes gerückt.

Wissenschaftler aus aller Welt stellen am heutigen Montag der Öffentlichkeit das beinahe komplette menschliche Genom vor. Sie präsentieren damit ein neues Bild des Menschen, das sich wieder einmal über vorgefasste Urteile hinweghebt. Es sprengt alle Kreise und Quadrate und damit jegliche zweidimensionale Harmonie.

Das Innere des Menschen ist maßlos verworren. Unser Körper besteht aus Billionen Zellen, die miteinander in ständiger Wechselbeziehung stehen. Jede dieser Körperzellen enthält das komplette menschliche Erbgut, also alle Gene, die für unsere Entwicklung und unser tägliches Leben von Bedeutung sind. Die Gene regeln sowohl die Abläufe in den Zellen als auch die Kommunikation zwischen ihnen. Das gesamte Repertoire solcher Anweisungen ist von unserer Geburt an in den unzähligen chemischen Verbindungen vorgesehen, die das Netzwerk der Gene ausmachen.

Wie beim Fadenwurm

Wie die Wissenschaftler nun herausgefunden haben, gibt es allerdings nicht so viele menschliche Gene, wie man zuvor vermutet hatte. Die Zahl unserer Gene ist mit rund 30 000 nicht viel größer als die des Fadenwurms. Allerdings ist unser Erbgut viel unübersichtlicher. Vor allem deswegen hat es so lange gedauert, bis die im internationalen Humangenom-Projekt zusammengeschlossenen Wissenschaftler und die der Firma Celera die Komponenten des Netzwerkes zu etwa 95 Prozent entschlüsselt hatten.

Das menschliche Erbgut besteht zu mehr als 95 Prozent aus heute bedeutungslosen chemischen Sequenzen. Die Gene darin zu finden, ist nicht leicht. Denn sie sind so unterschiedlich, dass sie in dem Gewirr kaum als solche auszumachen sind. Es gibt Gene, die aus mehr als zwei Millionen chemischen Verbindungen bestehen. Andere umfassen gerade einmal 20 dieser Substanzen. Und je mehr Gene die Forscher nach und nach mit ihren Sequenzierrobotern entzifferten, desto deutlicher trat zutage, dass unser Erbgut ein Ergebnis zufälliger Prozesse der Evolution ist. Es gibt unzählige Spuren in unseren Genen, die Viren und Bakterien dort hinterlassen haben. Die Mikroben haben ihre Gene vervielfältigt und in unser Genom integriert. Ohne sie sähe der Mensch heute anders aus.

Der neue Einblick in unser Genom wirft auch ein neues Licht auf Science-Fiction-Fantasien wie Steven Spielbergs "Jurassic Park". Der Film erweckte Dinosaurier zu neuem Leben. Gentechniker schufen darin aus Überresten des Dino-Erbguts ganze Lebewesen. Kleine Beimischungen von Frosch-Genen ersetzten die fehlenden Bausteine.

Die Komplexität des menschlichen Erbguts führt uns nun vor Augen, wie weit entfernt wir davon sind, auch nur einen Bruchteil der Gene eines Organismus ersetzen zu können. Wir erhalten dank der gewonnenen Daten ein angemesseneres Bild des Menschen. Ein Bild, das Ehrfurcht einflößt. Denn begreifen können wir dieses Netzwerk der Gene und die Geschichte der Menschheit nicht. Wir werden Kreis und Quadrat weiterhin als Hintergrund für ein erweitertes Verständnis unserer selbst benötigen.

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