Kultur : Der Messias als Schwulenkönig

PETER BECKER

Nächste Woche soll sich in einem kleinen Berliner Privattheater etwas Ungewöhnliches begeben.Ein schlichter Handwerker führt einen Rechtsstreit: gegen Gott.Seine Frau heißt Maria, ihr Kind ist Jesus, das ganze Verfahren nennt sich "Der Vaterschaftsprozeß des Joseph Zimmermann".Die Erfolgsaussichten der Klage sind vermutlich gering, doch soll das Stück sehr witzig sein; es ist eine "Komödie aus dem Jahre Null", geschrieben und inszeniert von Ephraim Kishon (siehe auch S.35).Vor der Weltpremiere in der Charlottenburger Tribüne gibt es die erste Voraufführung am 9.November.

Man stelle sich vor, daß an dem Plot des israelischen Erfolgsautors die katholische Kirche oder einige besonders Strenggläubige plötzlich Anstoß nähmen; daß sie die Absetzung des Stückes verlangten und vor dem Theater-Tatort in Scharen gegen das Stück protestierten, gegen seinen Autor, gegen eine Veralberung oder Verunglimpfung der Jungfrau, ihrer unbefleckten Empfängnis - und eines Herrgotts, der sich Blutproben unterziehen soll und beteuert "Ich habe ihr nie einen Heiratsantrag gemacht".Das alles fände just auch noch am 60.Jahrestag der Nazi-Pogromnacht in Deutschland statt.Eine aberwitzige Idee.

Läßt man aber jene womöglich nur zufällige kalendarische Koinzidenz und die besondere historische Verstrickung beiseite, dann drängt sich der Vergleich auf mit dem Fall "Corpus Christi" in New York.Noch immer stehen dort radikale Mitglieder der Catholic League allabendlich an der 55.Straße in West-Manhattan und bedrängen Theaterbesucher mit Parolen und Flugblättern wie "Hate Crime against Jesus".Dem Urheber des "Haß-Verbrechens", einem eher schüchtern wirkenden, schüttergrauen Herrn von knapp 60, wird vorgeworfen, daß er Christus und die Christenheit nicht mit satanischen Versen, doch der dramatischen Vorstellung beleidige, Jesus und seine zwölf Apostel hätten neben einer religiösen auch eine schwule Gemeinschaft gebildet.Niemand außerhalb des Manhattan Theatre Clubs hatte zwar den (top secret gehaltenen) Text gelesen, doch reichten Gerüchte über das neue Stück von Terrence McNally, um dem Theater vor der Uraufführung mit Bomben zu drohen.Offenbar dachte man in Manhattan gleich an Oklahoma und setzte die Proben zu "Corpus Christi" aus.Erst als der legendäre südafrikanische Anti-Apartheid-Dramatiker Athol Fugard dem Theatre Club, einer renommierten Off-Broadway-Bühne, wegen solcher Mutlosigkeit sein neuestes Stück entziehen wollte und amerikanische Autoren und Intellektuelle für McNally die Freiheitsrechte der Verfassung reklamierten, fand die Premiere unter Polizeischutz, begleitet von Straßendemonstrationen, doch statt (vgl.Tagesspiegel vom 19.Oktober).

Wenige Kritiker von auswärts sind in das bis Ende November laufende, von Anfang an ausverkaufte Stück gelangt.Der Rumor ersetzte die Realität, und die amerikanischen Rezensionen waren ernüchternd.Zu Recht.Wer durch Beziehungen (und gegen 50 Dollar für einen mittleres Platz) in die mit flughafenähnlichen Sicherheitskontrollen bewachte Aufführung gelangt, wird endgültig zum Opfer: einer wahnhaften Debatte.So herzlich harmlos ist das alles.

Dreizehn junge Männer, sympathische Eleven, die in altbackener Märchenerzählermanier das Publikum direkt adressieren und dabei, durch die Gegenpropaganda eingeschüchtert oder übervorsichtig geworden, immer wieder die eigene Nettigkeit demonstrieren, sie spielen die Geschichte eines gewissen Joshua alias Jesus aus Corpus Christi, dem texanischen Herkunftsort auch des Autors McNally.Joshua wird von seinem Schulfreund Judas verführt, wird auf der "Pontius Pilatus Highschool" von einem Pater ein paarmal zwischen die Beine gegriffen; im übrigen hat er als James-Dean-Fan im Kino zwölfmal "Jenseits von Eden" gesehen, vollbringt die bibeltreu nacherzählten Wunder und wird doch zum zähen, zag angedeutetenEnde hin als "König der Schwulen" gekreuzigt.Warum in Texas oder Florida freilich römische Centurionen auftreten und noch solch testamentarische Todesarten herrschen, bleibt willkürlich unklar.Überhaupt hat Terrence McNally, bekannt geworden durch sein auch in Deutschland vielgespieltes Callas-Stück "Meisterklasse" und die zur Zeit auch in Berlin zu sehende "Lissabonner Traviata", hier keine irgend skandalöse oder gar spannende Neufassung der Christus-Geschichte erfunden: hat also nicht wie etwa Leonard Bernstein in der "Westside Story" einen mythisch aufgeladenen Stoff in die (damalige) amerikanische Gegenwart versetzt.Alles, was das Thema an Assoziationen zu heutigen Sekten und jungen Gurus (oder einem "Jesus Christ Superstar") bietet, hat McNally verspielt oder übersehen - und nicht einmal rechtsradikale Fanatiker lynchen den schwulen, jüdischen Outsider.Es sind doch nur Märchenmörder, amerikanische Asterixrömer.

Vorbei scheinen die Zeiten, da Buñuel oder Grotowski, da Genet oder Pasolini in ihren Filmen, Dramen, Aufführungen die Blasphemie als Nachtseite aller Religion beschworen und in der Sexualität und im Orgiastischen (nach Bataille) den "heiligen Eros".Das Peinliche an "Corpus Christi" ist eher: die als Frivolität getarnte Prüderie, die als Ketzerei suggerierte Bigotterie.Sie ist in den USA sehr en vogue: Auch die neue, in Los Angeles spielende Hollywood-Adaption von Peter Handke und Wim Wenders Film "Der Himmel über Berlin", die "Stadt der Engel" ("City of Angels"), sie benützt die höheren Mächte vor allem als Verbündete für eine auch Frömmlern und Fundamentalisten heimleuchtende Love-story.

Die Erotik bis ins Sadistische spielerischstilisierenden Fotografien Robert Mapplethorpes boten vor Jahren schon Anlaß für eine amerikanische Auseinandersetzung über Kunst und Zensur.Während der Bush-Regierung wurde der (nahe dem Weißen Haus gelegenen) Cocoran Gallery of Art in Washington mit dem Entzug von Subventionen gedroht und eine geplante große Ausstellung des 1989, kurz zuvor, an Aids gestorbenen Künstlers abgesetzt."Corpus Christi" taugt dagegen nur noch zum Corpus delicti einer verspäteten, konservativ-fundamentalistischen Regression.Schattenhafter Reflex auch der Clinton-Starr-Debatte.Bisher aber hat die amerikanische Gesellschaft auf alle Hysterien und Versuche einer wahl- und kulturkämpferischen Überinstrumentierung der family values mit Gelassenheit reagiert.Man schüttelt den Kopf, nicht empört, nur verwundert.

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