Kultur : Der Menschenfischer

„Ich bin Pöbel – und stolz darauf“: Wie Israels linke Künstler den Rechtspopulisten Netanyahu hofieren

Arie Schorr

Jetzt ist er auf der politischen Bühne zurück. Sein Comeback hatte der von Skandalen belastete Ex-Premier Benjamin Netanyahu bereits mit einem Mediencoup vorbereitet. „Bibi“ Netanyahu traf sich vor zwei Wochen überraschend mit einer Reihe bekannter Theaterleute, Journalisten und Unterhaltungskünstler und trat mit ihnen in den Fernseh-Hauptnachrichten vor die Nation. „Was soll das denn?“, fragten sich viele israelische Zuschauer: Da steht er Hand in Hand mit jenen, die sich zuvor als seine Feinde verstanden. Unvergessen, wie Netanyahu auf einem Likud-Parteitag „all diese Linken, die die Massenmedien kontrollieren" verhöhnt hatte. „Die haben Angst! Die haben Angst", rief er in drohendem Stakkato. Seine Fans applaudierten: So hat er, in seiner ersten Karriere-Phase, Hof gehalten.

Andererseits: Wer außer Netanyahu könnte ein solches Treffen mit Künstlern, die er jahrelang brutal abgekanzelt hat, inszenieren? Er ist ein brillanter Menschenfischer, der mit dem Slogan „Auch ich bin Pöbel – und stolz darauf“ (das wurde ein beliebter Autoaufkleber) zum Kampf gegen die „alten Eliten“ aufrief – um sie durch eigene Leute zu ersetzen. Netanyahu ist ironischerweise der Sohn eines bekannten Historikers, der während der frühen Jahre des so genannten „roten“ Regimes in Israels akademischer Welt keinen Platz fand. Weshalb er in die USA ging, wo sein Bibi eine vorzügliche Ausbildung erhielt. Nun hat sich dieser „Offizier, der Politiker wurde“ und zahlreiche Untersuchungsausschüsse mit Korruptionsaffären beschäftigte, entschieden, Sharon die Likud-Führung abzunehmen – und auf diesem Weg seine vormals schärfsten Kritiker zu umwerben. Die Gelegenheit ergab sich, weil einige von ihnen als Mitglieder der Künstlergewerkschaft seine Hilfe brauchen: Sie wollen ein Gesetz zum Schutz des künstlerischen Urheberrechts durchbringen, dessen Sicherung in Israel zu wünschen übrig lässt.

Dass Netanyahus neue Alliierte aus der Arbeiter- und Friedensbewegung stammen, ist ihm wohlbewusst. Von Kulturleuten ist er bislang, wann immer er als Ministerpräsident (1996 – 99) vor ihnen auftrat, ausgebuht worden. Seinem Mitstreiter Ehud Olmert ergeht es heute noch so, wenn er als Bürgermeister das Jerusalem Film Festival eröffnet. Doch der Falke und Rechtspopulist Netanyahu sucht seine Rehabilitierung. Zu seinen neuen Helfern gehört Illy Gorlitzky, einst ein Star des Boulevardtheaters, Tänzer, Sänger – und linker Aktivist. Immer noch eine populäre Figur, hat er inzwischen allerdings zum Börsen-Broker umgesattelt. Auch Riwka Michaelis ist sich nicht zu schade für Bibi. Sie war die Frontfrau der TV-Satire „Nikuy Rosh“ („Kopfwäsche“), die in den Jahren nach dem Yom-Kippur-Krieg Rabin und Golda Meir Kopfschmerzen bereitete. Politiker versuchten, den Channel 1 wegen dieser Serie abschalten zu lassen, einmal blieb der Bildschirm stundenlang schwarz. Heute ist Riwka eine einflussreiche Fernsehmoderatorin. Weitere Künstler auf Bibis Liste sind die große Schauspielerin Yona Elian und Shaike Levy, der Baby-Face-Komiker: Sein oft prämiertes Trio „Hagashash Hachiver“ (das auf Wunsch des Publikums regelmäßig zum Revival zusammenkommt) hat sogar einmal den „Israel Prize“erhalten, der vom Präsidenten am Unabhängigkeitstag verliehen wird.

Setzen diese Künstler alle ihre Unabhängigkeit aufs Spiel? Es hat sich etwas verändert in Israel. Jahrzehntelang standen hier die meisten Intellektuellen und Künstler links. Doch seit Rabins Ermordung 1995 geht die Stimmung nach rechts. Außerdem ist Israel, nicht zuletzt durch Immigranten aus Russland, ein anderes Land geworden. Gerade wurde ein russischer TV-Kanal eröffnet. Am ersten Tag interviewte man Netanyahu, der sofort loslegte: Nachdem Shimon Peres, sein Vorgänger als Außenminister, erledigt sei, trete er jetzt für „Freiheit, Freiheit“ ein, im Gegensatz zu den „Bolschewiken“. Die Zuschauer wussten: Damit meinte er Peres und den bisherigen Arbeiterpartei-Chef Ben-Eliezer. Kein Wort zum Versagen der eigenen Regierung. Als ob es draußen, vor dem Studio, keinen Terrorismus gäbe, kein Wirtschaftsdesaster. Als ob nicht Israels Zusammenhalt dramatisch gefährdet wäre.

Kurioser Ritterschlag

Die gemäßigten Israelis, sagt der Schriftsteller David Grossmann, haben sich in den letzten Jahren von den politisch Extremen „kidnappen“ lassen und sich – wie ein Entführungsopfer, das sich mit dem Kidnapper identifiziert – in die Rechtspopulisten verliebt. Gerade bei den Intellektuellen sei die Bereitschaft groß, sich den Mächtigen unterzuordnen. Netanyahu mache es nichts aus, seine Forderung nach einem Wechsel der Eliten zu vergessen, sobald er die alten Eliten brauche. Jetzt erhalte er von ihnen den ersehnten Ritterschlag. Dabei sehe es fast so aus, als ob Bibis kulturelle Steigbügelhalter ihn um seine Popularität beneideten.

Die Israelis haben seit dem Tod Rabins ihr politisches Rückgrat verloren. Das Verhalten der Künstler, die sich als Bibis Hofstaat Vorteile sichern wollen, ist ein Symptom dafür. Umso unverhoffter trifft uns dieser Tage der Antritt Amram Mitznas als Chef der Arbeiterpartei. Ein Politiker mit sozialem Bewusstsein! Der Schriftsteller Elie Amir hat bereits erklärt, er werde an Mitznas Seite für die Knesset kandidieren. Ob Israels Linke sich doch erholt? Ein Moment großer Hoffnung.

Der Autor ist Redakteur beim staatlichen Radiosender „Kol Israel“ in Jerusalem. – Aus dem Englischen von Moritz Schuller.

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