Kultur : Der Mensch muss fallen

Natur in Gefahr: Ilija Trojanows Klimawandel-Roman „Eistau“

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Wenn das kein Stoff für einen guten, außergewöhnlichen, unbedingt zeitgenössischen Roman ist: Ein Glaziologe, also ein Gletscherwissenschaftler, der so in seinem Beruf aufgeht, dass er sich in das Objekt seiner Forschungen, in „seinen“ Alpengletscher geradezu verliebt; und der dann, als ihm dieser Gletscher im Gefolge der globalen Klimaerwärmung wegschmilzt, seinen Uniposten kündigt und nach kollegialer Fürsprache auf einem Antarktis-Kreuzfahrtschiff anheuert, um hier Touristen und Journalisten zu unterweisen, ihnen Wissen über das vermeintlich ewige Eis zu vermitteln. Denn „Eis zu erklären, das war es, was mich von Anfang für diese Aufgabe eingenommen hat, die mir aus zugezogenen Himmel ins Haus flatterte.“

Dieser Stoff scheint einem Schriftsteller wie Ilija Trojanow auf den Leib geschneidert zu sein, den kann vielleicht überhaupt nur einer wie er heranschaffen. Denn der 1965 in Sofia geborene, in Kenia aufgewachsene und in Wien lebende Ilija Trojanow ist nicht nur ein viel reisender, unermüdlich recherchierender Schriftsteller, der gern „Geschichte zur Wahrheit verfälscht“, wie er das einer seiner Figuren in den Mund gelegt hat. Sondern der versteht sich auch als politisch engagierter Schriftsteller, wie die 2009 von ihm mit Juli Zeh veröffentlichte, den Sicherheitswahn in Amerika und Europa anprangernde Kampfschrift „Angriff auf die Freiheit“ bewiesen hat.

Leider wollen die vielen Eigenschaften Trojanows in „Eistau“ nicht recht in literarischen Einklang kommen. Aus dem gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels brisanten Stoff wird kein wirklich guter, kein außergewöhnlicher Roman. „Eistau“ ist vielmehr ein engagierter Thesenroman, der nicht gleich Öko-Alarm schlagen, aber doch wachrütteln will, mit Sätzen wie „Ich will keine Menschen und kein Treiböl in der Antarktis, ich will, dass sie in Ruhe gelassen wird.“ Oder: „Stille? Ein Gut, so knapp, daß es erfolgreich vermarktet wird, gehütet in Schutzzonen, gehegt in Reservaten.“

So spricht Zeno, Trojanows Glaziologe und Ich-Erzähler – und klingt dabei oft wie Trojanow, der Zeitungskommentator. Demnach heißt es einmal: „Wie sollen lebende Autoren aufrütteln? Beschämung funktioniert nicht, Pathos funktioniert nicht, da alles kleingeredet wird. Und Gewalt? Wir verstehen einzig die Gewalt, die sich gegen uns richtet. Die Gewalt, die anderen angetan wird, bleibt für uns unverständlich oder stumm.“ Trojanow hat seinen trennungsgeschädigten Gletscherliebhaber natürlich mit einem Lebensgeschichte ausgestattet. Das Verhältnis zu seinem Vater ist problematisch, seine Ehe ist gescheitert, und auf dem Schiff unterhält er eine eigenartige Liebesbeziehung zu einer Phillipina.

Lebendig wird dieser Zeno trotzdem nicht, zu keiner tragischen Figur mit Brüchen und Widersprüchen. Das vierte Mal ist er nun als sogenannter Lektor und Expeditionsleiter auf der MS Hansen; einige Zwischenfälle auf der Fahrt entfachen seinen ultimativen Zorn auf die Menschheit, ihren fahrlässigen Umgang mit der Natur: Ein Soldat etwa schnippt eine Zigarette in eine Pinguingruppe; ein Künstler lässt die Passagiere des Schiffes sich auf dem Eis zu einem S.O.S.-Zeichen formieren.

Zeno ist so entsetzt, – das muss man annehmen, ganz klar wird es nicht – dass er das Schiff in die Irre führt, es womöglich entführt. Die Welt erhält per Funk Signale und verarbeitet sie zu breaking news: „Natur nicht in Gefahr. Menschen alle tot?“ oder „Gerettete Passagiere kehren glücklich heim“. Diese montiert Trojanow als kleine Zwischenkapitel, angereichert mit Sprachfetzen, Kalauern, Notizen von wem auch immer. Diese Kapitel sind eine dritte Ebene, die „Eistau“ weiter auseinanderfallen lässt. Sie reichert den Roman zusätzlich mit Kritik an den Medien an, wo er schon zwischen gut gemeintem Ökoweckruf und bemühter Poetisierung hin und her laviert.

Nach der Lektüre weiß man einiges über die Antarktis, über die Atmosphäre auf Südpol-Kreuzfahrtschiffen oder wie es an einem Ort wie King George Island mit seinen Forschungsstationen und Pinguinkolonien so aussieht. Das Schicksal von Zeno aber, seine Wut, die Konsequenz, die er daraus zieht, das alles lässt einen merkwürdig kalt.

Ilija Trojanow: Eistau. Roman. Hanser Verlag, München 2011. 172 S., 18, 90€.

Der Autor liest um 20 Uhr 30 im Anschluss an die Eröffnung des Literaturfestivals

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